Ich habe mein Hochzeitskleid selbst genäht

Alaa Sandor hat das Kleid für den schönsten Tag ihres Lebens selbst genäht. An dieser Herausforderung ist sie gewachsen - und das Ergebnis ist umwerfend schön geworden.

Alaa Sandor ist 33 Jahre alt und wohnt mit ihrem Mann und den beiden Katern George und Tommen in Waldbronn in der Nähe von Karlsruhe. Sie hat Tiermedizin und Grafikdesign studiert und arbeitet momentan als Scout für den Zoo Karlsruhe. Im August 2015 hat sie geheiratet. Sie ist gern kreativ, tanzt und liebt die Natur und Tiere.

Bräute können schon seltsam sein. Monatelang beschäftigen sie sich mit der Planung eines einzigen Tages, machen Termine mit Floristen, Eventlocations, Konditoren und nicht zuletzt Brautmodengeschäften. Als Außenstehender findet man diese ewigen Gespräche über Hochzeits-Entscheidungen sicherlich etwas befremdlich, vielleicht auch selbstverliebt und oberflächlich. Basteln, kosten, anprobieren und sich in Farbschemen verlieben - braucht eine starke Frau von heute sowas?

Doch gerade die kleinen, schönen Dinge des Lebens hielten auch mich schon in schweren Zeiten über Wasser. Was würde also dagegen sprechen, die Hochzeitsplanung in vollen Zügen zu genießen und zu leben? Als klar war, dass mein Verlobter und ich im nächsten Jahr unsere Hochzeit feiern würden, verwandelte also auch ich mich in eine Art "Bridezilla".

Im Geschäft wurden mir elfenbeinfarbenen Monster übergestülpt

Ich fragte zwei meiner besten Freundinnen, ob sie mich zum Anprobieren von Brautkleidern in die Stadt begleiten mochten. Bald stand ich, in meiner weißen Unterwäsche und einem Unterrock mit eingenähtem "Hula-Hoop-Reifen", in einer geräumigen Umkleidekabine und ließ mir elfenbeinfarbene Monster über den Kopf stülpen, während mir verboten wurde etwas anzufassen.

Vorher hatte ich die Richtung beschrieben, in die es gehen sollte: simple Eleganz, ohne Glitzer, aber bitte schön altmodisch in Voll-Spitze und enganliegend. Was ich nicht wollte: ausladende Röcke, Seide (ich bin Veganerin) und schulterfrei. Meine Brautkleidberaterin schnürte mich fest ein oder befestigte große Klammern im Rücken, um mich sexy zu morphen. Vorher sollte ich ausatmen - ihr wisst, warum. Wer eine schmale Taille haben will, muss lernen "dezenter" Luft zu holen. Die Röcke wurden etwas weiter als erwünscht und es gab fast nur schulterfrei. Nichtsdestotrotz waren sehr schöne Roben dabei. Ich hatte eine Pin-up-Sanduhr-Figur, meine Freundinnen schmolzen dahin und ich haderte.

Mein Lieblingskleid war doch ein Quäntchen pompöser, als ich es eigentlich geplant hatte, war aber ein super Schnäppchen (weil vom letzten Jahr): mit Änderungen 1.200 Euro. "Sehr hochwertige Spitze", wurde mir gesagt. Irgendwie sahen die Stoffe aber durchweg synthetisch aus. Vor allem aber fühlte ich mich darin wie eine 16-jährige, die auf ihren Prinzen wartete. Das war ich jedoch lange nicht mehr.

Ein Brautkleid selber nähen? Was für eine verrückte Idee

Es wäre so einfach und ginge so schnell, so ein Teil zu kaufen. Der Preis war, im Vergleich zu anderen Modellen, wirklich human - für mich aber trotzdem viel zu hoch. Und ich hatte noch so eine andere verrückte Idee im Hinterkopf: selbernähen.

"Brautkleid selber nähen - wer macht das heutzutage noch?" stand in meinem Brigitte-Hochzeitplaner. Außerdem hatte ich ja vielleicht vor 15 Jahren ein Burda-Modell unter Aufsicht meiner Mama genäht, aber seitdem eher nur Dinge wie Stoffbeutel und Kissenhüllen. Und das eher selten.

Ich kehrte unentschlossen und zugegebenermaßen etwas frustriert zurück nach Hause.

Einige Wochen und einen Umzug später sah ich mich bei "Etsy" Stoff bestellen. Es beruhigte mich, dass ich im Falle des Scheiterns noch die Zeit hatte, nach gebrauchten Kleidern Ausschau zu halten. Doch eine leise Stimme sagte mir: "Ist das Garn erstmal eingefädelt, wirst du diesen champagnerfarbenen Traum auch zu Ende bringen!"

So legte ich voller Tatendrang los. Doch Moment, wie war das nochmal mit dem versteckten Reißverschluss? Zum Glück gibt es Online-Tutorials, die einem die Geheimnisse des Couturedesigns Schritt für Schritt erklären. Ich nähte ein Probekleid aus erschwinglichem Nesselstoff und stieg ein Dutzend Mal vorsichtig in das mit Nadeln gespickte Teil, um es perfekt an meine Figur anzupassen. Etwas unsicher schickte ich Schnappschüsse per WhatsApp an meine Freundinnen.

Mit Liebe gemacht - dieses Gefühl kann man nicht kaufen

Etwas später lag die wunderschöne Alencon-Spitze aus Kalifornien auf meinem Parkettboden und ich hatte ziemlichen Respekt davor, mit der neu gekauften, scharfen Schere in sie hineinzuschneiden. Überraschenderweise fand ich die Arbeit mit dem tollen Material aber so befriedigend, dass ich mich konzentriert an jedes Detail machte. Als die wichtigsten Nähte fertig waren, probierte ich mein Konstrukt an und wusste: hier steckt so viel Hingabe drin - ich kann in gar keinem anderen Kleid meinem Mann das Ja-Wort geben!

Viele Arbeitsstunden folgten, obwohl ich zögere, diese Zeit als "Arbeitszeit" zu bezeichnen. Vielleicht waren Hauselfen am Werk - ich machte kaum Fehler. Die Zeit bleibt auf magische Weise stehen, wenn man eine lange Reihe von Perlenknöpfen an dem Rücken eines selbst geschneiderten Kleides befestigt. Ich fertigte noch einen hellblauen Unterrock an, ganz ohne steife Reifen. Das war ich. Es passte zu mir, die Einladungen selbst zu gestalten, die Gläser für die Blumen selbst zu verzieren und ja, auch mein Outfit zu nähen. Lange vor dem do-it-yourself-Trend hatte ich das Gefühl kennengelernt, eine Herausforderung gemeistert zu haben. Sich etwas Neues beizubringen und mit diesem Wissen etwas zu kreieren, das sonst keiner hat - dieses Gefühl kann man nicht kaufen.

Der Tag, an dem ich "Ja" zu meinem Lieblingsmenschen sagte

Am 29. August war es dann so weit. Freunde kamen von weit her, um unvergessliche Momente mit uns zu teilen. Sie sahen zu, wie wir vor dem Rosenbogen standen, einen Baum gemeinsam pflanzten und uns unsere Ringe ansteckten. Meine wundervolle Freundin Tinka machte diese persönliche Zeremonie noch rührender, indem sie die freie Trauung hielt. Bei Hochzeiten sind Freudentränen und strahlende Gesichter nicht selten, doch Komplimente wie "Das war die schönste Trauung, die ich je erlebte" oder "Nähst du mir mein Brautkleid, wenn es bei uns so weit ist?" ließen uns an ihrer Echtheit und Ehrlichkeit nicht zweifeln.

Für andere ist es nur ein Kleidungsstück, das man an einem Tag trägt. Allerdings an dem einen Tag, an dem ich meine Liebe und lebenslange Bindung an meinen Lieblingsmenschen bekannt gebe! Für mich ist es also ein Symbol meines Selbstbildes; wie ich mich in unserer Ehe sehe. Deshalb ist es nicht mit Scheinen bezahlt, sondern mit Liebe gemacht worden.

Das Kleid begleitete uns noch einmal auf unseren Honeymoon nach Kroatien. Mein Liebster machte Fotos, während ich mit der Alencon-Spitze ins Meer stieg. Ich bedankte mich innerlich für den tollen Dienst, den es geleistet hatte, und versprach, es bald in den Ruhestand zu entlassen. In der Dusche unserer Ferienwohnung wusch ich das Salzwasser heraus und pickte anschließend die Überreste des Waldes aus der Mini-Schleppe. Nun wartet es in meinem Kleiderschrank darauf, vielleicht einmal ein Erbstück zu werden.

Längst sind neue Projekte in Planung. Deutlich größer und furchteinflößender, aber auch sehr aufregend. In ein paar Jahren werde ich wieder stolz zurückblicken und mich erinnern, wie mit viel Mut und Herzblut jeder Wunsch in Erfüllung gehen kann.

Teaserbild: Maiorama Fotografie
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