"Kein Herzschlag mehr" – Eine Betroffene berichtet über Fehlgeburten

BRIGITTE.de Leserin Susanne Starkmuth erlitt mehrere Fehlgeburten. Auf der Suche nach Austausch und Unterstützung fand sie im Internet nur anonyme Foren – bis sie sich entschloss, selber eine Plattform für Betroffene ins Leben zu rufen.

Du fällst ins Bodenlose und die Welt steht still

Früher dachte ich immer, eine Fehlgeburt passiert nur anderen und nun bin ich selber die Hauptdarstellerin…

Du sitzt auf dem Behandlungsstuhl. Der Arzt macht ein versteinertes Gesicht und sagt: "Ich finde keinen Herzschlag mehr. Es tut mir sehr leid. Ich gebe Ihnen eine Überweisung zur Ausschabung mit." Du fällst in diesem Moment ins Bodenlose und die Welt steht still. Entweder bist du wie versteinert oder fängst verzweifelt an zu weinen. Das Unfassbare ist eingetreten, du wirst eine Fehlgeburt oder Totgeburt erleiden und bist völlig unvorbereitet. Ein Albtraum beginnt und es gibt kein Aufwachen. So erleben es viele, viele Frauen täglich. Auch ich bin eine von ihnen.

Mein Name ist Susanne, ich bin glückliche Mutter von vier Kindern und war sieben Mal schwanger. Somit habe ich selber drei Fehlgeburten (zwei in der neunten Schwangerschaftswoche, eine in der 16. Schwangerschaftswoche) erleiden müssen. Die Fehlgeburten haben mich nachhaltig geprägt und ihre Narben hinterlassen. Noch heute laufen die Tränen, wenn ich an die Kinder denke, die ich nie kennenlernen durfte ... So bleiben sie wenigstens unvergessen und haben doch ihre Spuren hinterlassen, auch wenn sie nie den Boden unserer Erde betreten haben.

Thema "Fehlgeburt" immer noch ein Tabuthema

Durch meine Geschichte und meine Erfahrungen ist mir bewusst geworden, dass das Thema "Fehlgeburt" leider ein Tabuthema ist. Als Betroffene ist man in dieser schlimmen Situation auf der Suche nach Halt, der jedoch nicht leicht zu finden ist. Der Austausch mit Frauen, die ebenfalls diese Tragödie erlebt haben und dadurch damit vertraut sind, ist in unserer heutigen Gesellschaft leider weiterhin schwierig, weil es aus verschiedenen Gründen nicht offen thematisiert wird.

Stundenlang habe ich seinerzeit sowohl im Freundeskreis als auch im Internet nach Leidensgenossinnen gesucht. Mit Ihnen wollte ich mich austauschen, Rat einholen und gegenseitig ermutigen, umso gemeinsam den Weg durch diese dunkle Zeit zu finden. Es gab im Internet zwar Foren zu diesem Thema, aber dort fand ich immer nur eine sehr anonyme Atmosphäre im üblichen, nüchternen Frage-/Antwortstil.  

Eine Plattform für Betroffene

Ein wirklicher Dialog, ein wachsendes Gemeinschaftsgefühl und dadurch eine gefühlte Nähe und Halt ähnlich wie in einer Selbsthilfegruppe fand ich nicht. Im Kleinen hatte ich dies in einem aus wenigen eingeladenen Mitgliedern bestehenden Onlineclub, in dem ich für anderthalb Jahre die Gastgeberrolle übernahm, kennengelernt. Zusätzlich zu meinem eigenen Schicksal motivierte mich auch die dort gelebte Gemeinschaft, eine größere und offene Plattform für Betroffene zu gründen, die im Internet auch auffindbar ist und ohne Einladung eine aktive oder auch passive Teilnahme ermöglicht. Keine Frau soll sich mehr hilflos und alleine fühlen müssen. Ich entschied mich daher im August 2019, eine offene Online-Selbsthilfegruppe mit dem Forum fehlgeburt.info zu gründen.

Das Forum bietet eine begleitende Unterstützung vom Verlust bis zur Geburt des Folgewunders. Hier hat man bei Interesse die Möglichkeit, über einen langen Zeitraum in einen engen Kontakt mit anderen Userinnen in ähnlicher Situation zu treten und echten Halt durch die Gemeinschaft zu spüren. Leider geht die Leichtigkeit und die Unbeschwertheit der ersten Schwangerschaft durch eine Fehlgeburt verloren und der sichere Glaube, nach einem positiven Schwangerschaftstest ein Kind auf die Welt zu bringen, ist erloschen. Diesen nervenzehrenden Weg wollen wir auf fehlgeburt.info gemeinsam Hand in Hand gehen.

Austausch und Aufklärung nach Fehlgeburten

Neben dem Austausch ist mir aber auch besonders wichtig, die Frauen, die den Weg zu uns gefunden haben, aufzuklären. Aufzuklären darüber, dass eine Fehlgeburt in der Regel keine Notsituation darstellt und man aus dem Schockzustand keine übereilten Entscheidungen in Bezug auf eine von den Ärzten in den Raum geworfene Ausschabung treffen sollte. Denn "frau" hat die Wahl: Sie kann eine Operation vornehmen lassen oder auf einen natürlichen oder medikamentös eingeleiteten Abgang warten. Diese zweite Option wird in der Regel von den meisten Ärzten nicht vorgeschlagen, sei es aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Unwissenheit.

Den Trauerprozess selber bestimmen

Aber man kann warten, und man hat auch die Möglichkeit, sich auf dem Weg von einer Hebamme begleiten zu lassen. Häufig ist das Warten und damit auch die Möglichkeit in der Zeit das Geschehene zu realisieren und bewusst Abschied zu nehmen für die meisten Frauen der psychisch "schonendere" Weg. Das Kind "to be" ansehen, anfassen und begraben zu können, lässt die Frauen besser begreifen und ist sehr wichtig für die Trauerarbeit. Viele Frauen berichten nach einer Operation, dass sie das Prozedere und das Entreißen des Kindes als sehr traumatisierend erlebt und noch lange damit zu kämpfen haben. Der wichtige Punkt des Abschieds fehlt. Sie konnten nicht wirklich abschließen und haben einen wichtigen Teil im Trauerprozess auslassen müssen.

Darüber hinaus leiden viele Frauen unter der Umgangsweise ihres Umfeldes mit dem Schwangerschaftsverlust. Dieser ist häufig unbeholfen, wenig empathisch und die Schwere des Verlusts wird in seiner Tragweite oft nicht richtig eingeschätzt. Für die Frauen ist jedoch eine Fehl- oder Totgeburt eine wahre Tragödie, die Verzweiflung, Wut, Trauer und Ohnmacht ist groß. Wir fangen die betroffenen Frauen in der Situation auf, was das Umfeld aufgrund der Unwissenheit oft nicht kann.

Raum für Gefühle und Trauer

Darüber hinaus ist es für viele Frauen nicht zu verstehen, dass das Umfeld nach kurzer Zeit zum "business as usual" zurückkehrt und damit den Eindruck erweckt, dass das ungeborene Leben nie existiert hat oder schon vergessen wurde. Emotional gesehen war dieses Kind für die Frau schon viel mehr als eine bloße "Zellanhäufung" und auch ein Verlust in einer frühen Woche wiegt für viele Frauen dennoch schwer. Die Frau wird nicht mehr gefragt, wie es ihr geht, wie sie den Verlust verkraftet und ob man etwas für sie tun kann.

Das Rad der Zeit dreht sich für die Umwelt weiter, als hätte dieser Mensch "to be" keine Bedeutung gehabt. Das verletzt sehr viele Betroffene und im Forum finden sie unter ebenfalls Betroffenen Verständnis für ihre Situation. Auch können hier gesellschaftlich negativ belegte Gefühle wie zum Beispiel Neid auf die schwangere Freundin thematisiert werden, ohne dass man verurteilt wird, weil dieses Empfinden vermutlich jede Betroffene kennt und diese Gefühle nachempfinden kann.

Auch wenn eine neue Schwangerschaft eintritt, können Freunde und Familie die damit verbundenen Ängste häufig nicht nachvollziehen. Auch hier hat sich der Austausch mit Frauen des gleichen Backgrounds als sehr hilfreich erwiesen. Das virtuelle Gespräch mit Frauen, denen es ebenso geht, stützt und trägt einen über die angstreiche Zeit hinweg, bis man dann im besten Fall am Ende des Weges das gesunde, lebende und langersehnte Wunschkind im Arm hält.

Susanne Starkmuth
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