"Die Migräne hat mir gezeigt, wer ich bin und was ich brauche"

BRIGITTE.de-Leserin Andrea Morgenstern litt ihr Leben lang unter Migräne. Dann endlich verstand sie, wie sie die Schmerzen loswerden konnte. 

Ich hatte darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen

Mein Vater sagte vor ein paar Jahren zu mir, wie froh er darüber sei, dass ich mir nicht irgendwann das Leben genommen hatte. Wir saßen dabei im Auto. Den Blick nach vorne gerichtet. Die tiefsten und ehrlichsten Gespräche führen wir oft in diesem Rahmen. Sie sind heilsam und wunderschön, auch wenn sie dabei oft an alten Schmerz erinnern.

Die Befürchtung war gerechtfertigt. Denn ohne irgendjemandem davon zu erzählen, hatte ich mich eine Weile tatsächlich über Optionen der Euthanasie informiert. Und das, obwohl es mir das Herz brach, denn ich liebte das Leben in halbwegs gesunden Momenten sehr.

Doch ich wollte es nicht mehr aushalten. Zu dieser Zeit hatte ich an über 20 Tagen im Monat starke Migräne-Schmerzen. Es fühlte sich an, als würde ein Hammer auf meinen Kopf einschlagen oder in jedem Moment mein Schädel platzen. Dazu kamen extreme Übelkeit, Erbrechen sowie Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit.

Die meiste Zeit verbrachte ich im Bett. Wenn die Schmerzen mal erträglich waren, von starken Medikamenten unterdrückt, habe ich versucht, all das nachzuholen, was mir an den anderen Tagen nicht möglich war: zur Uni gehen, lernen, arbeiten, einkaufen, putzen, mich bewegen und irgendwie versuchen, ein Sozialleben zu führen.

Ich dachte, dass ich nicht mehr leben wollte. Aber scheinbar war der Wunsch nach Leben und der tiefe Glaube daran, dass ein lebenswertes Leben auch für mich irgendwie möglich ist, stärker. Und so bin ich geblieben. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Denn hätte ich mich dagegen entschieden, wäre mir dieses Wunder der Heilung mit all der Freude und Liebe entgangen.

Ich ahnte, dass die Migräne nicht grundlos in mein Leben gekommen war

Schon als kleines Kind hatte ich einen intuitiven Glauben daran, dass die Migräne nicht ohne Grund in mein Leben gekommen war, und dass sie irgendwann heilen würde.

Doch um mich herum gab es stets so viele Meinungen, dass ich selbst anfing, diese Dinge zu glauben: Die Gene seien schuld und unveränderbar. Ich könne nur lernen, damit zu leben. Ich solle mich nicht so anstellen und hineinsteigern. Das seien doch nur Kopfschmerzen. Ich solle mal nicht so sensibel sein. Und mir vor allem sollte ich mir nicht so viele Gedanken machen. Aus dem Mund der anderen klang das so einfach.

Ich dachte, ich könne nichts daran ändern. Ich hätte halt Pech gehabt und sei irgendwie auch selbst schuld. Und während ich all dies dachte, merkte ich gar nicht, dass die Krankheit schon längst zu meiner Identität geworden war und ich gar nicht wusste, wie ich ein Leben ohne leben könnte. Ich kannte es ja nicht anders.

Die Zwangspause war meine Rettung

Im Dezember 2016 war ich dann scheinbar bereit für meine ganz individuelle Wahrheit. Offen dafür, mich von den gesellschaftlichen Vorstellungen von Leben und Krankheit zu befreien und meinen eigenen Weg zu finden. Ich war damals auf Bali und lag bei Sonnenuntergang auf einer Massageliege.

Die Wochen zuvor hatte ich wegen eines Rollerunfalls auf der Insel viel Zeit im Bett verbracht. Ich las Eckhart Tolle, begann täglich mehrere Stunden zu visualisieren und besuchte verschiedene Heiler. Viel mehr war mir körperlich nicht möglich und so wurde diese Zwangspause zur besten Reise meines Lebens, nämlich zu einer Reise mir selbst.

Ich lag da also auf der Liege und wäre am liebsten in die Luft gesprungen, hätte sofort allen erzählt, was in mir vorging, was ich erkannte hatte. Denn ich konnte endlich wirklich fühlen, dass die Migräne kein Feind war, den es zu bekämpfen galt. Vielmehr war sie gekommen, um mich zu beschützen und zu unterstützen. Mein System hatte damit versucht, noch größeren Schmerz abzuwenden. Die Erkenntnis bedeutete aber auch, dass es nun an der Zeit war, ehrlich zu schauen, ob ich wirklich bereit war für ein Leben ohne Migräne.

Ich verstand: Ich hatte die Migräne gebraucht, um zu überleben

In dieser Nacht schrieb ich der Migräne einen Abschiedsbrief und bedankte mich bei ihr. Dafür, dass sie in mein Leben kam, als ich sie brauchte: Als ich ein hochsensibles Kind voller Angst war, das mit der Alkoholsucht in der Familie kämpfte und mit physischer Gewalt in der Schule. Es war alles zu viel für mein System. Mein kindliches Ich hatte keine anderen Strategien und dank der Migräne hatte ich mehr von dem bekommen, was ich brauchte, um in diesem Umfeld seelisch zu überleben: Ruhe, Zuwendung, Mitgefühl, Rückzug.

Mit den Jahren wurde die Migräne als ständiger, ungemütlicher Begleiter zur unbequemen Komfortzone. Denn statt dazu zu stehen, dass ich besonders viel Ruhe und Rückzug brauche, oft ganz anders denke und andere Bedürfnisse habe als meine Umwelt, konnte ich immer die Migräne als Grund nennen. Sie hat mir so viel abgenommen.

Als ich nun in jener Nacht diesen Brief schrieb, war ich bereit, zu lernen, selbst die volle Verantwortung für all mein Denken, Fühlen und Handeln zu übernehmen. Ich spürte, dass es in Wahrheit überhaupt nicht um physische Heilung ging und so tippte ich noch in dieser Nacht den Titel meines ersten Buches in meinen Laptop: "Ich suchte Heilung und fand mich selbst."

Krankheit ist die Heilung von allem, was wir nicht sind

Nach nur zwei bis drei Monaten hatte ich fast keine Schmerzen mehr und eine Lebensqualität, die ich mir nie hatte vorstellen können.

"Die Migräne hat mir gezeigt, wer ich bin und was ich brauche"

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Ich lernte jeden Tag, radikaler meine Wahrheit auszusprechen, loszulassen und Verantwortung für mich zu übernehmen. Der Weg der Heilung war tatsächlich ein Weg zu mir selbst und zu der Erkenntnis, dass Krankheit in Wahrheit Heilung ist. Nämlich Heilung von all dem, was wir nicht sind.

Es erfordert absolute Bereitschaft, die Opferrolle aufzugeben. Denn nichts und niemand ist daran schuld, wie wir uns fühlen, was wir denken und wahrnehmen. Weder unsere Gene, noch der Chef, die Schwiegermutter oder das Wetter. Diese Selbstverantwortung wirklich zu leben, gepaart mit der Anerkennung des Lebens, des Loslassens von all dem, was wir nicht sind und was uns nicht dient, kann ein Weg der Heilung sein. So war es zumindest bei mir.

Die Autorin: Andrea Morgenstern unterstützt Frauen als Holistic Coach & Sprituelle Mentorin auf ihrem Weg zu mehr Leichtigkeit und Lebenskraft. Sie teilt dabei ihre eigene Geschichte und gibt Tipps für den heilsamen Weg nach innen. In ihrem Podcast "Soul to go", auf Instagram sowie in ihrem neuen Buch "Ich suchte Heilung und fand mich selbst" (Kailash-Verlag, 15 Euro, ab 2. September 2019) findest du mehr von ihr.

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