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Warum muss alles immer so verdammt glatt und perfekt sein?


Ihr Leben ist oft alles andere als perfekt. Trotzdem ist Alexandra Reiners glücklich damit - und hat keine Lust, sich zu einem "glänzenderen Ich" zu optimieren.
Alexandra Reiners, 43, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes. Ihre ersten Geschichten hat sie als Grundschulkind verfasst, eine davon wurde in einem "Käseblättchen" veröffentlicht. Über ihre Erfahrungen als ehemalige Angstpatientin hat sie Bücher geschrieben und eine telefonische Mutsprechstunde für andere Betroffene eingeführt. Im April ist ihr erster Roman "Wildblumen" erschienen.
Alexandra Reiners, 43, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes. Ihre ersten Geschichten hat sie als Grundschulkind verfasst, eine davon wurde in einem "Käseblättchen" veröffentlicht. Über ihre Erfahrungen als ehemalige Angstpatientin hat sie Bücher geschrieben und eine telefonische Mutsprechstunde für andere Betroffene eingeführt. Im April ist ihr erster Roman "Wildblumen" erschienen.
© Privat

Kennt ihr das? Ihr geht in ein Geschäft, um euch ein neues Paar Schuhe zu kaufen und stellen euer altes etwas verschämt zur Seite, weil nicht zu übersehen ist, dass das Lieblingspaar seine besten Zeiten hinter sich hat. Seitlich abgelaufen, verformt und verschlissen macht es im grellen Verkaufsraum keine gute Figur mehr. Erschöpft von den mehr als sieben Meilen, die diese treuen Wegbegleiter bereits gelaufen sind, stehen die Chancen für eine Erstplatzierung im Schuhe-Schönheitswettbewerb nicht gut.

Und genau wie dieses alte Paar Schuhe fühle ich mich an manchen Tagen.

Erwartet jetzt keine herzergreifende Geschichte und vor allen Dingen kein Selbstmitleid. Ich befinde mich in keiner Krise und wünsche mir kein besseres Leben. Um Missverständnisse gleich aus dem Weg zu räumen: Nein, ich fühle mich nicht minderwertig, hässlich oder nicht mehr gebraucht.

Wenn ich ehrlich bin, finde ich mich und mein Leben sogar ganz in Ordnung. Mit Mitte Vierzig und als Mutter eines Sohns, der die heimischen Gemäuer relativ unspektakulär verlassen hat, um ein eigenständiges Leben zu führen, stehe ich mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Und auch meine Ehe, die nun seit über zwanzig Jahren nicht nur auf dem Papier stattfindet, erfüllt mich auch heute noch mit Glück.

Ich habe nach dem Auszug meines Sohnes weder an einem Leere-Nest-Syndrom gelitten, noch beabsichtige ich mir in meinem Alter ein Bauchnabelpiercing stechen zu lassen, um meiner vergangenen Jugend ein Denkmal zu setzen. Meine Hormone machen mir zeitweise Probleme und ich experimentiere mich durch verschiedene pflanzliche Mittel, um Symptome wie Reizbarkeit und Hitzeschübe in Grenzen zu halten.

Und ich habe mich damit abgefunden, dass, auch wenn ich zwei Liter Wasser am Tag trinke, meine Haut bei Weitem nicht mehr so elastisch ist wie vor einigen Jahren. Was auch bedeutet, dass ich mir keine Cremes mehr aus der Werbung kaufe, in denen mir Frauen um die Zwanzig weismachen wollen, dass die Zeichen der Hautalterung in jedem Stadium bekämpft werden können.

Ich bin in meinem Alter auch nicht mehr so naiv zu glauben, dass die Krähenfüße um meine Augen Lachfalten sind, weil einem, erstens, im Leben nicht immer zum Lachen ist und man, zweitens, den Tatsachen doch einfach auch mal ins Gesicht sehen kann.

Ich bin dieses alte Paar Schuhe

Wir waren bei den Schuhen.

Während ich also mit meinen ehrlich gemeinten Überzeugungen durch meine eigene Welt laufe, kann ich nicht leugnen, verunsichert zu sein, beziehungsweise es zu werden.

Ich bin also dieses alte Paar Schuhe. Mit Macken, Kanten und Erfahrungen, und befinde mich in einer Welt, in der alles blitzt und glänzt.

Für jede Befindlichkeit, für jedes Problem und für jedes Ungleichgewicht gibt es in diesem Verkaufsraum Erklärungen und Angebote von Menschen, die es gut mit mir meinen und ungefragt Lösungen präsentieren.

Das Kind bricht die Ausbildung ab. Der Ehemann ignoriert bereits zum gefühlt hundertsten Mal die Aufforderung, Taschentücher aus der Hose räumen, bevor er sie unachtsam zum Waschen neben den Wäschekorb schmeißt. Die Mutter ruft im Stundentakt im Büro an, obwohl man sie gebeten hat, sich wirklich nur im Notfall auf der Arbeit zu melden.

Die Muskeln schmerzen, aber man beklagt sich nicht, weil man die Termine zur Massage zum wiederholten Mal abgesagt hat und sich schon gar nicht mehr traut, dem Behandler unter die Augen zu treten. Sport wird auf die nächste Jahreszeit verschoben und gesunde Ernährung hört sich eigentlich in der Theorie gut an. Die innere Ruhe gleicht einem hohen Wellengang und Yin und Yang spielen Verstecken in einem erschöpften Körper.

Kein Problem, mit etwas Willen, Einsicht und vor allem mit Liebe für sich selbst, seien diese kleinen Wehwehchen schnell aus der Welt zu schaffen, sagen diese Menschen. So leuchtet ihr Heiligenschein noch etwas heller von den Plakaten und auf den Fernsehschirmen, während sie, nicht ohne zwischen den Zeilen auf die Unfähigkeit des Betreffenen hinzuweisen, verständnisvoll seine gebeugte Schulter klopfen.

Warum muss alles immer perfekt sein?

Es ist nicht so, dass ich mich komplett vor Ratschlägen verschließen möchte und ich habe tatsächlich auch schon einige Tipps liebend gern angenommen. Aber mir widerstrebt es, wenn man mir weismachen möchte, dass im Leben alles machbar ist, wenn man es nur genug will. Natürlich ist vieles machbar und das ist gut so, aber einiges eben auch nicht.

Warum kann man nicht dieses alte Paar Schuhe sein, warum kann man nicht gute Vorsätze entweder schnell verwerfen oder gar nicht erst treffen? Warum darf man seinen Partner manchmal auch mal nicht lieben, ohne dass gleich die ganze Beziehung angezweifelt wird? Warum darf man nicht auch mal enttäuscht, verletzt, ängstlich und missmutig sein? Warum wird man schief angesehen, wenn man einfach nicht den Mut aufbringt, Dinge, die einem vielleicht schaden, zu verändern? Warum muss alles immer so verdammt glatt und perfekt sein?

Ich bin nicht wütend auf die Menschen, die mir aus teilweise unbekannten Gründen erklären wollen, dass man die Welt nicht auch mal in Grautönen sehen darf. Ich bin eigentlich wütend auf mich, wenn ich mich durch Ratgeber jeglicher Art verunsichern lasse, statt auf meinem Kurs zu bleiben. Ich bin wütend, wenn ich mich anzweifle, obwohl es keinen Grund dazu gibt. Und ich bin wütend, wenn ich plötzlich meine, ein neues Paar Schuhe werden zu wollen, obwohl ich als altes Paar doch zufrieden bin. Ich bin nicht immer mit mir und meinem Verhalten einverstanden und doch möchte ich mich auf die guten Seiten an mir konzentrieren und es aufgeben, mich für scheinbar schlechte Eigenschaften selbst zu verurteilen.

Meine Oma sagte immer: "Wenn dir das nicht gefällt, was du im Spiegel siehst, dann nützt es nichts, einen neuen zu kaufen."

Ich kann dem nur hinzufügen, dass es auch nichts nützt, gar nicht erst in den Spiegel schauen, nur weil man glaubt, den eigenen und den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen.


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