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Rouladen oder nicht Rouladen, das ist hier die Frage

Wenn Sibylle Bücher ihren Mann fragt, auf was er Appetit hat, kommt stets nur eine Antwort: Rouladen. In der Leserkolumne "Stimmen" berichtet sie, was sie schon alles versucht hat, um ihn auf einen anderen Geschmack zu bringen. Und warum sie am Ende doch immer wieder eins kocht: Rouladen eben.

Männer und Frauen passen nicht zusammen - zumindest, was Rouladen betrifft. Frage ich meinen Ehemann, was wir kochen könnten, antwortet er meist mit einem vagen: "Mmh, weiß nicht" oder "Wie wäre es mal mit Rouladen?"

Also muss ich ran. Ich breite vor meinem Liebsten die ganze Palette der europäischen Küche aus und schlage von "Spaghetti aglio, olio e peperoncino", über Boeuf bourguignon und Paella bis hin zu Putenbrust an feinem Salatbouquet alles vor, was das Herz begehrt. Spätestens wenn das Wort "Salat" fällt, kommt reflexartig die Frage meines Mannes: "Wie wäre es denn mit Rouladen?" "Okay", antworte ich. "Dann gibt’s morgen Involtini." Ich freue mich schon auf die mit Tomaten und Mozzarella gefüllten Kalbsröllchen mit Brokkoli-Gemüse und Stangenbrot.

"Nein", sagt mein Mann. "Ich meine Rouladen! Rouladen mit Speck, Gurke und Zwiebeln. Dazu Rotkohl, Sauce und Kartoffeln." Ich bin ratlos. Ich kann Rouladen nicht ausstehen. Nicht nur, dass sich der Bindfaden immer tief ins Fleisch frisst und die Roulade beim Abwickeln meist vom Teller auf den Tisch hüpft und dort wie ein Fisch an der Angel zappelt, sondern sie sehen auch auf dem Teller alles andere als appetitlich aus. Doch einmal im Jahr lasse ich mich breit schlagen. Dann gibt es bei uns Rouladen, die ich mit Todesverachtung zubereite. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage unter meinen Freundinnen zum Thema "Rouladen" gab es für dieses Essen rundweg eine Sechs. Ich kenne keine Frau, die Rouladen mag. Spontane Antwort ist meist: "Iiih, Rouladen!"

Ganz anders die Männer. Alle lieben Rouladen. Ein Freund von uns freut sich das ganze Jahr auf die Reise seiner Ehefrau zu ihrer Familie. Sein erster Gang nach ihrer Abfahrt ist nicht in die Kneipe, sondern zum Metzger. Dort kauft er zehn Rouladen, die er sorgfältig zubereitet und während der Abwesenheit seiner Frau täglich genüsslich vertilgt. Solchermaßen "gerollt" kann er nach ihrer Rückkehr auch wieder Salat und Fisch genießen. Auch alle Versuche, meinen Mann kulinarisch durch den Kauf von Kochbüchern aufzupeppen, sind gescheitert. Bei unserem letzten Stadtbummel steuere ich zielstrebig auf einen Buchladen zu. Mein Mann versteift sich. "Nicht noch ein Buch! Ins Wohnzimmer passt nicht mehr ein Blatt Papier und selbst aus dem Schlafzimmer quellen die Bücher bald bis in den Flur!" Ich schaue meinen Mann beruhigend an. "Ich will mir gar kein Buch zum Lesen, sondern ein Buch zum Kochen kaufen. Dann hast du auch etwas davon!", kläre ich ihn auf. "O je", sagt mein Mann. "Das wird ja immer besser. Ich habe dir doch gerade erst das Regal in der Küche gebaut für deine zig Kochbücher. Wer soll das denn alles essen?!" Mein Mann ist verzweifelt. "Außerdem mag ich das meiste gar nicht, was in den Büchern steht", mault er.

"Ach komm", sage ich. "Wir kaufen ein schönes Kochbuch. Dann schaust du dir die Bilder an, suchst dir ein Rezept aus und ich koche das dann - oder wir beide gemeinsam." - "Aber wir haben doch noch eine ganze Liste am Kühlschrank hängen. Es wird Ostern, bis wir die abgearbeitet haben. Mir ist ja jetzt schon ganz schlecht. Außerdem sieht dein Essen nie so aus wie auf den Fotos." - "Na ja, das ist kein Wunder. Ich bin ja auch kein Foodstylist. Ich bin Hausfrau. Was würdest du sagen, wenn ich dir die Roulade mit Glanzhaarspray lackiert servieren würde?" Mein Mann glotzt mich an. "Das würdest du machen?", fragt er entsetzt.

"Nein, natürlich nicht, aber die Foodstylisten. Kein Mensch kann so kochen, dass das Ergebnis wie im Kochbuch aussieht", sage ich und ziehe meinen Mann schnell aus dem Geschäft, weil sich die Buchhändlerin in das Gespräch einschalten will.

Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen – zumindest was Rouladen betrifft.

Text: Sibylle Bücher

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