Schwanger Sport machen - Yoga reichte mir einfach nicht!

Sich wie andere Schwangere mit Yoga und Aquafitness zu begnügen, war nichts für Mariam Althoff: Sie strampelte sich hochschwanger beim Spinning ab und schwitzte auf dem Laufband. Warum sie sogar den Tag vor der Geburt im Sportstudio verbrachte, erzählt sie in der Leserkolumne "Stimmen".

Mariam Althoff, 35, ist Geisteswissenschaftlerin und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Gerade ist sie in Elternzeit und genießt die Stunden mit ihrem acht Monate alten Sohn. Egal, in welcher Lebenssituation sie sich befindet, Sport war und bleibt ein wichtiger Begleiter für sie.

Ich war ein aggressives Kastanienmännchen. Die dicke Kugel schien zu sagen: Platz da! Geduld war nicht mehr meine Stärke. Mit zehn Kilo plus wollte ich keine Treppe mehr betreten, lehnte lange Wege ab und vermied enge Passagen. Ich brauchte Rolltreppen, Fahrstühle und Mutter-Kind-Parkplätze. Grüne Ampelphasen wurden zum Stresstest und meine Aggressivität dümpelte unterschwellig immer mit. Ich war schwanger, sportsüchtig und überfällig.

Mein Körper war nicht mehr mein Körper. Plump und schwer fühlte er sich an, aber auf diesen Zustand hatte ich mich Monate vorher schon vorbereitet. Der Körper-GAU. Welche Sportarten bei Hochschwangeren noch in Frage kamen, wusste ich mit Beginn der Schwangerschaft. Langweilige. Als werdende Mutter sollte ich mich mit Mutter Erde eng verbunden fühlen, im Geiste auf den Wellen des Meeres reiten, verzückt rosa Steinchen auf meinen Nachttisch legen und die Arme im imaginären Wind wedeln, wie die Äste eines Baums. Das sollte mich alles in einen Zustand des dämlichen Glücks versetzen. Wer es im Stehen schaffte, entrückt sein Becken zu kreisen, hatte sein Sportpensum erreicht. Schnell wieder hinlegen und die dicken Wollsocken anziehen. Schonen.

Mein Schwangerschaftsgymnast hieß Volker. Vorsichtshalber fragte ich den Spinning-Trainer, ob ich mitmachen könne - er verstand meine Frage nicht. Was denn dagegen spräche? Meinen Medizinball-großen Bauch sah er nicht als Hindernis. Sein Training war perfekt: keine Erschütterungen, kein Bauchtraining, keine zusätzlichen Gewichte. Herrlich. Die größte Überwindung war nur, es auf das Rad zu schaffen. Am besten parkte ich mit dem Auto so dicht wie möglich am Fitness-Studio und fuhr mit dem Fahrstuhl in den 5. Stock. Enge Parklücken konnten zur Falle werden, da ein Herauswinden aus dem Auto nicht mehr möglich war. Ich blieb stecken und musste öfter umparken.

Halteverbotsschilder galten daher nur noch für andere. Mein favorisierter Parkplatz war direkt vor dem Boxstudio, reserviert für Mitglieder - und mich. Die Kritik des glatzköpfigen Boxtrainers nahm ich schnaufend Richtung Fahrstuhl zur Kenntnis. Meine Antwort entsprach nicht seinen Vorstellungen ("Ditt kann man auch netter sagen!"). Ich hatte andere Probleme. Meinen Bauch in dehnbare Sportsachen unterzubringen (Umstandsmode lehnte ich ab) und trotz verlangsamten Tempos rechtzeitig anzukommen. Blicke, die fragten, wie ich es noch ins Studio geschafft habe, ignorierte ich.

Ich verlor das Gefühl, im Körper eines Seeelefanten zu stecken

Das Personal am Empfangstresen hingegen beglückwünschte mich regelmäßig zu meinem Durchhaltevermögen. Denn: Das Hochwuchten von der Couch auf den Sattel hatte einen Sinn, mit der Bewegung kam die Leichtigkeit zurück. Die Übelkeit ließ nach und für ein bis zwei Stunden verschwand das dumpfe Gefühl, im Körper eines Seeelefanten zu stecken. Eines besonders dicken Seeelefanten, der es nur mit lauten, grunzenden Geräuschen ein paar Meter vorwärts schaffte und zu seinem Glück auch noch ständig auf der Suche nach einer Toilette war.

Neben Spinning half mir auch Schwimmen, Wassergymnastik, TRX und Yoga, um nicht völlig durchzudrehen. Heimlich ging ich weiterhin im Park laufen, eine Runde, die mit zunehmenden Umfang kürzer wurde - und ich entsprechend langsamer.

Da von anderen schon das Spazieren um einen See im Winter als zu gefährlich deklariert wurde, ließ ich das Joggen im Park sowie das Laufband in meinen Erzählungen erst gar nicht auftauchen. Ich hatte mich schlecht zu fühlen. Ich sollte keine Energie mehr haben. Ich hatte mich den ganzen Tag zu schonen. Jede überflüssige Bewegung wurde als Strapaze angesehen.

Mein Kreislauf war anderer Meinung: Je weniger ich mich bewegte, desto schlechter ging es mir. Blieb ich zu lange im Bett liegen, wurde aus dem Seeelefant zunehmend ein gestrandeter Wal. Für ungefragte Ratgeber war jedoch jede körperliche Anstrengung schlecht fürs werdende Leben, aber ein Glas Sekt völlig in Ordnung ("für den Kreislauf"), Zigarettenqualm ungefährlich und Wein gut zum Einschlafen.

Sturzgeburt? Nein, das Kind ließ sich Zeit

Aufgrund meines Bewegungsdrangs prophezeite mir mein unkendes Umfeld eine frühzeitige Sturzgeburt. Stattdessen ruhte mein Bauch wie ein See bei Windstille. Im zehnten Monat wurde mir zu einer Einleitung der Geburt geraten. Die Ärztin schlug vor, noch einen schönen Tag zu verbringen, um dann anschließend mit der Einleitung im Krankenhaus zu begingen. Beim Stichwort "ein schöner Tag" ging ich gedanklich die Kurse in meinem Fitness-Studio durch. Es was früher Nachmittag, daher blieben nur der Crosstrainer sowie das Laufband übrig. Ich entschied mich fürs letzteres. Der Stichtag lag zwei Wochen hinter mir, das Kind konnte kommen. Würde Laufen schließlich die Wehen auslösen? Ein paar Kilometer später war klar, dass damit nicht zu rechnen war.

Ich jammerte in der Sauna Kim, einem Dauergast im Studio, etwas vor. Sie hatte mir regelmäßig Tipps gegeben, was koreanische Schwangere so machen. Fettigen Schweinebauch zu essen, um propere Kinder auf die Welt zu bringen, hatte ich zwar abgelehnt, aber Kim konnte mich immer wieder mit einfachen Worten beruhigen. Oft sagte sie nur "Nicht schlimm" oder "Das macht nichts", was meine Verzweiflung schon minderte. Aber diesmal wusste auch Kim keinen Rat.

Ich rollte in die Umkleidekabine zurück und packte meine Sportasche zum letzten Mal vor dem bevorstehenden Massaker. Am Empfangstresen wünschte mir Sven noch alles Gute. Auf jeden Fall war ich fit genug für Geburt.

Teaserbild: Johnson/Corbis
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