Hashimoto: "Die Flut an Symptomen ließ mich verzweifeln"

Müdigkeit, Gedächtnisprobleme, Schwindel, Kopfschmerzen, Hitzewallungen und vieles mehr plagten Inga. Auf der Suche nach Gründen konnten Ärzte ihr kaum helfen. Bis sie endlich herausfand: Sie hat Hashimoto Thyreoditis, eine Autoimmunerkrankung.

Inga, 42, lebt in Berlin und war lange Zeit für einen japanischen Reiseveranstalter tätig. Vor vier Jahren erfüllte sie sich den Traum, zeitweise auf einer deutschen Insel zu arbeiten. Die Liebe kam dazwischen und sie blieb länger als geplant. Doch ihr Herz schlägt für die Großstadt und sie verbringt so oft es geht Zeit in Berlin.

Inga, 42, lebt in Berlin und war lange Zeit für einen japanischen Reiseveranstalter tätig. Vor vier Jahren erfüllte sie sich den Traum, zeitweise auf einer deutschen Insel zu arbeiten. Die Liebe kam dazwischen und sie blieb länger als geplant. Doch ihr Herz schlägt für die Großstadt und sie verbringt so oft es geht Zeit in Berlin.

Weiblich, 42 Jahre alt, Schilddrüsenunterfunktion. Nichts Ungewöhnliches in meiner Familie. Deshalb nehme ich ein Schilddrüsenhormon ein, das meine Schilddrüse zu wenig produziert. Bis dato merkte ich von der Unterfunktion daher nichts. Dachte ich.

Bis ich von Tag zu Tag müder und erschöpfter wurde. Manchmal kam ich vor lauter Erschöpfung kaum die Treppen hoch. Für meine Hausärztin war die Ursache offensichtlich: Ein bestimmter Schilddrüsenwert war zu hoch, also veränderte sie die Dosierung des Schilddrüsenhormons.

Ganz nebenbei merkte meine Ärztin an, ich hätte ja auch "Hashimoto". Mehr wurde mir dazu nicht gesagt. Da mich inzwischen auch gravierende Gedächtnisprobleme plagten, fragte ich nicht nach. Denn ich konnte weder Gesprächen vernünftig folgen, noch Zusammenhänge verstehen. Es war, als würde mein Gehirn nicht mehr richtig funktionieren. Ein Zustand, der beängstigend war.

Es kam immer noch schlimmer

Doch es kam noch schlimmer: Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, tägliche Kopfschmerzen, Gelenk- und Muskelschmerzen. Nach dem Essen bekam ich ein rotes und heißes Gesicht, gepaart mit . Bei der kleinsten Anstrengung bekam ich Herzrasen und an manchen Tagen verspürte ich einen leichten Druck auf die Schilddrüse.

Darmkrämpfe und Verstopfung, die sowieso seit langem zu meinem Leben gehörten, wurden langsam unerträglich. Die Augenlider waren geschwollen, auch das Gesicht oft aufgedunsen und die Haut wurde schuppig. Geschwollene Beine hatte ich schon den gesamten Sommer gehabt. Ständig musste ich mich beim Sprechen räuspern. Plus Zittern und wacklige Beine, als wäre ich unterzuckert.

Nachts im Bett fingen meine Füße an wie Feuer zu brennen und ich musste sie immer wieder kalt abduschen. Dafür fror ich tagsüber ständig. Mit meinen Händen verhielt es sich anders. Sobald sie mit etwas Kaltem in Berührung kamen, fühlte es sich an, als lägen sie in Eiswasser. Dass ich ständig durstig war und auch ohne viel zu trinken Harndrang hatte, kannte ich seit Jahren. Aber jetzt war der Harndrang so ausgeprägt, dass ich mich manchmal nicht aus dem Haus traute.

Aus lauter Hilflosigkeit begann ich, Symptome zu googeln

Mein engeres Umfeld wusste mit meinem Zustand inzwischen gar nichts mehr anzufangen. Das machte meine Situation nicht besser. Die Flut an Symptomen überforderte mich immer mehr und mein täglicher Kampf damit wurde immer beschwerlicher.

Ich wurde zum ständigen Besucher meiner Hausarztpraxis. Die Ärzte waren mit der Symptomatik genauso überfordert. Obwohl sie ihr Bestes taten und nach ihrem Wissen handelten. Ausgeschlossen wurden Borreliose, Rheuma, Vitamin B12-Mangel. Der Langzeitzucker, der auf Diabetes hinweisen könnte, war ebenfalls im Normbereich, so wie alle anderen Werte auch.

Als ich nach der dritten Blutuntersuchung den Satz "Vielleicht sollten wir doch mal über psychosomatische Ursachen nachdenken" hörte, wusste ich, meine Ärzte stießen an ihre Grenzen, denn meiner Psyche ging es gut.

Also tat ich etwas, das Mediziner gar nicht gern sehen. Aus lauter Hilflosigkeit suchte ich nach den Gründen meiner Symptome im Internet. Das erste, was ich las, war, dass mein Langzeitzuckerwert in einem Graubereich lag und man ihn beobachten sollte.

Und dann kam mir der Begriff "Hashimoto" wieder in den Sinn. Ab da las ich, was das Zeug hielt. Meine Wut und mein Unverständnis über die fehlende Aufklärung meiner Ärzte wurden immer größer. Ich war körperlich an meine Grenzen gestoßen. Arbeiten war in diesem Zustand nicht möglich. Doch endlich hatte ich einen Namen für all das: Hashimoto Thyreoiditis mit Unterfunktion.

Eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, bei der das Organ chronisch entzündet ist. Der Körper bildet Antikörper gegen die Schilddrüse, deren Gewebe von ihm als fremd angesehen wird, und zerstört nach und nach das Schilddrüsengewebe.

Warum waren meine Hausärzte bloß so hilflos?

Ich las Berichte von Hashimoto-Erkrankten und alle hatten identische Symptome. Endlich wusste ich, warum ich seit Jahren schubweise Muskel- und Gelenkschmerzen, eine geschwollene Zunge oder geschwollene Schleimhäute hatte. Warum ich mich oft erkältet fühlte, obwohl ich es nicht war, wunderte mich nun gar nicht mehr.

Endlich war mir klar, dass Hashimoto Thyreoiditis den Körper völlig aus der Bahn werfen kann. Es treten Mangelerscheinungen oder Nahrungsmittelintoleranzen auf. Diabetes, Bluthochdruck, Morbus Crohn und vieles mehr können Folgen der Erkrankung sein.

Ich fragte mich, warum meine Hausärzte so hilflos waren, denn selbige hatten die Erkrankung diagnostiziert. Aber auch der Besuch bei einem Spezialisten, dem Endokrinologen, war ernüchternd. Der Arzt sagte mir, ich könne die Einnahme des Schilddrüsenhormons auch sein lassen, und von Gelenk- und Kopfschmerzen aufgrund der Schilddrüse hätte er noch nie gehört.

Es ist erschreckend, wie schlecht informiert viele Ärzte heute über Schilddrüsenerkrankungen sind und wie oft man als Betroffene von Ärzten belächelt wird und sie doch allzu schnell im Bereich der Psychosomatik die Gründe dafür suchen. Die einzige Person, die mir von ärztlicher Seite bestätigte, dass viele meiner Symptome durch die Schilddrüse verursacht werden, war meine Gynäkologin.

Tägliches Arbeiten ist eine Herausforderung für mich

Gott sei Dank ging es mir nach drei Monaten und zweimaliger Erhöhung des Schilddrüsenhormons besser, nur die Konzentrationsprobleme, Müdigkeit und Erschöpfung sind geblieben. Das Schlimmste aber ist die geringe Belastbarkeit. Tägliches Arbeiten ist für mich inzwischen zur Herausforderung geworden.

Eins ist sicher: Die Symptome werden immer wieder auftreten, mal mehr mal weniger. Diese Erkrankung ist nicht heilbar und ich werde ein Leben lang Schilddrüsenhormone einnehmen müssen. Aufgrund meiner Erfahrungen beschäftige ich mich verstärkt mit dem Thema Ernährung und versuche, die Aufnahme von Giftstoffen zu vermeiden, was nicht einfach ist. Aber jeder zusätzliche Giftstoff kann die Entzündung des Organs verstärken.

Viele meiner Fragen sind beantwortet, nur eine nicht: Warum akzeptieren Mediziner nicht, was Betroffene berichten, und gehen immer noch strikt nach Lehrbuch?

Was ist Hashimoto-Thyreoiditis?

Was ist das? Eine chronische Entzündung der Schilddrüse, die anfangs zu ihrer Über-, langfristig zur Unterfunktion und dementsprechend zu einem Mangel an Schilddrüsenhormonen führt.

Die Symptome: unspezifisch und oft diffus

Verlauf und Therapie: behandelt wird mit Schilddrüsenhormonen, deren Dosis bei Fortschreiten der Erkrankung erhöht werden muss. Auch die weibliche Fruchtbarkeit kann verringert sein: Etwa zehn Prozent der Kinderwunschpatientinnen haben eine Schilddrüsenstörung, allerdings nicht zwangsläufig Hashimoto-Thyreoiditis.

Wie viele sind betroffen? 0,3–1,5 % der Bevölkerung, darunter zehn bis 20-mal mehr Frauen als Männer.

Hashimoto - zu selten oder zu oft diagnostiziert?

Bei der häufigsten Autoimmunerkrankung der Schilddrüse ist beides der Fall. "Die Schilddrüse ist an vielen Prozessen im Körper beteiligt. Entsprechend vielfältig und oft schwer zu greifen sind die Beschwerden wie Herzrasen, Schwitzen, Schlafprobleme, Haarausfall, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen oder trockene Haut", so Endokrinologin Iris van de Loo. "Auch wenn die Schilddrüse bei den Ärzten heute viel mehr im Fokus steht als noch vor 20 Jahren, wird in manchen Fällen leider immer noch nicht daran gedacht."

Gleichzeitig gibt es aber auch ein Übermaß an Behandlungen: Inzwischen wird vielen Menschen Hashimoto - und damit eine chronische Erkrankung mit lebenslanger Medikation - attestiert, die diese eigentlich gar nicht haben. Die Diagnose erfolgt korrekterweise, wenn zwei dieser drei Kriterien erfüllt sind: 1. Nachweis von Schilddrüsenantikörpern, 2. Schilddrüsenunterfunktion und 3. ein charakteristisches Bild des Organs im Ultraschall.

Antikörper allein finden sich aber bei etwa zehn Prozent der Bevölkerung, obwohl diese nie Probleme mit der Schilddrüse haben werden. "Wichtig ist außerdem, dass sich die Unterfunktion nicht anhand eines einmalig gemessenen Hormonwerts ablesen lässt, denn Schilddrüsenwerte werden von vielen Faktoren wie Alter, Gewicht, aber auch Depressionen oder Schlafentzug beeinflusst", so Dr. van de Loo. "Es sollte also mindestens zweimal gemessen werden."

Besonders in den Wechseljahren sieht van de Loo das Problem, die richtige Diagnose und Behandlung zu finden, denn die typischen Beschwerden des Klimakteriums überlappen sich teilweise mit denen der Hashimoto-Thyreoiditis: "Unglücklicherweise kommt oft beides Hand in Hand, weil sich Hashimoto besonders in Zeiten von Hormonumstellungen manifestiert. Da muss man genau sortieren, woher welche Beschwerden wirklich kommen." Die Expertin warnt außerdem vor Fehlinformationen zum Thema: "Es lohnt sich immer, bei einem Text über Hashimoto die Interessen der Autoren zu hinterfragen.“

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Teaserbild: Andrzej Wilusz / shutterstock

Kommentare (24)

Kommentare (24)

  • Nigi
    Nigi
    Ich empfehle euch das Buch "Hashimoto im Griff" von Izabella Wentz....
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hallo

    Ich habe auch Hashimoto mit immer noch zahlreichen Symptomen, trotz guter Schilddrüsenhormoneinstellung. Meine Geschichte steht auf unserer Seite der Selbsthilfegruppe, die ich gegründet habe, sowie viele Tipps zur Verbesserung der Symptome

    http://hashimotoselbsthilfegruppefreyung.blogspot.com
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Bitte auch immer die Nebenniere testen lassen. Leider gibt es für die Ärzte nur Morbus Addison und dazwischen nichts. Es gibt aber auch noch die Nebennieren-Insuffizienz, die bei hashi häufig mit dabei ist. Wenn es den Nebennieren wieder gut geht, kann auch der große Regelkreis mit der Schilddrüse wieder besser funktionieren.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Seit 2008 habe ich Hashi, am Anfang war ich auch schlapp und und und - aber seit damals nehme ich eben jeden Morgen mein Tablettchen und gut ist.

    Ich bin leistungsfähig, mir geht's einfach gut damit. Ich denke eben auch nicht drüber nach..... Ist halt so.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Barbara,



    da hatten Sie Glück, dass es Ihnen nach der OP gut geht.

    Die Chance steht 50:50 das nach einer Komplett-OP die Symptome zurück gehen bzw. durch verbesserte Einstellung auch eine Verbesserung auftritt.



    Bei einer OP lässt sich nie das gesamte Gewebe entfernen, es bleibt also immer noch ein Rest, auf den das Immunsystem schießen kann.

    Auch wenn das erledigt ist, bleibt Hashimoto noch bestehen und kann auch ohne Schilddrüse Attacken und damit Symptome auslösen.



    Daher würde ich nicht einfach dazu raten, sich so einer OP zu unterziehen.

    Aber am Ende muss das natürlich jeder selbst einscheiden.



    VG

    S

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