Helikopter-Eltern: Warum ihre Kinder später ein Problem haben

Helikopter-Eltern? Gab es schon vor 20 Jahren, sagt Mareike Müller. Sie überwachten ihre Kinder, wollten nur das Beste - und erreichten damit genau das Gegenteil. Lasst Euren Kindern mehr Freiheiten, fordert unsere Leserin daher in ihrer "Stimme".

Was mich schon seit Jahren zur Weißglut bringt, sind andere Mütter. Aus diesem Grund wähle ich meine Kontakte sorgfältig aus und vermeide den Umgang mit ihnen, obwohl ich selbst Mutter eines Sohns (20) und einer Tochter (17) bin.

Als ich vor rund 20 Jahren mit meinem Sohn schwanger war, fragte ich eine junge Mutter und Freundin, was für sie die größte Herausforderung als junge Mutter sei. Sie antwortet frank und frei: "Die anderen Mütter, die einem das Leben zur Hölle machen, weil ihre Kinder schöner, besser, schneller, klüger, einfach perfekter sind, weil sie schließlich die allerbesten Mütter der Welt, ach nein, des gesamten Universums sind, vor allem weil sie ihre Brut perfekt überwachen und kontrollieren." Ich konnte das gar nicht glauben, dachte ich bis dahin doch, die meisten Frauen sind meine Verbündeten und Eltern wollen doch immer nur das Allerbeste für ihren Nachwuchs.

Doch es kam genauso, wie diese junge Mutter mir prophezeit hatte: Andere Mütter stellen sich gern als die perfekten Erzieherinnen dar und geben damit an, was ihre Kinder alles schon können. Bald floh ich aus der Welt der Baby-Massage-Gruppen und Kinderspielplatzrunden wieder in meine Bürowelt, um diesem Gruppenzwang zu entfliehen. Inzwischen habe ich viel lieber Kontakt zu kinderlosen Menschen, denn mit ihnen kann ich besser über die Dinge sprechen, die mich in meiner jetzigen Lebensphase beschäftigen, wie Kunst und Kultur oder allgemeine, philosophisch-politische Themen.

Doch den Helikopter Eltern kann ich nicht entfliehen. Sie sind überall und überwachen ihre Kinder. Als ich neulich im Park mit meinem Hund auf der Hundewiese (!) spazieren ging, fuhr ein Vater mit seinem Sohn, natürlich behelmt und mit diversen Schutzteilen bekleidet, auf mich und meinen Hund zu. Mein Hund sprang dem Fahrrad fröhlich entgegen. Das Kind schrie wie am Spieß. Ich stürzte mich sofort über meinen Hund und leinte ihn an. Es war absolut nichts passiert, aber ich musste mir einen zwanzigminütigen Vortrag darüber anhören, dass dieses Kind jetzt traumatisiert sei. Nach zirka 20 Entschuldigungen und der Lüge, dass ich in Zukunft meinen Hund auch auf der Hundewiese anleinen werde, durfte ich dann gehen. Seitdem meide ich Eltern mit Kindern, wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe.

Früher, vor rund 20 Jahren, nannten wir sie Übermütter und ein Musterexemplar machte mir und meinen Freundinnen das Leben im Kindergarten zur Hölle. Sie war hauptberuflich Mutter von zwei Töchtern, die exakt das Alter meiner Kinder hatten, und eine ihrer Hauptbeschäftigungen war es, ihre Kinder zu kontrollieren, und um die volle Kontrolle über den Kindergarten zu haben, war sie natürlich Elternratsvorsitzende. Auch in der Grundschule und später im Gymnasium kontrollierte sie die Lehrer auf Einhaltung der Lehrpläne, die sie sich vom Kultusministerium schicken ließ, und quälte uns alle auf Elternabenden in ihrer Funktion als Elternsprecherin.

Um dieser Höllenmutter aus dem Weg gehen zu können, wählte ich für meine Tochter eine andere Klasse. Zwanglos konnte ich wieder zu Elternabenden gehen, auf denen dann unbedarfte Diskussionen mit herrlich normalen Eltern stattfanden. Denn zum Glück gab und gibt es ja auch völlig entspannte Eltern. Vielleicht sind diese sogar in der Überzahl - ich hoffe es zumindest -, doch die anderen verstehen es, sich in den Vordergrund zu spielen, weil sie sich überall als Besserwisser aufspielen.

Nun, rund 17 Jahre später, Kindergarten, Grundschule und Gymnasium liegen bei meinem Ältesten hinter mir, habe ich mich natürlich oft gefragt, was aus den Kindern der Übermütter von damals geworden ist. Die meisten haben, wie auch die beiden Töchter der Höllenmutter, zwar die Totalüberwachung überlebt, sind aber lebensuntauglich: Sie wagen es nicht, mit Freunden oder Freundinnen in Urlaub zu fahren, hocken zu Hause und kiffen sich um ihren Verstand und trinken im Übermaß. Allen gemeinsam ist, dass sie unglücklich und verzagt wirken. Sie sind es gewohnt, ständig von Erwachsenen umgeben zu sein, und es ist ihnen kaum gelungen, Kontakte zu Gleichaltrigen aufzubauen. Außerdem hängen sie ständig am Handy, denn das wurde ja zum Überwachungsgerät ihrer Eltern.

All diese Eltern haben anscheinend eins gemeinsam: eine grundsätzliche Lebensangst, die sie auf ihre Kinder übertragen. Sie glauben fest daran, wenn sie die perfekten Eltern sind, werden ihre eigenen seelischen Wunden geheilt und sie so etwas wie Glück und Zufriedenheit spüren. Perfekte Eltern heißt für sie "perfekte Überwachung", und diese hat rund um die Uhr stattzufinden. Dabei leben sie in ständiger Angst um ihre Kinder, die sie daran hindert, ihr Familienleben zu genießen und einfach mal loszulassen.

Wir können unsere Kinder nicht vor allen Gefahren bewahren, aber wir können ihnen Werkzeuge mit an die Hand geben, um zu erkennen, wie böse diese Welt sein kann. Eins dieser Werkzeuge ist die Schärfung unserer Instinkte. Ohne Freiheiten und unbeschwertes, nicht-überwachtes Spiel haben Kinder nicht die Chance, sich frei und selbstbestimmt zu entwickeln. Somit erreichen Helikopter-Eltern genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollen: lebensuntüchtige Kinder.

Ich wünsche mir, dass die meisten Kinder mehr unbewachte Lebenszeit haben, in denen sie sich unbeschwert entfalten können. Dann klappt es auch mit dem Leben!

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Mareike Müller, 58, arbeitet freiberuflich im Marketing und lebt mit ihren zwei Kindern und Familienhund Luca in der Nähe von Köln. Ihr Sohn, 20, absolviert gerade ein soziales Jahr in Kolumbien und ihre Tochter, 17, ein einjähriges, schulbegleitendes Praktikum in einer Kommunikationsagentur. Das lässt ihrer Mutter viel Zeit für lange Wanderungen mit dem Hund oder Yoga, was ihr hilft, den Alltagswahnsinn besser zu bewältigen.
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