Ich bin hochsensibel - und mag mein Leben, wie es ist

Es hat lange gedauert, bis BRIGITTE.de-Leserin Beate Marianne Viehmann erkannte, dass sie hochsensibel ist. Es war ein Befreiungsschlag.

Beate Marianne Viehmann (52) ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. In ihrer Arbeit als Coach und Trainerin ist ihr das Thema Leben mit Hochsensibilität eine Herzensangelegenheit.

In der Schule war ich "die Streberin"

Schon als Kind war ich lernfreudig, wissbegierig und neugierig. Ohne die öffentliche Bücherhalle wären meine Eltern ein Vermögen für Lesestoff losgeworden. Ich habe mir jede Woche einen Stapel Bücher ausgeliehen, ihn gelesen und wieder zurückgebracht.

Ich war auch schon früh leistungsbereit, diszipliniert und pflichtbewusst. Für viele andere Kinder war Schule lästig und doof. Ich dagegen bin gern zur Schule gegangen, ich habe gern Hausaufgaben gemacht und hatte dadurch schnell den Stempel „Streberin“. Damals hat mich der negative Unterton in „Streberin“ verletzt und genervt. Heute sehe ich diesen Stempel als Kompliment.

Ich kann gut zuhören. Vielleicht sollte ich diesen Satz fett und kursiv schreiben, denn ich bemerke zunehmend, dass die meisten Menschen permanent auf Sendung sind und viel um sich selbst kreisen. Ich finde es schön, zu hören, wie es anderen geht, ich interessiere mich für andere Menschen.

Ich habe mich lange Zeit minderwertig gefühlt

Trotz all dieser feinen Eigenschaften habe ich mich lange Zeit falsch gefühlt, minderwertig, weniger beliebt als andere, weniger belastbar und behäbiger, kurzum irgendwie unzulänglich. Bis ich irgendwann in den 2000er-Jahren gelesen habe, dass es so etwas wie Hochsensibilität gibt. Es war, als ob die Ketten gesprengt würden, die um mich gelegt waren.

Endlich wusste ich, dass ich doch nicht allein bin mit meiner Geräuschempfindlichkeit. Dadurch konnte ich als Jugendliche nicht mit Freundinnen in die Disco gehen. Es war mir einfach zu laut dort. Ich bin auch nicht allein mit meinem feinen Sinn für Beziehungsbotschaften. Ich höre sehr gut auf dem Beziehungsohr; manchmal auch etwas, das da gar nicht ist. Eine dahingesagte Bemerkung eines Menschen kann mich tage- und nächtelang beschäftigen.

Ich bin auch nicht allein mit meinem Perfektionismus. Mein Bestreben, Dinge gut zu machen, kann leicht abgleiten in einen sehr angestrengten Perfektionismus, der auf andere unmenschlich wirkt und mich verkrampfen lässt. Alle Muskeln sind in Dauerspannung, besonders die meines Kiefers.

Ein Fünftel der Menschen ist hochsensibel, sagt die Statistik. Man geht davon aus, dass die hochsensible Persönlichkeit angeboren ist und zugleich durch Erziehung und Erfahrungen ausgeprägt wird. Hochsensible Menschen haben ein sehr empfindliches Nervensystem und sehr niedrige Wahrnehmungsfilter, so dass im Gehirn viel mehr Informationen verarbeitet werden, als das bei normal Sensiblen der Fall ist. Das führt zu Überreizung und Stress.

Das Gefühl, nicht allein zu sein, nicht falsch zu sein, nicht krank zu sein und eine Erklärung dafür zu haben, warum ich bin wie ich bin, war großartig.

Doch erst jetzt, mit 52 Jahren, nach einer chronischen Schmerzerkrankung des Trigeminus-Gesichtsnervs, kann ich mich wirklich sehen und für mich sorgen. Es war ein langer Prozess. Mein Körper musste sehr weit gehen, um ein gesundes Bewusstsein für meine Persönlichkeit zu schaffen.

Inzwischen habe ich mich als Coach und Trainerin für hochsensible Menschen selbständig gemacht. Ich unterstütze Menschen dabei, sich selbst mit allen Sonnen- und Schattenseiten der Hochsensibilität anzunehmen und ihr Leben zu gestalten. Eine schönere Aufgabe kann ich mir nicht vorstellen.

Ich bin hochsensibel - und mag mein Leben, wie es ist

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