Erbstreit: Wie mein Traum zum Albtraum wurde

BRIGITTE.de-Leserin Sabine Wallefeld wurde in einen Erbstreit verwickelt. Hier erzählt sie, wie es ist, wenn die Familie einem den Krieg erklärt.

Sabine Wallefeld hat fast 30 Jahre als Gymnasiallehrerin gearbeitet, bis sie ihrer Berufung folgte. Heute ist sie Autorin und Malerin und hat in Hülsenbusch, einem kleinen
Dorf nahe Köln, ein Künstlerhaus eröffnet.

Ich begann ein neues Leben

Es war an einem dunklen Novembertag, als ich wusste, dass ich eine Wende in meinem Leben brauchte: raus aus dem Alltag, raus aus der Stadt.

Ich kündigte Arbeit und Wohnung und zog aufs Land. Erinnerungen an die Heimat machten es mir leicht. Erinnerungen an den großen Garten, die Bienen des Großvaters, den Duft von Honig und das Harz des Tannenwaldes.

Im Mai zog ich ins Elternhaus zurück. Die Eltern vererbten ihre beiden Häuser an je eine Tochter. Das Erbe war einvernehmlich und gerecht aufgeteilt. Ich trat an, Haus und Hof zu übernehmen. Ich trat an, meine Eltern zu unterstützen. Große Pläne. Bereit für neue Verantwortung.

Ich, die alleinerziehende Mutter, war mit meinem Sohn heimgekehrt zu Eltern und Großeltern. Alles schien gut und richtig. Bald jedoch mischten sich Zweifel in die Euphorie. Mit dem Einzug in dieses Haus war ich wieder Kind. Etwas, über das man bestimmen kann, ein Mensch, den man geboren hat, der einem gehört und dem man niemals auf Augenhöhe begegnen kann.

Schnell legte sich Atemlosigkeit über mein Leben. Freiheit? War das im Haus der Eltern möglich? Mehr und mehr fühlte ich Enge. Enttäuschung legte sich zwischen uns wie eine Wand.

Dann starb der Vater, ich pflegte ihn die wenigen Wochen, bis seine Lebenskraft schwand. Leise ging er. Wir nahmen Abschied, innig, in diesen Wochen zwischen Leben und Tod. Er war nicht mehr hier und auch noch nicht weg. Ergriff meine Hand, schien zu begreifen, wer ich war, was wir uns waren. Ich liebte ihn.

Ein Brief stellt alles infrage

Was danach passierte, war wie eine Lawine, die Menschen jäh unter sich begräbt. Unfassbar. Grotesk. Es ist die Geschichte einer Familie, die durch Gier zerbricht, sich durch niedere Gefühle wie Eifersucht und Konkurrenz in Windeseile auflöst.

Die Mutter reist an einem verschneiten Dezembertag nach Norddeutschland zu ihrer zweiten Tochter, um dort Weihnachten zu verbringen. Sie verabschiedet sich, in der Hand einen kleinen Koffer. Alles scheint gut. Wir feiern Advent, Weihnachtskarten füllen meinen Briefkasten. Nur ein Brief sieht förmlich aus. Ich öffne vorsichtig, lese, glaube nicht, was dort steht, schaue in das Schneetreiben vor dem Fenster. Falle wie die Flocken, die verwirbeln, stürzen.

Ich soll mein Haus im Januar verlassen. „Zügig“, schreibt der gegnerische Anwalt. Meine Mutter ist nicht mehr meine Mutter, sondern Gegnerin, die knallharte Forderungen stellt: Die Rückforderung von Haus und Hof. Enteignung zu Weihnachten. Die Gründe sind fadenscheinig. Gründe, erwachsen aus der Gier meiner Schwester nach Besitz.

Ich hoffte, dass alles nur ein Irrtum war

Ich beschließe, zu bleiben. Was konnte den Entzug meines Erbes rechtfertigen? Ich wollte standhalten, hoffte an eine vorübergehende Laune der Mutter. Hoffte auf einen Irrtum, resultierend aus einer beginnenden Demenz.

Als die Frist verstreicht und ich bleibe, beginnt das Mobbing. Man nutzt die Hausschlüssel der Mutter, dringt ein in Gebäude und Garten, wann immer man will, tags, nachts. Ich fühle mich entehrt. Stil, Stolz und Integrität werden mir genommen.

Damit ich mein Haus Mutter und Schwester überlasse, setzt psychologische Kriegsführung ein. Der Opferschutz der Polizei steht mir bei. Aber ich vereine zwei Kriterien für ein leichtes Opferprofil: Ich bin eine Frau und ich lebe allein. Es wird gedroht, gedemütigt, genötigt. Mein Cabrio ist zerkratzt, in mein Garagendach sind Nägel geschlagen, sodass der Regen eindringt. Zahllose Pflanzen aus meinem Garten sind ausgegraben, der Apfelbaum ist tot.

Die Androhung eines Profikillers raubt mir den Schlaf. Abend für Abend krieche ich wie ein Einbrecher im Dunkeln in mein Bett, wage nicht, das Licht anzumachen.

Wie weit werden sie gehen?

Was macht das alles mit meiner Seele? Mein Zuhause ist nicht mehr mein Zuhause. Selbst meine Nachbarn begegnen mir mit Argwohn. Ich träume von einem Ort, an dem ich Ruhe finde.

Wie weit werden sie gehen? Ist dieses Haus es wert, sein Leben dafür zu geben? Dem inszenierten Irrsinn unbeeindruckt die Stirn bieten, das war mein Ziel. Bleiben. Einfach in Frieden weiterleben. Geht das, wenn der Krieg erklärt wird? Der Krieg um das Erbe des Vaters? Wenn der geistige Abbau der Mutter perfide ausgenutzt wird, um sie dahingehend zu manipulieren, dass sie der eigenen Tochter mit Hass begegnet?

Ich stecke in einer Geschichte der Zerrüttung, die in Zerstörung enden wird. Befinde mich mitten in einem unwirklichen Theaterstück, in dem ich keine der Figuren sein möchte. Ein inszeniertes Drama ohne Sinn und Verstand. Eine Tragödie, völlig überflüssig und vermeidbar, ohne jede Würde.

Wie kann ich meine Prinzipien retten? Meine Haltung, meinen Ruf, mein Leben?

Leben bedeutet Sein. Darum bin ich Autorin und Malerin. Ich will das Leben begreifen, gestalten, lieben. Doch meine Familie will Besitz, Status und Macht.  

Gehen oder bleiben? Tags erzählt der blühende Garten von den wunderbaren Sommern mit dem Großvater, nachts flüstert es aus allen Fugen des Gemäuers von Ablehnung, Verachtung und Vernichtung.

Meine Haut ist dünn geworden. Und mich treibt die Frage um, wann ich mein Haus mit einer Heimat im Herzen verlassen werde, die mir niemand neiden, niemand nehmen kann.

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