Familiengeheimnis: Wie eine Lüge meine Familie zerstörte

BRIGITTE.de-Leserin Sabine Wallefeld erfuhr erst als Erwachsene: Ihr Vater ist gar nicht ihr Vater. Ein heilsamer Schock, denn plötzlich wurde alles klar ... 

Alles war gut - bis zu diesem Telefonanruf

Wir, Familie Wallefeld, das waren: Großvater, Großmutter, mein Vater und meine Mutter, ich und meine Schwester, mein Patenonkel und seine Frau. Eine Bilderbuchfamilie, gutbürgerlich, nach außen intakt und einflussreich. Drei Generationen von Lehrern und ein Jurist.

2013 kehrte ich in mein Elternhaus zurück, um Vater und Mutter zu unterstützen. Dafür erbte ich das Haus. 2017 starb mein Vater, und meine Mutter zog zu meiner Schwester. Wenn ich das Haus erhalten wollte, brauchte es neues Leben. Es galt, den Staub zu entfernen und Neues zu schaffen.

Ich trat an, das 90 Jahre alte Haus zu renovieren und dem alten Gemäuer wieder den Geist meines Großvaters einzuhauchen, dessen glanzvollen Feste legendär waren. Ich wollte es erhalten und zu einem lebenswerten Ort machen. Lud Menschen ein, arrangierte Ausstellungen und Konzertlesungen. Mein Plan ging auf, das Haus wurde wieder ein Ort der Begegnungen und der Inspiration. Ich war angekommen. Alles war gut.

Bis zu einem mysteriösen Anruf eines Fremden Anfang Juli.

Ein alter Herr, der ein Schüler und später ein Kollege meines Großvaters gewesen war, erzählte mir sehr detailliert von dessen Leben. Der Unbekannte wusste genau, wann mein Großvater wo im Krieg war, dass er später Schulrektor, Segelfluglehrer, Turmspringer, Schwimmer und leidenschaftlicher Imker war. 

Plötzlich sagte der Anrufer, dass der jüngere Sohn meines Großvaters mein Vater war. „Nein“ entgegnete ich vehement, der ältere Sohn war mein Vater. Der Anrufer widersprach und widersprach. Zuerst war ich belustigt, irgendwann wütend. Was maßte sich dieser Mensch an? Doch er behauptete unablässig, dass ich mich irrte.

Ich mich irren? Ich hatte Jahrzehnte mit meinem Vater gelebt und war als seine Tochter durchs Leben gegangen. Der Anrufer wollte keinen Streit und verabschiedete sich mit der Bitte, ich solle nachforschen.

Plötzlich verstand ich, warum ich in dieser Familie nie angekommen war

In den Sommerwochen schob ich die Gedanken an das Gespräch weg, mein Leben sollte leicht und unbeschwert bleiben.

Irgendwann erzählte ich meinem Sohn von dem Anruf. Wir schauten uns urplötzlich an, als fielen uns Schuppen von den Augen. Wenn mein Onkel mein Vater war, dann machte die Familiengeschichte endlich einen Sinn. Dann gäbe es diesen berühmten roten Faden. Dann wüssten wir beide, warum wir nie in dieser Familie angekommen waren. Fremd waren wir geblieben. Randfiguren.

Ich beschloss, meine Mutter anzurufen, um Klarheit zu erlangen. Zuerst wies sie alles weit von sich. Später erzählte sie ihre spannende Geschichte.

Sie hatte mit den Brüdern in Norddeutschland die Semesterferien verbracht. Beide hatte sie geliebt. Geheiratet hat sie im Januar 1954 meinen Vater. Ihre frühe Schwangerschaft warf Fragen auf und musste verheimlicht werden, es drohten Trennung und Scheidung. Im Juni wurde ich geboren.

Die Brüder haben sich von da an entzweit. Mein Onkel ist fortgegangen. Der verlorene Sohn, von der Mutter ewig betrauert, machte Karriere als Richter und Landgerichtsdirektor, brachte es zu Reichtum und Ansehen.

Und mein Vater? Er wurde Lehrer und lebte bei seinen Eltern. Auch als meine Schwester geboren wurde, blieb er in seinem Elternhaus.

Die Brüder verloren sich durch diese Lüge. Beide sind heute verstorben, ohne sich durch das Aussprechen der Wahrheit versöhnt zu haben.

Auch meine Schwester und ich verloren uns. Die Geschichte wiederholte sich. Ich blieb immer anders, war extrovertiert, laut und fröhlich. Meine Schwester introvertiert, leise, melancholisch. Die eine schwarz, die andere blond.

Irgendetwas Unausgesprochenes stand wie eine Wand zwischen uns.

Zeit ihres Lebens blieb sie eifersüchtig. Mir wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt, von den Großeltern, vom Patenonkel, von den Eltern. Dennoch konnte ich meinem Vater nicht die Tochter sein, die er sich gewünscht hatte. Ich war nicht leise, wie er und meine Schwester. Ich war nicht angepasst und ließ die Kleinstadt hinter mir. Aber ich wollte seine Anerkennung, erbettelte sie mir durch Leistung. Wollte stets beweisen, dass ich eine würdige, gute Tochter war. Dadurch war mein Leben sehr anstrengend.

Nie konnte ich mir erklären, warum ich mich als Einzige aus der Familie so sehr zu meinem Onkel hingezogen fühlte. Mein Vater versuchte stets, mich von seinem Bruder fernzuhalten. Vergeblich, ich empfand zu ihm eine unerklärlich nahe Bindung.

Heute bin ich glücklich, dass ich meinen Onkel bis zu seiner Sterbestunde begleitet habe. Aber das Geheimnis hat eine Vater-Tochter-Nähe verhindert.

Wie ein schleichendes Gift hat die Lüge alles zerstört

Die Familie hat die Wahrheit jahrzehntelang verschwiegen und so jede Echtheit und jedes Vertrauen erstickt. Die Lüge hat alles zerstört. Wie ein schleichendes Gift. Allgegenwärtig war eine Verkrampftheit. Jeder hatte in diesem Theaterstück eine Rolle zu spielen.  

Familiengeheimnis: Wie eine Lüge meine Familie zerstörte

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Zeitweise empfinde ich eine große Trauer darüber, Teil eines Lügengebäudes gewesen zu sein. Unfrei und angestrengt. Zeitweise bin ich stolz und dankbar, genau jenen Vater gehabt zu haben, der zeitlebens mein Vorbild war.

Ich habe einen Vater dazu gewonnen und meine Mutter verloren. Für Schwester und Mutter ist nicht die Lüge eine Verfehlung, sondern das Benennen der Wahrheit. Wer seine Rolle in diesem Theaterstück nicht mehr ausfüllt, wird bestraft.

Das hätte ich wissen müssen. Doch mein Vater war Jurist. In seinem Sinne bleibe ich ohne Rücksicht auf Konsequenzen der Wahrheit verbunden!

Mein Fazit: „Zwischen dem, was gesagt, aber nicht gemeint wird, und dem, was gemeint, aber nicht gesagt wird, geht die meiste Liebe verloren.“ (Khalil Gibran)

Die Autorin: Sabine Wallefeld ist Gymnasiallehrerin. Heute arbeitet sie nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatstadt Gummersbach als Künstlerin. Ihre Passionen sind die Malerei, das Schreiben von Lyrik und Romanen und die Klaviermusik. Im Sinne ihres Lebensmottos „Kunst stiftet Sinn und Frieden“ öffnet sie ihr Haus als Kulturort mit eigenen Ausstellungen, Literaturabenden, Workshops und kleinen Konzerten (www.wallefeld.eu). Tipp: Am 29. November 2019 ist Sabine Wallefeld im "Nachtcafé" zu Gast (SWR, 22.15 Uhr).

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