"Die Magersucht hat mir geholfen, mit Problemen zurechtzukommen"

Am Anfang war die Magersucht für Rika L.* wie eine gute Freundin. Und auch jetzt will sie die Krankheit nicht verteufeln, denn ihre Essstörung hat Rika vielleicht sogar das Leben gerettet.

Rika L., 21, geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet bei einer wunderbaren, ganz normalen Familie, studiert seit Oktober 2012 und steht nun kurz vor ihrem Abschluss. Ihr geht es wieder viel besser und sie genießt ihre Freiheit.

Die meine Geschichte behandelt ein ziemlich leidiges Thema. Und doch ist es mir wichtig, darüber zu schreiben. Ich habe nicht den Anspruch, Dinge zu verallgemeinern oder zu pauschalisieren, doch ich glaube, hätte ich eine ähnliche Geschichte vor knapp drei Jahren gelesen bzw. ein anderes Bewusstsein über die Krankheit gehabt, so hätte mir vieles erspart bleiben können.

Gemeint ist die Magersucht. Mit dem Auszug von Zuhause und dem Start in ein eigenständiges Leben wurde sie zu meinem stetigen Begleiter und einer guten Freundin. Der Begriff "Freundin" mag irreführend klingen und doch beschreibt er die Krankheit im Grunde ziemlich gut. Sie hat mir nämlich zunächst einmal bei vielen Problemen geholfen.

Ich war ein zufriedener und glücklicher Mensch

Meine eigene Geschichte der letzten drei Jahre ist eigentlich schnell erzählt. Mit 19 Jahren das Abitur mit "sehr gut" bestanden, aus einem großartigen Elternhaus, mit einer Kindheit und Jugend, wie ich sie mir nicht besser hätte erträumen können, tolle Freunde - ganz einfach ein perfektes Leben.

Ich war ein zutiefst zufriedener und glücklicher Mensch. Glücklich mit meinem Leben, glücklich mit mir selbst und das Beste: das Leben, die Welt, die Freiheit lag mit all ihren Möglichkeiten vor mir. Die kommenden zwei Jahre sollten zunächst auch genauso verlaufen, wie ich sie mir damals vorgestellt hatte. Mit der besten Freundin zusammen zog ich von Zuhause aus, begann zu studieren, lernte fern von der Heimat tolle neue Freunde kennen, nur eins fehlte: die Fröhlichkeit von einst.

Ich wollte nie abnehmen

Schleichend begann es und so bereitete mir zunehmend jede Mahlzeit Bauchschmerzen. Dann kam die Übelkeit dazu. Dann die Müdigkeit. Zunächst nahm ich ein paar Kilos ab, worüber ich mir wenig Gedanken machte. Eben jene Kilos, die man gerne noch los wäre. Es war nie mein Anspruch abzunehmen. Wie erwähnt war ich glücklich mit mir selbst und mochte mich und meinen Körper im Grunde sehr gerne. Sicherlich, es gibt Sachen die gefallen mir besser als andere, aber bei einer Größe von 1,70m hatte ich absolutes Normalgewicht, war sportlich und hatte dennoch eine weibliche, sehr wohlgeformte Figur, um die mich der ein oder andere beneiden mochte.

Doch die Gewichtsabnahme ging weiter, die körperlichen Beschwerden wurden immer unangenehmer und ich begann, von einem Arzt zum nächsten zu rennen. Vom Internisten, über die Gynäkologin bis hin zum Homöopaten.

Ich dachte, magersüchtig sind die, die nur einen Apfel pro Tag essen

Doch komplett durchgecheckt und auf jegliche Unverträglichkeiten getestet, geriet das eigentliche Problem immer weiter in den Hintergrund. Auch weil ich immer eher in die Richtung dachte "eine Magersüchtige, die will unbedingt schlank sein und isst am Tag nur einen Apfel". Und außerdem muss sie (oder auch er) sonst ein großes Problem haben.

Dass genau das vollkommener Blödsinn ist, weiß ich heute nur zu gut. Noch immer aß ich mehrere Mahlzeiten am Tag (wenn auch in sehr abgespeckter Form) und mein Leben verlief theoretisch nach Plan. So kam es, dass ich das ganze Spielchen, bei welchem ich nicht nur anderen was vormachte, sondern am allermeisten mir selbst, so weit trieb, dass ich irgendwann nach knapp 1,5 Jahren und einem beträchtlichen Betrag weniger auf der Waage eine Art Zusammenbruch erlitt.

Sowohl meine Familie als auch Freunde haben mich immer wieder angesprochen und mir ihre Hilfe angeboten. Ich war nie alleine. Doch ich wollte und konnte die Krankheit erst nach dieser Erfahrung zum ersten Mal wirklich für mich in Erwägung ziehen, und das auch nur, weil gleichzeitig die Diagnose einer Depression gestellt wurde und man mir erklärte, dass Magersucht nicht gleich bedeutet, einem Schönheitsideal nachzueifern und Aufmerksamkeit zu verlangen.

Ich fand mich paradoxerweise zu dünn und nicht zu dick

Auch eine Depression war mir vorher nie in den Sinn gekommen. Schließlich bin ich noch immer mit Freunden zusammen gewesen, war viel unterwegs, in einer studentischen Initiative engagiert. Ich fühlte mich einfach nicht so, wie ich dachte, dass jemand Depressives sich fühlt.

Ich hatte damals großes Glück, konnte recht schnell in eine auf Essstörungen spezialisierte Klinik und habe dort in knapp drei Monaten vieles über Ernährung, aber vor allem auch über mich selbst und die Krankheit gelernt. Mir wurde bewusst, wie sehr man sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse "vergessen" kann. Wie sehr man sich vor eigenen Ängsten und Problemen verschränken kann, ohne es zu merken.

Magersüchtig zu sein, war für mich etwas Undenkbares, nicht weil ich die Krankheit vorher nicht ernstgenommen habe. Aber für mich betraf sie Menschen, die mit sich selbst nicht zufrieden waren. Das war das Paradoxe. Ich fühlte mich zunehmend unwohl in meinem Körper, nicht weil ich mich zu dick, sondern eher zu dünn fühlte. Alles war knochig, kantig und unbequem.

Doch wenn die Waage weniger anzeigte, kann ich nicht leugnen, dass es sich nicht auch gut angefühlt hätte. Da war etwas, was ich vermeintlich unter Kontrolle hatte. Ich konnte mich selbst richtig gut kontrollieren und disziplinieren. Dass auch Emotionen immer weniger werden, je weniger das Gewicht wird, da sich der Körper irgendwann auf Basisfunktionen beschränkt, wurde mir auch erst später bewusst.

Ich habe es satt, in die Model-Schublade gesteckt zu werden

All das, was mir später bewusst und im Nachhinein so klar wurde, hätte ich gerne vorher gewusst. Dann wäre mir vielleicht einiges erspart geblieben. Vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Ich für mich habe erkannt, dass auch "glücklich" und "zufrieden" vergängliche Zustände sind, und man es zulassen muss, auch mal traurig zu sein, wenn doch "eigentlich" alles gut ist.

Aber ich habe es satt, immer einfach nur die zu sein, die auch unbedingt schlank und schön sein will. "Schön" bin ich dann, wenn jemand etwas anderes behauptet und ich es trotzdem so sehe.

Und ich habe es satt, durch die Krankheit immer in eine Schublade gesteckt zu werden. Ich will kein Model sein, wollte ich nie. Und es war nicht die Magersucht, die mich an lebensbedrohliche Grenzen gebracht hat. Die Magersucht hat mir geholfen, mit Problemen zurechtzukommen. Und vielleicht war sie es auch, die mich letztlich am Leben gehalten hat - und dann danke ich ihr dafür.

* Pseudonym

Teaserbild: LoloStock/shutterstock
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