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Leserin erzählt So habe ich die Hochwasserkatastrophe erlebt

Hochwasserkatastrophe - ein Erfahrungsbericht
Land unter: Blick aus Silkes Wohnzimmerfenster 
© privat
BRIGITTE-Leserin Silke lebt in Hagen und wurde nachts vom Hochwasser überrascht. Hier schildert sie ihre Erlebnisse.
Regen nervt, besonders wenn man Brillen- und Haarspray-Trägerin ist, aber für gewöhnlich putzt man die Brille, lebt mit dem klebrigen Haarhelm für den Tag, und fertig.
Als ich letzte Woche Dienstag im Nieselregen nach Hause fuhr, dachte ich schon, ich wäre ein Glückpilz, als ich einen Parkplatz direkt vor der Tür fand. Hurra, zwei Schritte bis zur Haustür und der Regen kann mich mal. Gut, als ich ins Bett ging, war aus dem Nieselregen ein handfestes Schütten geworden, aber da ahnte ich noch nicht, dass ich am nächsten Morgen an einem Fluss aufwachen würde.
"Wie blöd muss ich geguckt haben, als ich am Mittwoch bei meiner morgendlichen Lüftungsrunde an meinem Wohnzimmerfenster stand und unten ein fließendes Gewässer vorfand."

Wie konnte das sein? Ich wohne weit weg von den vier Flüssen, die durch meine Stadt Hagen fließen und wir sprechen hier auch nicht von Rhein oder Ruhr. Okay, die Eckstraße heißt Bachstraße, aber das ist doch nur ein Name.

Wie ich im Verlauf des Tages lernte, kommt aus dem Wald oberhalb meiner Straße bei Regen ein kleines Rinnsal, das unterirdisch durch Rohre und irgendwann in einen der kleineren Flüsse fließt. Nun, die unglaublichen Wassermengen von oben und der dem Rinnsal eigentlich angemessene aber jetzt total überforderte Ablauf in dieses Rohrsystem führten dazu, dass die Bachstraße ihrem Namen alle Ehre machte und entsprechend Wasser führte.

Überall Wasser und Geröll - aber kein Strom 

Jetzt wohne ich im zweiten Stock eines Altbaus, und ich befürchtete bei all dem Wasser vor meinem Haus, dass ich sehr nasse Füße bekommen würde, wenn ich rausgehe. Aber wo stand eigentlich mein Auto?? Direkt vor der Tür, auf dem letzten trockenen Plätzchen vor dem Fluss. Puh! Und mein Keller? Nochmal puh, denn der Kellerschacht liegt auch höher und nicht direkt am Wasser.

Dann die nächste Überraschung - es gibt keinen Strom. Wie jetzt? Und was ist mit dem Morgenkaffee? Und mit Duschen? Föhnen? Handy-Akku? Strom gibt es aber doch immer! Okay, mal für eine Stunde nicht, weil irgendwas repariert oder gewartet wird, aber doch nicht so lange. Das geht doch nicht! Mein Tiefkühlfach ist voll, wie lange hält das wohl? First World Problems - ganz eindeutig und wie albern und eigentlich unbedeutend, wenn man bedenkt, was das Wasser die letzten Tage so angerichtet hat.

Apropos Wasser, das hatte auch noch tonnenweise Geröll mitgebracht, was dazu führte, dass es völlig unkontrolliert floss und x Umwege nahm, dabei Autos flutete und etliche Keller der Nachbarschaft füllte.

Mir fehlten die Worte

Was nun? Runtergehen? Mal gucken? Mit denen sprechen, die ähnlich sprachlos auf das Geschehen starrten? Es war kurz nach sechs Uhr morgens und irgendwer hatte bereits Straßensperren errichtet. Später erfuhr ich, dass eine Nachbarin beim Nachhausekommen um ein Uhr das Wasser bemerkt und unseren Vermieter aus dem Bett geklingelt hatte, der im Eckhaus in der Bachstraße wohnt. Während ich mich also, obwohl ich durch Blaulicht kurz wach wurde, einfach wieder umgedreht hatte, verteilten meine Nachbar:innen bereits die paar Sandsäcke, die die Feuerwehr vorbeigebracht hatte und hofften, so das Wasser eindämmen zu können. Diese Hoffnung war morgens um sechs dahin.

Also, erstmal dem Chef und der Kollegin eine Nachricht schicken, dass ich nicht ins Büro kommen kann. Erklärung? Zwei Fotos, die Worte fehlten mir. Dann Infos über die aktuelle Lage im Sozialen Netzwerk austauschen. Alle in Sicherheit? Sind noch mehr Leute in meiner Nähe betroffen? Zu diesem Zeitpunkt schien bei ihnen noch alles in Ordnung zu sein. Man wunderte sich über gesperrte Straßen, schaffte es aber doch über kleinere Umwege zur Arbeit und war erstaunt, dass bei mir, teilweise nur zwei Straßen weiter, gerade alles so anders war.

Zwei Tage lang haben alle mit angepackt

Dann anziehen, die Gummistiefel suchen, die ich mal für eine Kuhstallbesichtigung vor 15 Jahren für einen Zehner gekauft hatte und runtergehen. Ich hatte Rede- und irgendwie auch Handlungsbedarf.

Und dann hieß es für die nächsten zwei Tage, das Geröll, erst noch im Regen, später dann zum Glück ohne zusätzliches Wasser von oben, so an die Seite zu schippen, dass ein Flussbett entstehen konnte, durch das unser neuer Strom in geregelten Bahnen fließen konnte. Außerdem Sandsackprovisorien aus alten Plastiktüten und -taschen und Geröll bauen, Bretter finden, mit denen man Menschen über den mittlerweile zweiarmigen Fluss bringen konnte und sich über das Unglaubliche austauschen. Mit Menschen, die eigentlich in unserer kleinen Einkaufsstraße nur Lebensmittel besorgen wollten, oder die mit ihrem Rollkoffer auf dem Weg zum Bahnhof in den Urlaub waren, mit Autobesitzern, die nicht so viel Glück hatten wie ich, sondern deren Auto halb im Geröll und halb unter Wasser standen, mit dem Metzger-Ehepaar von gegenüber, die ihr Lager im Keller des Hauses haben, mit den unzähligen Helfer:innen, die auftauchten und sich mit Schippen, Schaufeln, Schneeschiebern, Eimern und bloßen Händen ans Werk machten.

Die Solidarität war riesig

Während der ganzen Corona-Zeit las ich immer wieder Berichte, wie unsolidarisch die Menschen doch seien, und wie jede:r nur an sich denkt. Klar, im ersten Lockdown hatte man noch älteren Menschen angeboten, für sie einkaufen zu gehen, aber jetzt würde ja jede:r die Ellenbogen ausfahren und es gäbe nur noch ich, ich, ich.

Davon war hier die letzten Tage nichts zu spüren. Es haben so unglaublich viele Menschen mit angepackt. Okay, es gibt den Spruch “Wenn du mit anpackst, ist das, als ob zwei loslassen würden”, auch solche Helfer:innen waren im Einsatz, aber letztendlich konnten wir nur gemeinsam schaffen, was uns hier gelungen ist. Nämlich ohne jegliche Hilfe von offizieller Stelle - andere Stadtteile hatte es noch viel schlimmer getroffen und immerhin waren hier keine Leben bedroht -, das Wasser in geregelte Bahnen zu leiten und noch größere Schäden abzuwenden.

Und auch am Freitag noch, als das Wasser schon weg war, packten viele Menschen mit an, um die Autos von dem ganzen Schotter und Geröll zu befreien, Keller leerzuräumen und den Schlamm von den Gehwegen wegzuschaffen. Der Müll stapelt sich noch immer vor den Häusern und ich habe meine Fenster zur Straße seit Freitag nicht mehr geöffnet, denn der Geruch ist nicht von dieser Welt, aber die Müllabfuhr kann halt auch nicht zaubern und arbeitet zurzeit garantiert auch mehr als tariflich vereinbart.

Obwohl ich sicherlich nur einen Bruchteil von dem geleistet habe, was andere geschafft haben, hatte ich den Muskelkater meines Lebens, Blasen an den Händen und mehr als einmal die Gummistiefel randvoll mit einem Cocktail aus Regenwasser und ach, ich will’s gar nicht so genau wissen, aber auch ein unglaublich gutes Gefühl im Bauch, dass die Menschen eben nicht so sind, wie während Corona vielfach dargestellt. Nein, in der Not rücken sie zusammen. Nicht nur vor meiner Tür, sondern auch in anderen Stadtteilen und Nachbarstädten. Sie helfen sich.

Und wenn ein Kanzlerkandidat sich ankündigt, interessiert sich niemand für dessen Wahlkampf, sondern schippt, spendet und hilft einfach weiter. Und das gilt offensichtlich nicht nur für Dorfgemeinschaften, wo eh jede:r jede:n kennt und man es gewohnt ist, sich mit fehlendem Mehl, Babysitting oder auch Katastrophenhilfe unter die Arme zu greifen, sondern auch hier, mitten in einer Großstadt. Viele der Helfer:innen habe ich hier noch nie gesehen und wie ich später erfuhr, wohnen einige nicht mal hier, sondern kamen zum Teil nur zufällig vorbei und blieben, um zu helfen.

Ich bin ein Glückskind

Noch immer zerstören die Wassermassen Nachbarschaften in Deutschland, Menschen verlieren ihr Zuhause oder gar ihr Leben und ich sitze hier in Sicherheit, der Strom läuft wieder, der Kühlschrank ist gefüllt und ich weiß, dass meine Nachbarschaft zusammenrückt, wenn es hart auf hart kommt. Bin ich nicht ein unglaubliches Glückskind?

Brigitte

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