"Habt ihr Kinder?" Warum diese Frage ein Unding ist

Seit Anna Karin verheiratet ist, hört sie die Frage immer öfter: "Habt Ihr Kinder?" Und bekommt, wenn sie "Nein" sagt, Unverständnis, mitleidige Blicke und Sprüche à la "Dann wird's aber langsam Zeit!". In der Leserkolumne "Stimmen" wehrt die 30-Jährige sich gegen derlei Interesse an etwas, das niemanden etwas angeht - außer sie und ihren Mann.

Anna Karin, 31, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bonn und schreibt an ihrer Doktorarbeit. Nebenher arbeitet sie freiberuflich als Musikerin bei „Die Irrlichter“ (www.die-irrlichter.de). Sie hat keine Kinder, dafür aber genügend anderen Gesprächsstoff und die besten Neffen der Welt.

Neulich ist es wieder passiert. Ich war als Anhang auf einer Hochzeit, um mich herum nur fremde Menschen, die meinen Mann noch aus Schulzeiten kennen. Die Eltern des Bräutigams unterhielten sich explizit nur mit meinem Mann, stellten sich nicht einmal vor. Dann kam aber irgendwann - zwangsläufig? - die Frage auf, für die ich als Frau herhalten musste: "Habt ihr denn eigentlich Kinder?" Nachdem ich verneint hatte, war ich aus der Unterhaltung sofort wieder raus, nicht ohne einen mitleidigen, vielleicht sogar missbilligenden Blick zu kassieren. Wenig später, dieselbe Hochzeit, dieselbe Frage, wieder von einer mir wildfremden Person gestellt. Diesmal wurde auf die Verneinung hin nachgehakt: Wie alt ich denn sei? Als ich genervt "30" antwortete, wollte die um etwa fünf Jahre jüngere Frau mich offenkundig beruhigen: "Na ja, ein BISSCHEN Zeit hast du ja noch."

Völlig unabhängig davon, wie die Kinderfrage letztlich beantwortet wird: Ich finde, sie ist ein Unding, und sie begegnet mir ständig und überall, seit ich geheiratet habe. Wenn ich durch die Stadt bummele und dort entfernte Bekannte treffe. Wenn ich als Musikerin nach einem Gig ein paar Worte mit der Kellnerin wechsle. Auf Partys, in der Oper, vor der Uni, in der Bahn, ganz egal. Und je länger die Hochzeit zurückliegt, desto nervöser reagieren die Leute, wenn ich verneine. Von einem unbeholfenen "Oh je, na ja", das ich mit sehr viel gutem Willen als wertfrei durchgehen lassen kann, über ein beruhigendes "Das wird schon noch" zu den fordernderen Varianten à la "Dann wird’s aber langsam mal Zeit" oder "Da solltet ihr euch aber langsam mal ranhalten."

Ganz selten sagt mal jemand "Das ist gut, du solltest erst einmal mehr Berufserfahrung sammeln" oder ähnliches. Einige Fragesteller sind sicher nur neugierig, andere übergriffig, viele haben vermeintlich gute Ratschläge, alle haben eine Meinung, die sie zwischenzeilig oder ganz offen äußern oder nur mit Anstrengung zurückhalten; Mimik und Gestik können da sehr aufschlussreich sein. Gemein haben sie alle, dass sie nicht zu dem Kreis von Leuten gehören, den meine Familienplanung auch nur ansatzweise etwas angeht.

Diese lästige Fragerei begegnet natürlich nicht nur mir, sondern diversen Frauen (die irgendwann genervt genug sind, um davon zu erzählen). Spätestens dann, wenn man verheiratet ist. Vielleicht, weil die Gesellschaft meint, dass sie jetzt ein Recht auf Mitbestimmung bei meiner Familienplanung hat - oder der meiner Freundin oder der ihrer Freundin oder, oder, oder. Interessanterweise aber nicht bei der meines Mannes oder unserer männlichen Freunde. Zumindest erzählen die mir, dass ihnen diese Frage noch nie gestellt wurde, und das glaube ich ihnen. Einigen von uns begegnet die Frage auch völlig unabhängig vom aktuellen Familienstand.

Ich denke da an meine Freundin, die eine Unikarriere eingeschlagen hat, mit dem Ziel, Professorin zu werden. Die auf einer Tagung nach einem hervorragenden Vortrag von einem altväterlichen Professor zur Seite genommen wird, aber nicht, um über etwas Fachliches, ihren Vortragsstil oder einen der anderen Vorträge zu sprechen, sondern um mal nachzuhören, ob ihr bewusst sei, wie schwierig so eine Unikarriere mit Kindern zu gestalten ist, das solle sie sich vorher gut überlegen. Und das ist freundlich gemeint, denn eigentlich ist er von ihrer Arbeit ganz angetan. Meinen männlichen Kollegen ist das übrigens noch nie passiert.

Oder die Freundin, die, nachdem ihr Angestelltenverhältnis lange Zeit immer nur um ein bis drei Monate verlängert wurde, vor dem ersten etwas längerfristigen Arbeitsvertrag zu einem Gespräch mit dem Chef geladen wird, der die Unterhaltung eröffnet mit: "Ich weiß, ich darf das eigentlich nicht fragen, aber Sie sind ja in diesem Alter... Wie sieht denn Ihre Familienplanung aus, Sie wollen doch nicht schwanger werden?" Im letzten Fall ist die Dreistigkeit der Frage, die Suggestion dahinter ganz offensichtlich, in all den anderen Fällen ist sie das aber, wenn man mal ehrlich ist, auch. Oft würde ich mir wünschen, dass sich die Leute, die die Kinderfrage stellen und die Antwort hinterher ihren eigenen Vorstellungen und Erwartungen entsprechend bewerten, vorher einmal bewusst machen würden, dass jede Frau, die keine Kinder hat, einen Grund dafür hat.

Egal, ob sie sich bewusst dagegen entschieden hat, sie keine Kinder mag, lieber Karriere machen will oder der Zeitpunkt einfach noch nicht gekommen ist. Oder ihr die Entscheidung abgenommen wurde, weil sie vielleicht einfach keine Kinder bekommen kann. Oder sie noch nicht schwanger ist, es aber gerne wäre. Oder schwanger ist und es gerne noch für sich behalten würde. Oder gerade die erste oder fünfte Fehlgeburt hinter sich hat. Die Gründe sind vielfältig - und vor allem sind sie privat.

Ich möchte mir aussuchen dürfen, mit wem ich sie bespreche, in welchem Kontext ich sie bespreche, ob ich sie überhaupt bespreche. Und ich würde mir wünschen, dass die Leute endlich begreifen, dass sich keine Frau ihnen gegenüber für etwas zu rechtfertigen hat, das nur sie und ihren Partner etwas angeht. Diese Zeiten sollten wir doch langsam hinter uns gelassen haben, oder?

Nachher drucke ich diesen Text aus und werde ihn fortan in meiner Handtasche mit mir herumtragen und jedes Mal, wenn mich die Frage wieder erwischt, wortlos herausziehen und mit freundlichem Lächeln aushändigen.

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