Traumjob Hebamme - warum ich mir Sorgen um meinen Beruf mache

Claudia Brox ist eine WeHe, eine werdende Hebamme - die fürchtet, dass ihr Traumjob sie nicht wird ernähren können. Oder noch schlimmer: bald gar nicht mehr existiert. Warum das alles nicht passieren darf.

Claudia Brox, 22, kommt aus Baden-Württemberg. Nach einem Auslandsaufenthalt ist sie wieder im Ländle gelandet, genauer gesagt in Stuttgart, wo sie nun ihre Ausbildung zur Hebamme macht.

Ich würde lügen, wenn ich hier schriebe, dass ich schon seit meiner frühesten Kindheit Hebamme werden wollte. Nein, sicherlich nicht. Zahnarzt stand mal ganz oben, dann ein Studium der Germanistik oder Geschichte und Bibliothekarin war auch mal im Raum.

Aber über viele Ecken bin ich bei den Hebammen gelandet. Mein Praktikum in einem kleinen Kreißsaal packte mich und führte mir vor Augen, welches der Beruf ist, den ich mein Leben lang ausüben möchte. Hört sich eigentlich nach einem guten Plan an, den ich verfolge, und er scheint auch aufzugehen. Gäbe es da nicht ein - leider gar nicht so kleines - Problem, das mich immer mehr verunsichert und mir schon schlaflose Nächte beschert hat: die Versicherungsproblematik und die Zukunft der Hebammen.

Weiß die Gesellschaft eigentlich, was eine Hebamme leistet?

Hebammen werden seit Jahren immer weiter in die Enge getrieben mit den ständig steigenden Versicherungssummen, die sie aufbringen müssen. Seit Juli ist ein neuer (unbezahlbarer) Höhepunkt der Versicherungssumme erreicht, den ein Versicherer, der einzig verbliebene, abrechnet. Laut Aussage des Deutschen Hebammen Verbandes beläuft sich diese Summe auf über 6000 Euro im Jahr, eine Steigerung von gut 20 Prozent.

Und jetzt will ich wirklich niemanden hören, der sagt: "Ja klar, diese Hebammen, die kennen sich mit Kräutern, Globuli und Aromatherapie aus. Aber bei einer Bekannten meiner Freundin, da kam das Kind blau zur Welt. Und die Nabelschnur war sogar um den Hals. Zum Glück war da ein Arzt anwesend. Die Hebamme wusste sich vermutlich nicht zu helfen. Die wusste nicht mehr weiter, mit ihren alternativen Ideen. Habe gehört, die Anwesenheit des Arztes hat der Bekannten meiner Freundin Mut gemacht."

Ich kann es nicht mehr hören. Was nehmen sich diese Leute raus? Niemals würde mir einfallen, über einen Beruf eines anderen so zu richten. Hebammen sind medizinisches Fachpersonal. Wir genießen eine anspruchsvolle Ausbildung auf hohem Niveau, es wird viel von uns gefordert und verlangt, wir gehen an unsere Grenzen und darüber hinaus. Wir lernen alles über Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit.

Ausgelernte Hebammen sind die Spezialistinnen auf diesem Gebiet und kein Arzt kann diesen Beruf meiner Meinung nach ersetzen. Genauso wenig, wie ich denke, dass Hebammen andere Berufe ersetzen können. Ich habe das Gefühl, dass es kein Bewusstsein in der Gesellschaft dafür gibt, was eine Hebamme leisten kann und vor allem leistet.

Hebammen sind Tag und Nacht für einen da

Hebammen betreuen eine Schwangere, bevor sie eine Schwangere ist. Helfen ihr bei der Familienplanung, sind Ansprechpartnerin für Themen, die man sonst vielleicht nicht gerne mit Fremden bespricht.

Hebammen machen die Schwangerenvorsorge, führen Frauen durch eine Schwangerschaft, erkennen Risikofaktoren oder Probleme und sind mündig genug, die Frauen rechtzeitig zu einem Arzt zu schicken.

Hebammen leiten eine normale Geburt ohne Komplikationen. Betreuen die werdenden Eltern und das noch ungeborene Kind. Mit einer Verantwortung für zwei Leben auf den Schultern helfen Hebammen den Frauen zu gebären und zeigen jeder Einzelnen, zu was sie fähig ist. Sie helfen das wohl anstrengendste, aber gleichzeitig wichtigste Erlebnis, was eine Frau erfahren kann, gemeinsam mit ihr durchzustehen, Schmerz und Erschöpfung auszuhalten.

Hebammen erkennen Probleme unter der Geburt und wissen Abhilfe. Eine Hebamme ist die erste, die den neuen Erdenbürger anlächelt und ihm sagt: "Siehst du, wie willkommen du bist, hier auf unserer Welt! Du wirst in eine Welt geboren, die sich auf dich freut, trau dich!"

Hebammen wissen, wie wichtig der Alltag ist. Tägliche Probleme hören sie sich an, geben Tipps und zaubern wahre Wunder aus ihrer Tasche. Und wenn man ein Problem entdeckt, dann ruft man an, egal ob Tag oder Nacht. Ist doch kein Problem, oder?

Können Hebammen überhaupt noch von ihrem Job leben?

Es ist eines. Und wo es noch keines ist, wird es zu einem werden. Es tut mir leid, ihr gesunden, schönen und schlauen Frauen, die ihr es verdient zu gebären, wie es euch gerecht werden würde. Ihr verdient eine Hebamme, wenn ihr eine wollt, die euch betreut, so wie ihr es braucht. Die euch klar macht, dass eine Schwangerschaft keine Krankheit ist und eine Schwangere noch lange nicht krank. Eine, die euch an die Hand nimmt und begleitet durch eine neue Zeit, die vielleicht irgendwie ganz anders ist, als ihr es euch immer ausgemalt habt.

Eine Hebamme, die euch erklärt, dass Geburtsschmerz der einzige Schmerz ist, der euch Vorteile bringen wird und vielmehr eine Aufgabe als eine Strafe ist. Eine, die euch sagt: Klar, kannst du das! Ich glaube an dich und an deine Fähigkeit, ein Kind auszutragen! Ich glaube an dich und an deine Fähigkeit zu gebären! Ich glaube an dich und an deine Fähigkeit, eine gute Mutter zu werden!

Das Handwerkszeug einer Hebamme sind ihre Hände, ihre Augen und Ohren und ihr Herz. Wir tasten, wie das Kind liegt und wie der Bauch wächst. Messen Kopfumfänge und Körperlängen. Fühlen, wie fest die Gebärmutter unter und nach der Geburt arbeitet. Saugen den ersten Schrei eines Neugeborenen auf und spüren dabei merklich, wie alle Last von unseren Schultern zu fallen scheint. Wir haben eine Streicheleinheit für die empfindliche Seele einer Schwangeren oder jungen Mutter parat. Und fühlen, was unser Gegenüber braucht und was wir ihm geben können. Und geben es dann. Wenn aber immer mehr Hebammen ihren Beruf aufgeben (müssen), weil dieser sie nicht mehr ernährt oder sie, damit er sie noch ernährt, so an ihre Grenzen gehen müssen, dass sie daran kaputtgehen, dann ist noch lange keine gute Lösung gefunden.

Mag sein, dass es noch die Möglichkeit einer Versicherung gibt, die aber so teuer ist, dass sie einem Nicht-Angebot einer Versicherung beinahe gleichkommt. Mag auch sein, dass die Hebammen zunehmend im Fokus der Presse sind, aber lösen wird sich unsere Problematik dadurch nicht.

Wer soll unseren Beruf übernehmen?

Jetzt einmal ehrlich, lieber Politiker: Wer soll unseren Beruf übernehmen?

Ein Frauenarzt? Der wird keine ruhige Minute mehr haben, wenn Frauen mit all ihren Problemen um Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit zu ihm kommen.

Ein Kinderarzt? Der wird anbauen können, die kleinen Patienten und ihre Mütter im Minuten-Takt einbestellen müssen, damit er überhaupt all die Anfragen abarbeiten kann.

Ist es wirklich eine unlösbare Aufgabe, uns eine Alternative zur momentanen Situation anzubieten oder Vorschläge unsererseits zu überdenken und eventuell einzusteigen? Sie können über Krieg und Frieden entscheiden und scheinen daran zu scheitern, einen jahrhundertealten Beruf zu unterstützen? Ich mag das beinahe nicht glauben.

Ich sehe es als Aufgabe aller Hebammen und werdenden Hebammen, sich zu äußern. Keiner bemerkt uns, wenn wir uns in unseren viel zu vollen Kreißsälen oder hinter einem ständig klingenden Handy verstecken. Können so starke Frauen, die so viel aushalten, erleben und wissen, wirklich passiv zusehen, wie ihr Beruf schleichend abgeschafft wird?

Ich finde: Frauen in guter Hoffnung, verdienen Hebammen, die die Hoffnung noch nicht verloren haben. Ich glaube fest an eine Lösung, die es uns ermöglicht weiterzuarbeiten, aber vor allem den Frauen die Möglichkeit gibt, weiterhin betreut zu werden, wie sie es verdient haben!

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