Einschulung: "Jetzt heißt es loslassen"

Der erste Schultag ist nicht nur für ihren Sechsjährigen ein Riesenschritt: Isabell Spilker teilt in der Leserkolumne "Stimmen" ihre Gedanken, Sorgen und Hoffnungen zum Thema Einschulung.

Gestern waren es noch sechs Jahre, bis mein Kind, mein Baby, in die Schule kommt. Und heute liegt die Schultüte bereit, ist der Schreibtisch aufgebaut, habe ich für die Schulhefte Umschläge gekauft und mit ihm gemeinsam was Schickes zum Anziehen für den ersten Schultag ausgesucht. Ein Jackett soll es sein, sagt er. Ein Hemd reicht, finde ich. Wir haben es noch nicht final geklärt.Neulich stand ich gerührt am Fenster und habe ihn beobachtet. Er sprach mit Nachbarskindern, sie hatten ganz offensichtlich ein Problem miteinander. Seine ersten Konflikte mit anderen Kleinkindern löste er vor fünf, sechs Jahren ganz pragmatisch: mit roher Gewalt. Heute steht er da, mit den Händen in den Taschen und lächelt weise, wenn er geärgert wird. Er ist groß geworden. Geht allein Brötchen kaufen. Übernachtet bei Freunden und macht Urlaub bei Oma. Der Autositz braucht am liebsten nur die Sitzschale zu sein. Aber abends die Gute-Nacht-Lieder weglassen? Das bricht ihm das Herz. Und Abendbrot isst er am liebsten auf dem Schoß von Papa. Er ist eben auch doch noch ganz schön klein.

Ich glaube, er wird gut klarkommen in der Schule. Wir leben in einer kleinen Stadt mit einem gesund gemischten Klientel. Er wird mit Lehrer- und Architekten-Kindern ebenso die Schulbank drücken wie mit sozial eher Schwächeren. Die Schule ist in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen, die Kinder treffen sich vor unserer Haustür jeden Morgen und gehen im Pulk. Ein ganzes Jahr lang hat er sie jeden Morgen beobachtet, die "Schulzwerge", wie wir sie nannten. Nun gehört er bald selbst dazu.

Damit beginnt für mich als Mutter, für uns Eltern, ein weiterer, noch größerer Black-Box-Abschnitt. Krippe, Kindergarten, da war man zwar auch darauf angewiesen, was das Kind zu Haus erzählt, konnte sich aber jeden Tag ein Häppchen Update vom Erzieher holen, was der Spross so treibt. In der Schule sind wir raus. Es gibt Elternabende, klar, vielleicht könnte sich auch einer von uns zum Elternrat wählen lassen - zur maximalen Einflussnahme. Aber sind wir das? Seien wir realistisch: Jetzt heißt es loslassen. Ähnlich stelle ich es mir in der Pubertät vor - vom Kind zum Erwachsenen. Nun eben vom Kindergartenkind zum Schulkind. Laufen lassen. Hoffen, dass alles gut geht, dass das Fundament gut gebaut ist. Ich bin zuversichtlich.

Wüsste ich nicht, dass mein Kind sich in der Fremde ebenso wie bei Oma oder im Kindergarten wie ein Musterschüler benimmt, wäre ich weniger optimistisch. Zuhause erleben wir nämlich in der Tat eine kleine Pubertät. Sechsjahreskrise nennen es manche Wissenschaftler. Mein Sohn tobt, wütet, streitet, weint, stampft und wiederspricht aus Prinzip. Er ist einfach fürchterlich unzufrieden mit der Gesamtsituation. Unser Kindergarten schloss sieben Wochen vor Schulbeginn die Pforten und entließ seine "Königskinder" in die Schule. So startet unser Eintritt in die Schulzeit mit dem Alptraum arbeitender Mütter: mit großen Ferien. Es wird besser mit der Laune des Sohnes, sagen unsere Freunde, wenn er endlich in die Schule kommt und gefordert ist. "Wackeln die Zähne, wackelt die Seele", heißt der Ratgeber, den ich gerade lese, wenn ich dazu komme. Ich bin dankbar für jeden Zahn, der geht.

Diese Krise, von der ich vorher noch nie etwas gehört habe, hat auch eine praktische Seite: Sie überlagert meine Ängste, dass mein Sohn vielleicht keinen Spaß am Lernen hat. Dass er sich jeden Morgen mit Bauchweh zur Schule quälen muss. Dass er von Größeren gemobbt wird. Dass er zu schnell realisiert, dass der Ernst des Lebens gar nicht lustig, sondern totaler Mist sein kann (und das für die nächsten zehn bis 13 Jahre!). Dass wir bestätigt bekommen, dass die Pädagogen und Politiker mit ihren Bildungsreformen Versuchskaninchen aus unseren Kindern machen.

Das Lernen heute ist völlig anders als das, was wir von früher kennen. Und das wird uns, vor allem natürlich mich als Hausaufgaben-Betreuende vor völlig neue, scheinbar unlösbare Aufgaben stellen. Zum Beispiel: Die ersten Jahre dürfen die Kinder schreiben, wie man spricht. Um später die Rechtschreibregeln übergestülpt zu bekommen. Mir will das partout nicht einleuchten und es wird wohl meine große Aufgabe an mich selbst sein, hier auf die Lehrkräfte und mein Kind zu vertrauen - und nicht sofort kreischend mit dem Korrekturstift daneben zu stehen.

Es wird alles gut werden, oder? Abitur oder Hauptschulabschluss, wir werden ihn immer lieben. Aber nun kann es bitte endlich losgehen, im Hemd oder Jackett, aber mit guter Laune und einer gerührten Mutter.

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