"50 ist das neue 30? Das wüsste ich aber!" 🤔

BRIGITTE.de-Leserin Judith Carelse findet es nicht so witzig, 50 zu werden. Was soll das Gerede vom "Ankommen" und vom "Golden Age?"

"Vintage", "Spätlese", "Oldtimer" - finde ich alles so mittelwitzig

Dieses Jahr ist es auch bei mir so weit: Ich werde 50.  Und ich beneide meine Freundinnen glühend, die diesen besonderen Geburtstag gelassen oder sogar mit Stolz schon hinter sich gebracht haben. 

Auslöser für meine gemischten Gefühle bezüglich meines runden Geburtstags war der Besuch in einer Parfümerie. An der Kasse überreichte mir die Verkäuferin eine Gesichtspflege für die mittlerweile anspruchsvolle Haut und zwei Parfümproben dazu. Eine davon erkannte ich als Duft wieder, den eine Sommerliebe Anfang der 90er-Jahre benutzt hatte. Ich fand ihn damals umwerfend – den Duft vielleicht sogar mehr als den Mann. Noch lächelte ich versonnen vor mich hin und murmelte: „Oh, JOOP!Homme", als die perfekt geschminkte und höchstens 20 Jahre alte Angestellte auch schon kommentierte: “Ja, ja. Das ist ein ziemlich alter Duft. Gut möglich, dass Sie ihn kennen.“ Na, schönen Dank auch! 

Witzig gemeinte Glückwunschkarten gratulieren den Jubilaren, indem sie die Geburtstagskinder als ein bisschen „vintage", als „Spätlese" oder als „Oldtimer mit leichten Gebrauchsspuren“ beschreiben. Passend dazu das Foto eines verrosteten, amerikanischen Kleinlasters aus vergangenen Zeiten, der so aussieht, als hätte ihn schon John-Boy Walton gefahren ... . 

Ich muss mich nicht um meinen Körper kümmern - der meldet sich von selbst 

Psychologen und Mediziner empfehlen, dass man sich mit Erreichen dieses neuen Lebensabschnitts mehr auf sich selbst besinnen und dem Körper mehr Aufmerksamkeit schenken soll.

Echt jetzt? Ich muss das gar nicht. Mein Körper meldet sich von ganz alleine und quengelt wegen irgendwelcher Beschwerden. In letzter Zeit immer öfter. Demnächst steht eine Schulteroperation an. Man ahnt es schon: nicht die Folge einer Sportverletzung, sondern die Kombination aus Verschleiß und einem blöden Sturz.

Beim Vorgespräch wurde ich von dem noch recht jungen Arzt freundlich begrüßt:“ Ah, Sie sind die Patientin mit dem geplanten Gelenkersatz der Schulter.“ Wie bitte? Davon war nie die Rede. Ich werde 50, nicht 80! 

Saß man vor zehn Jahren noch als Spätgebärende zur Schwangerschaftsvorsorge beim Gynäkologen, so wird man heute nach Hitzewallungen, Haarausfall und noch ausgeübter Sexualität befragt.

Aber ich will nicht weiter jammern. Eine gleichaltrige Bekannte war das erste Mal in einer für sie neuen Frauenarztpraxis. Direkt am Empfangstresen, mit ausreichend Zuhörerschaft in unmittelbarer Nähe, wurde sie von der Arzthelferin gefragt, ob sie überhaupt noch eine Regelblutung habe. Niemand hätte uns diese Fragen mit 30 gestellt. Leute, das tut echt weh beim ersten Mal! 

Ich will ehrlich sein. Bei mir löst der Gedanke an meinen „runden Geburtstag“ leichte Beklemmungen aus. Schlimmer noch finde ich den Ausdruck „ Ich nulle dieses Jahr“ – Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl klingt in meinen Ohren anders. Ich lese vom „Ankommen in der Lebensmitte“, von den „Wechseljahren des Lebens" und vom „Glück der zweiten Pubertät“. Während ich mich intensiver mit dem Thema auseinandersetze, nimmt das mulmige Gefühl eher zu als ab. Am liebsten würde ich diese Gedanken einfach von mir abschütteln. 

Wie schaffen es die anderen, entspannt mit dem Altern umzugehen?

Wie schaffen es denn die anderen, locker und entspannt mit dem Älterwerden umzugehen? Oder ist da in Wahrheit doch mehr Schein als Sein? Wenn ich sehe, wie viele Ratgeber und durchaus ironisch gemeinte Literatur es zu den „heißen Jahren“ gibt, dann muss es auch einen Leserinnenkreis dafür geben. Und damit auch Frauen, die ähnlich empfinden wie ich im Moment. 

Auch die Zeitschriftenverlage haben die in die Jahre kommenden Frauen für sich als Zielgruppe entdeckt. Ich bin demnächst eine „weibliche Active Ager Classic 50 plus". Das Lebensgefühl dieser Leserin wird als positiv und voller Energie beschrieben. Vielleicht muss ich ja nur lernen, mir die unangenehmen Empfindungen einfach schönzureden?

Einen Teufel werde ich tun! Dafür bin ich nun wirklich zu alt – sorry, zu reif.  Was kann frau also tun, wenn es so weit ist? Sich ein dickes Fell zulegen und auf keinen Fall den Humor verlieren. Der ist nämlich altersunabhängig und hat garantiert kein Verfallsdatum. Mein Entschluss steht fest: Ich werde nicht 50. Ich werde 30 mit 20 Jahren Lebenserfahrung! 

Die Autorin: Judith Carelse ist ausgebildete Krankenschwester und lebt mit ihrem Partner und vier Kindern in Niedersachsen. Sie liest, schreibt, telefoniert und tanzt gerne und mag Musik in jeder Hinsicht – ob selbstgemacht oder als Zuhörerin.

"50 ist das neue 30? Das wüsste ich aber!" 🤔

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