Körpergröße: "Mein Gott, ist meine Tochter winzig!" Eine "kleine" Familiengeschichte

Zu lang, zu hoch, zu groß: Das Leben ist selten wie gemacht für Leser-"Stimme" Dorothea Wirbser und ihre Familie, in der alle um einiges kleiner als der Durchschnitt sind.

Es geschah auf der Abiturfeier meiner Tochter Hanna*. Alle Schüler ihrer Klasse hatten sich ordentlich in einer Reihe aufgestellt. Einer nach dem anderen betrat die Bühne, um das lang ersehnte Abschlusszeugnis in Empfang zu nehmen. Ein aufregender Moment. Da stand sie nun zwischen dunklen Anzügen, tiefausgeschnittenen, festlichen Kleidern und hochgesteckten Frisuren: Eine zierliche Gestalt in einem gletschereisfarbenen Cocktailkleid, das wir in letzter Sekunde im Internet gefunden hatten. Ich war vermutlich ebenso aufgeregt wie sie und sehr gerührt, doch plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: "Mein Gott, ist sie winzig!"

In der Tat: Die meisten der anderen Schüler überragten sie mindestens um eine Kopflänge, denn sie misst nur 155 Zentimeter. Später, am Tisch, als wir das Zeugnis bewunderten (bis auf die Note in Mathematik) und das Essen genossen, war der Gedanke verflogen. Für uns ist das vollkommen normal. Wir sind nämlich alle klein. Nicht etwa kleinwüchsig, sondern sozusagen "normal klein", auch wenn ein Kollege mich mal gefragt hat, ob ich "für so was" einen Behindertenausweis bräuchte. Nein, brauche ich nicht!

Bis zur Abiturfeier war es ein langer Weg gewesen. Dieser Weg hatte uns durch sämtliche Boutiquen und Kaufhäuser der näheren Umgebung geführt, immer auf der Suche nach dem perfekten Kleid. Haben Sie schon mal versucht, ein Cocktailkleid in Größe 34, möglichst als Kurzgröße, zu kaufen? Oder High Heels in Größe 35? Bei meiner Tochter endete es immer auf die gleiche Weise: Wir sahen ein hübsches Kleid oder tolle Schuhe. Doch nichts passte. Die Suche hatte wesentlich mehr Zeit in Anspruch genommen als die Vorbereitung auf die mündliche Prüfung in Biologie. Auch der leidgeprüfte Paketbote, der zahlreiche Pakete aller bekannten Internetversandhäuser ins Haus geschleppt hatte, kann ein Lied davon singen.

Das ist für uns nichts Neues: Wann immer ein Familienmitglied versucht, einen schicken Hosenanzug, ein festliches Kleid oder etwa einen Mantel zu kaufen, verdrehen alle anderen die Augen: "Oje, das wird schwierig werden. Hast Du auch eine gute Adresse?" Kaufhäuser, die mit einem guten Änderungsservice oder dem Angebot von Kurzgrößen punkten können, sowie kleine, familiär geführte Modegeschäfte, die für uns auch mal etwas extra bestellen, kursieren in unserer Familie als Geheimtipp. Mein Bruder mit seinen 164 Zentimetern kauft inzwischen seine Anzüge in Rumänien ein, wenn er mit seiner sehr zierlichen, rumänischen Frau dort im Urlaub ist. Nur einen Ort meiden wir grundsätzlich: die Kinderabteilung. Denn wir Frauen der Familie sind klein, aber kurvig. In allen Varianten von zierlich bis rund. Und mit Hello Kitty haben wir nun wirklich nichts im Sinn.

Obwohl mir Teenager-Mode durchaus geläufig ist: Ich arbeite als Schulbegleiterin, derzeit in der 7. Klasse einer Realschule. Davon abgesehen, dass man bei diesem Beruf sehr viel sitzen muss, hat es einen großen Vorteil: Die Stühle in den unteren Klassen passen mir gut. Sonst sind mir Stühle nämlich meistens zu groß. Und das ist nicht nur unbequem: Ich bekomme bei längerem Sitzen auf normalen Stühlen Schmerzen in den Beinen und im Rücken. Außerdem macht es einen ausgesprochen merkwürdigen Eindruck, wenn man beispielsweise in einem Vorstellungsgespräch einen kompetenten Eindruck erwecken möchte, mit den Füßen aber in der Luft baumelt.

Kleine Frauen, besonders wenn sie zierlich sind, wirken oft kindlicher, zerbrechlicher, weniger belastbar, und das kann sich durchaus auch mal negativ bei der Jobsuche auswirken. Pech für den Personalchef, kann ich dazu nur sagen! Denn dieser Eindruck täuscht, das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung versichern.

Kleine Menschen irritieren in einem Land, in dem die Menschen angeblich immer größer werden. Wir erleben es oft, dass andere Leute versuchen, zu ergründen, warum wir kleiner sind als andere. Da wir alle mehr oder weniger dunkelhaarig sind, liegt die Lösung scheinbar auf der Hand: Wir haben bestimmt einen Migrationshintergrund. Aber welchen?

Mein Mann Sebastian* wurde in Döner-Buden schon auf Türkisch angeredet. Mir selbst haben wildfremde Leute im Italienurlaub ihre Lebensgeschichte erzählt. In der Landessprache natürlich, in der ich nur einige Brocken verstehen kann, und das auch nur, weil ich mal französisch gelernt habe und ganz gut kombinieren kann. Antworten kann ich ihnen nicht, aber das hat bisher noch keinen davon abgehalten, mir noch mehr Geschichten zu erzählen. Auch mein Sohn Christoph wurde schon zum Italiener gemacht, und Hanna geht abwechselnd als Albanerin, Inderin oder Argentinierin durch. Aber ehrlich gesagt sind wir einfach deutsch. Lediglich mein Mann kann einen sizilianischen Urgroßvater vorweisen.

Die Kinder in "meiner" Klasse machen sich keine solchen Gedanken. Sie finden es einfach nur lustig, wenn sie mir zunehmend über den Kopf wachsen. Irritiert war aber beispielsweise der Abgesandte einer Solarfirma, der vor einiger Zeit vor unserer Haustür stand. Er sollte unser Dach begutachten, denn wir wollten gerne wissen, ob es für eine Solaranlage geeignet wäre. Ich öffnete ihm und blickte zuallererst auf einen Bauch. Langsam wanderte mein Blick immer höher: Er war mindestens zwei Meter groß. Er dagegen beugte sich herunter und brach vor Verblüffung in ansteckendes Gelächter aus. Nachdem wir uns beide wieder beruhigt hatten, unterhielten wir uns großartig.

Ich persönlich fühle mich wohl in meiner Haut und finde es nicht schlimm, wenn man mich mit meiner Größe aufzieht. Lieber lache ich mit. So hat es mein Mann fertig gebracht, seinen Kollegen zu erzählen, im Fernsehen käme seine "Familiensaga". Er meinte damit die Trilogie "Herr der Ringe". Seither nennt er mich "Hobbit", wenn er mich ärgern will.

Klein zu sein ist normal, groß zu sein auch. Es lebe die Vielfalt! Schade, dass sich dieses Prinzip noch nicht bis zur Mode- oder Möbelbranche herumgesprochen hat. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und natürlich sind wir für jeden Tipp dankbar.

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