Mit 28 schon zwei Kinder - bin ich deshalb verrückt?

Wer früh Kinder bekommt, zerstört sein Leben? Diese Haltung kann Marina Peters nicht verstehen. Sie findet es viel verrückter, auf den vermeintlich "perfekten Moment" zu warten.

Marina Peters hat den LL.B. in Wirtschaftsrecht, ist Bloggerin und Mami. Alles aus Leidenschaft. Seit Januar 2015 sind auf ihrem Blog mamizeug.de wertvolle Anregungen & Tipps rund um den Mama-Alltag zu finden - mit ganz viel Herz.

Warum? Warum sollte eine starke und smarte Frau, die ihre Karriere vor sich hat, all ihre Chancen links liegen lassen? Sicherlich nicht für Kommentare wie "Du verschwendest doch dein Potenzial!", "Deine Karriere kannst du wohl abhaken", "Mehr als ein Kind haben heutzutage nur Menschen, die nichts zu verlieren haben", "Was?! Du hast schon zwei Kinder? Bist du denn verrückt, du bist doch noch nicht mal 30!".

Unverständnis, Fassungslosigkeit und gar Entrüstung sind Reaktionen, die mir als junge Mutter oft begegnet sind. Und mit "jung" meine ich unter 30. Genauer gesagt: Mein erstes Kind bekam ich mit 24, das zweite mit 26.

Das ist verrückt? In den Augen der anderen bestimmt. Schließlich scheint es, als käme Kinderkriegen dem Untergang der eigenen Persönlichkeit gleich. Mütter sind "Menschen, die nichts zu verlieren hatten" und sich deshalb "dem Untergang geweiht haben".

Doch irgendwie ist die andere Seite doch auch verrückt, oder?

Denn man muss schon verrückt sein, ganz bewusst...

... jemandem nicht das Leben zu schenken.

... sich nicht um jemanden zu kümmern, für den man der tollste Mensch auf Erden ist.

... das erste "Mama, ich hab dich lieb" zu verpassen.

... sich nicht in ein zahnloses Lächeln zu verlieben.

... sich vom Ideenreichtum der Kinder nicht anstecken zu lassen - denn der ist grenzenlos.

... sich das Leuchten in ihren Augen entgehen zu lassen.

... sich von kindlicher Begeisterung nicht mitreißen zu lassen. Man müsste die Welt wieder mit Kinderaugen sehen!

... diesen Augenblick nie zu erleben, indem du siehst, dass dein Kind dich widerspiegelt.

... nie auf die Errungenschaften deines Kindes stolz sein zu wollen.

... niemals zu erfahren, dass du dein Kind schon liebst, bevor es geboren ist.

... nie eine so bedingungslose Liebe zu empfinden, für die man bereit wäre, sich aufzuopfern.

Gibt es ein Leben nach dem Kind?

Alles oben Genannte ist wahr - und doch erzeugt es ein negatives Bild in den Köpfen der Menschen. Es klingt irgendwie danach, als würde man nicht mehr leben. Es klingt danach, ein Opfer zu sein. "Sei bereit, deine Träume aufzugeben" und "Es ist vorbei, bye-bye Junimond" zu singen.

Als Mutter verpasse ich angeblich das Leben. Doch wer definiert, was überhaupt "das wahre Leben" ist? Wer hat in unsere Köpfe dieses Bild eingepflanzt, dass eine Frau sich nur selbst verwirklicht, wenn sie einen ordentlichen 08/15-Job hat, sich für die Frauenquote einsetzt und die patriarchalischen Strukturen ihres Betriebs bekämpft?

Wer hat uns die Idee in den Kopf gesetzt, dass wir ja unsere Eizellen auf Eis legen könnten, um weiter den Berg des "Karriereglücks" zu besteigen.

Wer hat uns gesagt, dass man auf "den richtigen Moment" warten muss, um Kinder zu bekommen?

Ist nicht genau das alles verrückter, als einfach Mutter zu werden?

Ist es nicht verrückt, einem "perfect moment" hinterherzujagen? Was ist denn mit dem Hier und Jetzt? Wir sind eine Generation des Planens geworden - und wir verplanen unsere Kinder.

Zeit zum Umdenken

Ich möchte nicht zu denen gehören, die darauf warten, dass plötzlich am Himmel "JETZT ist der perfekte Moment" geschrieben steht. Ich will nicht nur träumen, ich will meine Träume leben.

Mehr noch. Ich bin überzeugt, dass wir das Zeug dazu haben, mehr zu sein als die Gesellschaft einer Mami zutraut. Denn meine Kinder wecken in mir den Mut, aus dem engen und schwachsinnigen Schubladen-Denken unserer Gesellschaft auszubrechen - mal gegen den Strom zu schwimmen.

Ich werden keinen Grabstein haben, auf dem eingemeißelt steht: "Als Opfer für ihre Kinder gefallen und so ihr Leben mit jungen 24 Jahren beendet". Denn mein Leben war nicht zu Ende, als ich mit meinem ersten Sohn schwanger wurde. Mein Leben? Das fing gerade erst an! In den vergangenen vier Jahren habe ich mehr Abenteuer und Emotionen erlebt, als in meinem ganzen vorherigen Leben. Und nein, mein Leben vor der Kind-Ära war nicht langweilig und ich war auch kein Nerd. Ich trage auch keine "rosarote Brille" - da sind wohl meine Kids aus Versehen drauf getreten.

Es ist Zeit zum Umdenken. Eltern sind keine Verlierer, Opfer oder Überbleibsel längst veralteter Gesellschaftsstrukturen. Ich bin es leid, dass in vielen Köpfen nur "die Unterschicht" Kinder bekommt - und vor allem mehr als ein Kind.

Ich habe nichts verloren, nur gewonnen

Kaum zu glauben, aber ich kenne viele Familien, die mit ihren Kindern ihren Traum leben und dafür kämpfen. Sie machen ihr eigenes Ding als Freelancer, Angestellte, Fotographen, Projektmanager, Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Studenten - diese Liste könnte ich noch lange weiterführen. Schnorchel-Urlaub in Ägypten, romantisches Wochenende in Paris, Surfen im Atlantik, Skiurlaub in Österreich, Luxushäuschen mit Sauna in Holland, mit Baby nach Mexiko. Alles möglich.

Ich habe mich nicht für ein Leben mit Kindern "geopfert", vielmehr sehe ich meine Familie als Eroberer-Truppe.

Nein, ich will nicht zurück in das Hamsterrad, das mir unsere (leider) vorwiegend kinderlose Gesellschaft als Himmel auf Erden zu verkaufen versucht.

Durch die Geburt meiner Kinder habe ich nichts verloren, was von Bedeutung wäre - vielmehr habe ich gewonnen. Gewonnen an Erfüllung, Mut, Lebensfreude, Kampfgeist und Glück.

Wer weiß, vielleicht sind wir sogar verrückt genug für ein drittes Kind?

Hach, ich kann schon die Gesichter der anderen sehen ...

Teaserfoto: Francesca Schellhaas / photocase.de

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