VG-Wort Pixel

Leserin erzählt "Meine Kämpfe als Gehörlose haben mich stark gemacht"

Christine (30) ist zweifache Mama und seit ihrer Geburt gehörlos
Christine (30) ist zweifache Mama und seit ihrer Geburt gehörlos
© privat
BRIGITTE.de-Leserin Christine Eggert (30) ist gehörlos, genau wie ihr Mann und ihre beiden Kinder. Wie meistert sie ihr Leben?

Ich bin seit meiner Geburt gehörlos. Das war nicht immer einfach, vor allem bis ich sechs Jahre alt war, da in meiner Familie außer meinem Bruder alle hören konnten. Doch der war selten zu Hause, sodass ich oft niemanden hatte, mit dem ich mich unterhalten konnte.

In der Schule war Gebärdensprache verboten

Besonders belastend war für mich auch die Situation in der Schule. Obwohl ich zunächst in einen Kindergarten für Gehörlose und anschließend in die dazugehörige Schule für Gehörlose ging, war es uns verboten, die Gebärdensprache zu nutzen, das entsprechende Gesetz wurde erst 2002 geändert. Bis dahin verfolgte man das pädagogische Konzept der „oralen Erziehung“, die sich ausschließlich auf die verbale Kommunikation konzentrierte. Davon erhoffte man sich, dass wir doch noch Sprechen lernen.

Natürlich haben wir als Kinder trotzdem heimlich gebärdet, aber das war psychisch eine große Belastung, weil es verboten war. Außerdem kam es ständig zu Missverständnissen in der Kommunikation, sowohl mit den Lehrer:innen als auch mit meinen Eltern.

Mit sieben Jahren wurde ich operiert und bekam ein Cochlea-Implantat auf dem linken Ohr, das ist eine Hörprothese. Damit konnte ich zumindest einige Geräusche wahrnehmen, aber nicht automatisch sprechen lernen. Bis heute hat sich mein Hörverstehen weiter verbessert, doch meine Aussprache ist nicht mit der von hörenden Menschen vergleichbar. Für mich ist es am einfachsten, mich in Gebärdensprache mit meinen vielen gehörlosen Freund:innen, meinen Kindern und meinem Mann zu unterhalten, da dies meine Muttersprache ist.

Auch mein Mann und meine beiden Kinder sind gehörlos. Die Kinder haben ebenfalls Cochlea-Implantate, und meine Tochter Emilie besucht eine Regelschule. Mein Sohn ist erst zwei Jahre alt und noch zu Hause.

Der Kampf um einen Platz in der Regelschule

Ich liebe meine Mutterrolle und bin unendlich stolz auf meine beiden Kinder, trotzdem stoße ich im Alltag häufig an Grenzen. Als meine Tochter Emilie in die Schule kam, war es – anders als bei hörenden Kindern – ein riesiger Aufwand. Ich wollte, dass sie eine Regelschule besucht, denn Gehörlosenschulen in Deutschland haben nicht die gleichen Standards, und ich wollte, dass mein Kind mit Gleichaltrigen zusammen bestmöglich gefördert wird. Emilie ging zuvor in einen Kindergarten für gehörlose Kinder, der spezielle Sprachförderung anbietet, sodass sie relativ schnell verständlich sprechen lernte. Dennoch waren zunächst viele der Lehrer:innen und sogar der Direktor dagegen, dass sie danach eine Regelschule besucht. Es mussten viele Gespräche geführt und Anträge gestellt werden, bis wir endlich die Genehmigung hatten. Ich bin so froh, dass uns dabei ein Team aus Dolmetscherinnen unterstützt hat, sonst hätten wir das niemals geschafft.

Gehörlosen werden viele Steine in den Weg gelegt

Ich würde auch gerne nochmal eine Ausbildung machen, doch der Kostenträger übernimmt die Dolmetscherkosten für eine zweite Ausbildung nicht. Ein weiteres Problem ist der Dolmetschermangel: Möchte man eine:n Dolmetscher:in buchen, muss man das meist schon weit im Voraus tun. Doch bei einem Notfall, etwa, wenn ich schnell zum Arzt muss, ist häufig niemand verfügbar. Und die Ärzt:innen stehen immer unter Zeitdruck. Sie können sich nicht in meine Lage versetzen und sich nicht die Zeit nehmen, um sich eingehender mit meinen Problemen zu befassen.

Gehörlose werden auch im Straßenverkehr benachteiligt. Ich fahre in jeden Stau hinein, weil ich kein Radio hören kann. Auch im Fernsehen gibt es immer noch nicht überall Untertitel. Mit der Maskenpflicht hat sich meine Kommunikationssituation weiter verschlechtert, weil sich kaum jemand die Mühe macht, seine Belange aufzuschreiben und sich mir zu erklären. Für uns Gehörlose gibt es bisher zu wenig Unterstützung und Verständnis von Seiten der Menschen, die hören können. Das auszugleichen kostet jeden Tag wahnsinnig viel Kraft. Gehörlose müssen viel härter kämpfen, weil sie so viele Barrieren abbauen müssen.

In Amerika etwa gibt es bereits in allen Lebensbereichen gute Konzepte, um Gehörlose zu integrieren: Im Fernsehen gibt es Untertitel, bei den meisten Veranstaltungen sind Dolmetscher:innen dabei, sogar Polizei und Feuerwehr arbeiten häufig mit Gebärdensprache. So erhoffe ich mir das auch für Deutschland, doch das ist nicht in Sicht.

Ich wünsche mir, dass wir es in Zukunft einfacher haben. Auch, wenn ich heute weiß: Meine Kämpfe als Mutter, als Frau und als Gehörlose haben mich auch stark gemacht.

Die Autorin: Christine Eggert lebt mit ihrer Familie in Würzburg und liebt Mode und die Arbeit an ihrem Instagram-Account chocosecret

Brigitte

Mehr zum Thema