Tür an Tür mit dem Islam: Ich liebe meine Multikulti-Straße

Sie lebt in einer "Multikulti-Straße", hat türkische, griechische, italienische, russische und chinesische Nachbarn. In der Leserkolumne "Stimmen" schreibt Susanne Witt, warum sie den Mix der Kulturen so bereichernd findet. Aber auch, dass es dafür mehr braucht als warme Worte: das Interesse, einander näherzukommen.

Susanne Witt arbeitet und lebt im Rheinland. Unter dem Pseudonym " „Berta Löwe“" veröffentlicht die fünffache, alleinerziehende Mutter Satiren, wie beispielsweise „Erfolgreiche Rabenmutter“ und die Online-Satirezeitschrift „WESPA - Satire für Frauen“.

Unsere Multikulti-Straße ist bunt, laut, riecht vielfältig, aromatisch und lecker, hier ein urdeutscher Rinderbraten, dort etwas Griechisches, gegenüber Türkisches, Italienisches, Japanisches, Chinesisches oder Russisches. Wir grüßen uns auf der Straße, von zurückhaltend über höflich bis herzlich. Wir bleiben beieinander stehen und sprechen miteinander über Familie, Gesundheit oder ob jemand Hilfe beim Renovieren braucht. Die beste Nachbarin der Welt wohnt rechts von mir. Vor über vierzig Jahren kam sie mit ihrer Familie aus Griechenland, um hier zu arbeiten. Heute sind sie und ihr Mann in Rente und pflegen mit Hingabe Garten und Gemüsebeet. Die Kräuter dazu finden sie auf meiner Seite des Gartenzauns, Grünschnitt inbegriffen. Den katholischen und orthodoxen Kalendern sei Dank gibt es zweimal im Jahr Ostereier und Weihnachtsgebäck - hüben wie drüben.

Gegen die Völlerei jogge ich mit meiner türkischen Nachbarin links vom Zaun. Sie kam als kleines Mädchen nach Deutschland. Gemeinsam feierten wir die erfolgreichen Abiturprüfungen unserer Kinder. Dabei erzählte sie mir, dass ihre Mutter noch immer Analphabetin sei. In ihrem Dorf gab es keine Schule. Alles was man zum Leben brauchte, erwirtschaftete man nach jahrhundertealten Traditionen, wie Ackerbau und Viehzucht. Wissen, das uns Stadtmenschen im Discounter abhanden gekommen und doch so wichtig ist.

Die Proteste der Pegida stellten unser Verhältnis auf die Probe. Mitten in den öffentlichen Diskussionen über Zuwanderung, Fremdenhass, Montagsmärschen und Gegenkundgebungen begegnete ich abends dem Mann meiner Laufpartnerin. Sein freundliches Lächeln war einem unsicheren, zurückhaltenden, fast schon ängstlich ausweichenden Blick gewichen. Mein freundliches "Hallo" ließ sein Gesicht erstrahlen. Ich sah, wie eine tonnenschwere Last von ihm fiel. Auf Facebook besuchte ich die Pegida-Seite und entdeckte einen alten Freund aus einem der neuen Bundesländer, der diese mit "Gefällt mir" markiert hatte. In seinem Freundeskreis sind auch Ausländer. Er erzählt von "armen Kriegsflüchtlingen", die mit zwei Handys rumhängen, sich wie Rapper aus Hollywood kleiden und mit Goldketten behängen, die in Häuser einbrechen, viele Frauen belästigen und betrunken durch die Straßen laufen würden. Das sei ihm fremd und man würde sich in seinem Stadtteil unwohl fühlen. Ein weiterer Grund für die Gegenwehr sei, dass für die Renovierung des wichtigen Jugendhauses kein Geld vorhanden ist, wohl aber Millionen für die Instandsetzung alter Wohnblöcke für Asylanten.

Ich fühlte mich plötzlich in meine Kindheit im Ruhrgebiet zurückversetzt. Die türkischen Gastarbeiterfamilien lebten damals zurückgezogen in ihrem Viertel und pflegten in der Abgeschiedenheit ihre oft muslimische Kultur. Ihr Ziel war klar: genug Geld verdienen, um in der alten Heimat später ein besseres Leben zu führen. Ihre Integration blieb für lange Zeit aus. Nach zwanzig Jahren wollten manche Familien ihren Traum in der alten Heimat wahr machen. Doch nach vier Wochen kamen sie ins Ruhrgebiet zurück und die Männer baten darum, wieder eingestellt zu werden. Ihr Dorf war nicht mehr das gleiche gewesen. Während sie in ihrer abgeschlossenen Enklave die Zeit angehalten hatten, hatte sich ihre Heimat, wie die Welt drum herum, weiterentwickelt. Der Ort, in den sich die Familien zurückgewünscht hatte, existierte nur noch als Erinnerung.

Zurück im Kohlenpott gingen manche der türkischen Frauen zum ersten Mal nach zwei Jahrzehnten allein einkaufen. Unsicher, der Sprache nicht mächtig, erkundeten sie den Ort, in dem sie so lange versteckt gelebt hatten. Ob sie jemals angekommen sind?

Doch was sind die Ziele der heutigen Asylanten? Wollen sie so schnell wie möglich zurück? Oder sich hier ein neues Leben aufbauen?

Die Fremdheit, die mein Freund empfindet, kann ich nachvollziehen. Die Menschen in den neuen Bundesländern haben eine andere biografische Vergangenheit als wir im Westen, vieles findet um vierzig Jahre zeitverzögert statt. Nach Jahren des Aufbaus lässt es sich nur schwer nachvollziehen, warum jetzt nicht etwas für die eigene Jugend sondern noch mehr für völlig Fremde ausgegeben wird. Dabei könnte das Jugendhaus sogar allen Jugendlichen eine Heimat bieten und Integration möglich machen. Stattdessen werden die Fehler der Vergangenheit wiederholt, indem alle Flüchtlinge in einem leer stehenden Hotel oder Plattenbau zusammengepfercht werden.

Wir haben jetzt eine kleine Wohnung an einen anerkannten Asylanten vermietet. Plötzlich ist der junge Mann nicht mehr Flüchtling, sondern ein Mensch mit einem Gesicht, nicht mehr ganz so fremd und mitten unter uns. Für wen der Kulturschock größer sein wird, werden wir bald feststellen. Jedenfalls geben alle ihr Bestes: Ehrenamtliche Helfer und Helferinnen bieten Unterstützung in allen Lebensbereichen an. Dass die Siegburger Willkommenskultur wirkt, zeigt sich im Karneval. Wie eine bunte Perlenkette stehen wir aufgereiht am Rosenmontagszug und feiern zusammen. Wir haben die Welt zu Hause.

Teaserbild: Raymer/CORBIS
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