Jung, motiviert, bestens ausgebildet - aber wo bitte sind die Jobs für uns?

Sie hat Wirtschaft studiert, Auslandserfahrung und drei Praktika im Lebenslauf, trotzdem findet Anna S. - wie viele ihrer Freunde - keinen Job. Und fragt sich: Warum erkennt niemand unser Potenzial?

Anna S., mittlerweile 26, aus Wien, hangelte sich nach dem Bachelor in Wirtschaft von Praktikum zu Praktikum. Sie ist sich sicher: Das Thema der "Generation Praktikum" ist brisanter denn je.

"Wir bedanken uns für das Interesse, das Sie unserem Unternehmen entgegengebracht haben. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass ..."

Mittlerweile bestehen zwei Drittel meines Email-Postfachs aus Absage-Emails mit Sätzen wie diesem. Ich bin 25, habe ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und bin nach drei absolvierten Praktika nun auf der Suche nach meinem ersten richtigen Job.

Von meinen gleichaltrigen Freunden mit abgeschlossenem Studium hat so gut wie niemand eine "normale" Anstellung: Entweder sie machen schlecht bezahlte Praktika im In- und Ausland oder sind ebenfalls auf Arbeitssuche. Daher weiß ich, dass ich bei weitem kein Einzelfall bin und finde, dass das Thema "Generation Praktikum" einmal mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gehört.

Ich will mich nicht weiter unter Wert verkaufen

Nach der Matura, wie das Abitur in Österreich heißt, war mein Wissensdurst noch nicht gestillt und ich entschied mich für das Studium der Internationalen Betriebswirtschaft. Dieses schloss ich nach nur vier Jahren erfolgreich mit dem Bachelor of Science ab. Ich gehörte zu den besten zehn Prozent der Studierenden der Vergleichsgruppe.

Seit dem Sommer 2012 habe ich mich erfolglos beworben. 2013 absolvierte ich dann drei Praktika in zwei unterschiedlichen Unternehmen - zwei davon im Ausland. Alle meine Arbeitgeber waren bisher sehr zufrieden mit mir, trotzdem konnte ich mangels freier Stellen leider nicht übernommen werden. Auf Praktikum Nr. 4 verzichte ich, weil ich mich nicht weiter unter Wert verkaufen will.

Praktika als Türöffner lautet die Legende - in der traurigen Realität bedeutet es: Bezahlung am Existenzminimum oder darunter, ohne Jobchancen danach. Frei nach dem Motto: Ein schlecht oder gar unbezahltes Praktikum können Sie gerne haben - aber den fixen Job danach suchen Sie sich bitte anderswo. Dass Praktika ursprünglich Ausbildungszwecken dienen sollten, scheint überhaupt in Vergessenheit geraten zu sein.

Der häufigste Grund für Absagen: zu wenig Berufserfahrung. Mit der Ansicht, dass junge Mitarbeiter auch im Berufsalltag noch dazulernen können, stehe ich anscheinend allein da. Von Unternehmensseite aus ist oft weder Wille noch Zeit und Geld da, um in Berufsanfänger zu investieren.

Das spiegelt auch einen generellen Trend in unserer Gesellschaft wider: Lernen wird nicht als bereichernder Entwicklungsprozess gesehen, sondern als unangenehmer, zeitfressender Input, um den Output "Können" zu optimieren. Am besten man käme auf die Welt und könnte schon alles. Dass auch die Größten mal die Chance bekommen haben, sich zu entwickeln, wird von vielen Personalabteilungen dezent ignoriert.

Lebenszeit soll bitteschön möglichst effizient genutzt werden

Da Praktika in den Ferien und nach dem Studium offenbar keine adäquate Berufserfahrung darstellen, wird das Arbeiten während der Ausbildung zum Muss. Die knappe Ressource Lebenszeit soll bitteschön möglichst effizient genutzt werden. Jahrelang "nur studieren" - dafür braucht man in einer Leistungsgesellschaft schon einen triftigen Grund.

Sogar für eine Assistenzstelle wird heute schon mehrjährige Arbeitserfahrung verlangt - doch wie soll man die bekommen, wenn einem niemand die Chance gibt, sie zu erwerben? Ach ja, und für die Stellen, bei denen kein Studium verlangt wird, werde ich wiederum nicht genommen, weil ich überqualifiziert bin. Welche Möglichkeiten habe ich, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Die Arbeitgeber wollen ihr Risiko minimieren

Mit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften habe ich kein Orchideenfach studiert, aber ich gebe zu, es gibt natürlich Bereiche, in denen ich bessere Chancen am Arbeitsmarkt gehabt hätte. Aber was soll ich tun, wenn ich Biochemie oder Steuerrecht eben nicht superspannend finde?

Und, nein, ich träume nicht schon seit der Sandkiste von einer Karriere im Bereich XY. Ich bin vielseitig interessiert und begabt und habe eigentlich bis jetzt immer geglaubt, dass das gut so ist. Die Personalabteilungen suchen zwar ehrliche Mitarbeiter, die sich beim Vorstellungsgespräch nicht verstellen, aber dann doch nur das erzählen, was sie hören wollen. Sogar Schwächen sollen noch als Stärken auslegbar sein oder zumindest mit einer erfolgreichen Strategie bekämpft werden.

Es ist mir klar, dass es bei Arbeitslosenzahlen auf Rekordniveau oft mehrere hundert Bewerbungen auf eine offene Stellen gibt und dass Auswahlkriterien geschaffen werden müssen. Was auch erklärt, warum es mittlerweile selbst für Traineeprogramme dreistufige Auswahlverfahren gibt.

Arbeitgeber wollen ihr Risiko minimieren und nehmen die Kandidatin oder den Kandidaten mit der meisten Erfahrung. Aber dadurch entgeht ihnen vielleicht auch die Chance auf jemanden, der gängige Abläufe auf ihren Nutzen hin hinterfragt. Auf jemanden mit einer neuen Herangehens- und Sichtweise, noch unvoreingenommen und mit kreativen Ideen.

Wir haben das Gefühl, von der Gesellschaft nicht gebraucht zu werden

Die Politik propagiert, dass jeder studieren soll. Aber was im Endeffekt am Arbeitsmarkt wirklich gebraucht wird, sind zum Beispiel Altenpfleger und Kindergartenpädagogen. Übrig bleiben unzählige, junge Menschen mit dem Gefühl, von der Gesellschaft nicht gebraucht zu werden, in prekären oder gar keinen Arbeitsverhältnissen und einer unsicheren, finanziellen Situation.

Da verwundert es nicht, dass das Thema Familiengründung erst mal nicht auf der Prioritätenliste steht. Hinzu kommt, dass Arbeitslosigkeit immer noch ein Tabu mit dem Beigeschmack "selbst schuld" ist.

Staatliche und andere durch Steuergeld finanzierte Unternehmen erfüllen ihre Vorbildfunktion meist in keinerlei Hinsicht: Auch sie verhängen Aufnahmestopps, vergeben schlecht oder gar unbezahlte Praktika und zahlen gleiche Gehälter für Maturanten und Bachelorabsolventen. An gesetzliche Mindestlöhne für Praktikanten ist in Österreich gar nicht zu denken. Wer nach dem Studium keine Arbeit findet und über 25 ist, ist fallweise nicht einmal sozialversichert.

Mir ist natürlich bewusst, dass die Situation im Süden Europas wesentlich dramatischer ist. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass in einem Land, in dem junge Menschen die Gesellschaft so wenig mitgestalten dürfen, sehr viel Potenzial verlorengeht.

Und so frage ich mich: Warum hat die Wirtschaft nicht mehr Vertrauen in die Jugend und ihr Potenzial? Und weshalb bin ich mit einem Universitätsabschluss, Auslandserfahrung und drei Praktika in der Tasche immer noch auf der Suche nach einem adäquaten Arbeitsplatz? Daher hoffe ich weiter auf eine positive Nachricht in meinem Posteingang.

Nachtrag Februar 2015: Trotz aller Hürden habe ich es vor Kurzem geschafft, beruflich halbwegs Fuß zu fassen und - unbelehrbar, wie ich bin - begonnen, meinen Master in Publizistik zu machen.

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