Helikopter-Eltern: Warum ihre Kinder später ein Problem haben

Mareike Müller, 58, arbeitet freiberuflich im Marketing und lebt mit ihren zwei Kindern und Familienhund Luca in der Nähe von Köln. Ihr Sohn, 20, absolviert gerade ein soziales Jahr in Kolumbien und ihre Tochter, 17, ein einjähriges, schulbegleitendes Praktikum in einer Kommunikationsagentur. Das lässt ihrer Mutter viel Zeit für lange Wanderungen mit dem Hund oder Yoga, was ihr hilft, den Alltagswahnsinn besser zu bewältigen.

Helikopter-Eltern? Gab es schon vor 20 Jahren, sagt Mareike Müller. Sie überwachten ihre Kinder, wollten nur das Beste - und erreichten damit genau das Gegenteil. Lasst Euren Kindern mehr Freiheiten, fordert unsere Leserin daher in ihrer "Stimme".

Was mich schon seit Jahren zur Weißglut bringt, sind andere Mütter. Aus diesem Grund wähle ich meine Kontakte sorgfältig aus und vermeide den Umgang mit ihnen, obwohl ich selbst Mutter eines Sohns (20) und einer Tochter (17) bin.

Als ich vor rund 20 Jahren mit meinem Sohn schwanger war, fragte ich eine junge Mutter und Freundin, was für sie die größte Herausforderung als junge Mutter sei. Sie antwortet frank und frei: "Die anderen Mütter, die einem das Leben zur Hölle machen, weil ihre Kinder schöner, besser, schneller, klüger, einfach perfekter sind, weil sie schließlich die allerbesten Mütter der Welt, ach nein, des gesamten Universums sind, vor allem weil sie ihre Brut perfekt überwachen und kontrollieren." Ich konnte das gar nicht glauben, dachte ich bis dahin doch, die meisten Frauen sind meine Verbündeten und Eltern wollen doch immer nur das Allerbeste für ihren Nachwuchs.

Doch es kam genauso, wie diese junge Mutter mir prophezeit hatte: Andere Mütter stellen sich gern als die perfekten Erzieherinnen dar und geben damit an, was ihre Kinder alles schon können. Bald floh ich aus der Welt der Baby-Massage-Gruppen und Kinderspielplatzrunden wieder in meine Bürowelt, um diesem Gruppenzwang zu entfliehen. Inzwischen habe ich viel lieber Kontakt zu kinderlosen Menschen, denn mit ihnen kann ich besser über die Dinge sprechen, die mich in meiner jetzigen Lebensphase beschäftigen, wie Kunst und Kultur oder allgemeine, philosophisch-politische Themen.

Doch den Eltern kann ich nicht entfliehen. Sie sind überall und überwachen ihre Kinder. Als ich neulich im Park mit meinem Hund auf der Hundewiese (!) spazieren ging, fuhr ein Vater mit seinem Sohn, natürlich behelmt und mit diversen Schutzteilen bekleidet, auf mich und meinen Hund zu. Mein Hund sprang dem Fahrrad fröhlich entgegen. Das Kind schrie wie am Spieß. Ich stürzte mich sofort über meinen Hund und leinte ihn an. Es war absolut nichts passiert, aber ich musste mir einen zwanzigminütigen Vortrag darüber anhören, dass dieses Kind jetzt traumatisiert sei. Nach zirka 20 Entschuldigungen und der Lüge, dass ich in Zukunft meinen Hund auch auf der Hundewiese anleinen werde, durfte ich dann gehen. Seitdem meide ich Eltern mit Kindern, wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe.

Früher, vor rund 20 Jahren, nannten wir sie Übermütter und ein Musterexemplar machte mir und meinen Freundinnen das Leben im Kindergarten zur Hölle. Sie war hauptberuflich Mutter von zwei Töchtern, die exakt das Alter meiner Kinder hatten, und eine ihrer Hauptbeschäftigungen war es, ihre Kinder zu kontrollieren, und um die volle Kontrolle über den Kindergarten zu haben, war sie natürlich Elternratsvorsitzende. Auch in der Grundschule und später im Gymnasium kontrollierte sie die Lehrer auf Einhaltung der Lehrpläne, die sie sich vom Kultusministerium schicken ließ, und quälte uns alle auf Elternabenden in ihrer Funktion als Elternsprecherin.

Um dieser Höllenmutter aus dem Weg gehen zu können, wählte ich für meine Tochter eine andere Klasse. Zwanglos konnte ich wieder zu Elternabenden gehen, auf denen dann unbedarfte Diskussionen mit herrlich normalen Eltern stattfanden. Denn zum Glück gab und gibt es ja auch völlig entspannte Eltern. Vielleicht sind diese sogar in der Überzahl - ich hoffe es zumindest -, doch die anderen verstehen es, sich in den Vordergrund zu spielen, weil sie sich überall als Besserwisser aufspielen.

Nun, rund 17 Jahre später, Kindergarten, Grundschule und Gymnasium liegen bei meinem Ältesten hinter mir, habe ich mich natürlich oft gefragt, was aus den Kindern der Übermütter von damals geworden ist. Die meisten haben, wie auch die beiden Töchter der Höllenmutter, zwar die Totalüberwachung überlebt, sind aber lebensuntauglich: Sie wagen es nicht, mit Freunden oder Freundinnen in Urlaub zu fahren, hocken zu Hause und kiffen sich um ihren Verstand und trinken im Übermaß. Allen gemeinsam ist, dass sie unglücklich und verzagt wirken. Sie sind es gewohnt, ständig von Erwachsenen umgeben zu sein, und es ist ihnen kaum gelungen, Kontakte zu Gleichaltrigen aufzubauen. Außerdem hängen sie ständig am Handy, denn das wurde ja zum Überwachungsgerät ihrer Eltern.

All diese Eltern haben anscheinend eins gemeinsam: eine grundsätzliche Lebensangst, die sie auf ihre Kinder übertragen. Sie glauben fest daran, wenn sie die perfekten Eltern sind, werden ihre eigenen seelischen Wunden geheilt und sie so etwas wie Glück und Zufriedenheit spüren. Perfekte Eltern heißt für sie "perfekte Überwachung", und diese hat rund um die Uhr stattzufinden. Dabei leben sie in ständiger Angst um ihre Kinder, die sie daran hindert, ihr Familienleben zu genießen und einfach mal loszulassen.

Wir können unsere Kinder nicht vor allen Gefahren bewahren, aber wir können ihnen Werkzeuge mit an die Hand geben, um zu erkennen, wie böse diese Welt sein kann. Eins dieser Werkzeuge ist die Schärfung unserer Instinkte. Ohne Freiheiten und unbeschwertes, nicht-überwachtes Spiel haben Kinder nicht die Chance, sich frei und selbstbestimmt zu entwickeln. Somit erreichen Helikopter-Eltern genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollen: lebensuntüchtige Kinder.

Ich wünsche mir, dass die meisten Kinder mehr unbewachte Lebenszeit haben, in denen sie sich unbeschwert entfalten können. Dann klappt es auch mit dem Leben!

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Kommentare (57)

Kommentare (57)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Puh, traurig zu lesen das Eltern als arschlocheltern bezeichnet werden. Ich hoffe ich bin keine übermisstrauische Mutter. In einer Welt in der man liest das auf dem Menschenhandelmarkt das Interesse von pädophilen an unter 4 Monate alten Babys gestiegen ist, kann ich allerdings verstehen das man sein Kind im Auge haben möchte. Es gibt viele kranke Menschen auf dieser Erde und man muss sein Kind darauf vorbereiten im gesund behüteten Maß. Erzieher die einen dann gleich als arschlocheltern bezeichnet werden hoffentlich nie die Erfahrung sammeln vor denen diese arschlocheltern Angst haben. Die Kinder die von solch unsensiblem trampeln begleitet werden tun mir leid.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Frau Müller, Sie sprechen mir so aus der Seele, ich dachte schon, ich wäre unnormal.

    Vielen Dank
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hallo Mimipa

    Ich bin selbst Erzieherin. Bei uns bekommen Helikoptereltern keinen A..Tritt. Wir bieten Gespräche an und versuchen die Eltern mutiger zu machen. Die sind ja nicht so,weil sie es uns nicht zu trauen sondern weil sie Angst haben. Das baut man nur mit Geduld ab. Und bei der einen Mutter oder den einen Vater, die/der es nicht schaffen mutiger zu werden, haben wir die Geduld.

    Wie ich es bei meinem ängstlichen eigenen Kind schon sagte, abwarten und hoffen, dass es besser wird. Mit Tritten kommt man da nicht weiter. Ein Kind geht vor Angst Kotzen, der Erwachsene meldet sein Kind dann in einem anderen Kiga an. Das ergibt Verlierer auf allen Ebenen. In diesem Sinne....
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Super Artikel. Ich kenne diese Helikoptereltern nur zu gut. Die machen Stress und nerven die Erzieher! Als Erzieherin in einer Kita in Stuttgart kann ich ein Lied davon singen. Unser Traeger steht zum Glueck immer hinter uns und solche A...eltern kriegen auch schon mal nen A...tritt. Haltet mal den Ball flach und meldet eure Blagen nicht bei den Kinderhaeusern nach\von Kononzept-e an. Da werdet ihr nicht gluecklich!!!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Vielen,vielen lieben dank für diesen artikel ! ich selbst bin als heli-kid groß geworden und kann ihnen nur Recht geben ! Zwar hatte ich das große glück,unabhängig,selbstbestimmend ab dem 18. lebensjahr groß zu werden aber habe heute noch diskusssionen darüber,obich meine kinder richtig erziehe,nur weil ich nicht jede minute meines sohnes verplane,er leicht übergewichtig ist und mehr als 1 stunde an den konsolen hängt.

    ich habe jahrelang selbst an der grundschule gearbeitet und diese mütter live erlebt und bin zu dem selben entschluß gekommen,ja keine freundschaften mit denen zu pflegen,der vorteil:mein sohn hat vertrauen in mich und wir lästern gemeinsam.

    er darf völlig eigensinnig seine interessen ausleben,auch wenn wir nicht immer einer meinung sind über sinnvolle nutzung der freizeit und hat sich vom anti-schulkind zum gymnasiasten und klassensprecher selbst entwickelt,da er es wollte. die mädels lieben ihn und ich kann mir keinen besseren sohn als ihn vorstellen !

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