Kampf mit dir selbst: Von Kung Fu fürs Leben lernen

Als Katharina Finke zum ersten Mal zum Kung-Fu-Training ging, erwartete sie spektakuläre Kampfszenen, China-Folklore und Räucherstäbchen. Womit die Autorin der heutigen Leserkolumne "Stimmen" nicht rechnete: Wie viel sie bei diesem Kampfsport über sich und fürs Leben lernte.

Ob mit Schwert, Holzstab oder der bloßen Hand - spektakuläre Kampfszenen sind das, wofür Kung Fu, vor allem durch zahlreiche Filme, bekannt ist. Dabei ist der Kampfsport mit Ursprung in China viel mehr die Kunst, den Kampf mit dir selbst aufzunehmen. Denn er geht davon aus, dass in allem, was wir tun, unsere innere Verfassung zum Ausdruck kommt. Und wenn wir unser Handeln - beispielsweise durch Kung Fu - vervollkommen, tun wir das auch mit uns selbst. Für mich ist das wohl die wichtigste Lektion, die ich dabei gelernt habe.

Angefangen habe ich mit Kung Fu vor anderthalb Jahren, mehr oder weniger durch Zufall. Genervt und gelangweilt vom Yoga-Hype war ich auf der Suche nach einer Entspannungsalternative. Freunde empfahlen mir Qi Gong. So recherchierte ich im Netz und stieß auf eine Schule in Berlin Schöneberg, nicht nur für Qi Gong, sondern auch Tai Chi und Kung Fu. Erstes und letzteres wollte ich ausprobieren - und ging zum ersten Kung-Fu- Training.

Statt Tempelidyll erwartete mich dort ein großer Häuserkomplex. Innen aber entsprach dieser schon eher meinem Klischee-China-Bild: roter Teppich, eine goldene Buddha-Statue und ein Hauch von Räucherstäbchen in der Luft. Hinter einem roten Vorhang mit chinesischen Schriftzeichen: die Frauenumkleide. Komplett leer. Als ich fertig umgezogen war, ertönte chinesische Musik und ein Gong, woraufhin sich alle in zwei Reihen vor dem Großmeister Shi Yanlin aufstellten. Dieser verbeugte sich, die anderen ebenso - alle männlich außer mir - und alle begrüßten sich im Chor mit dem chinesischen Amituofo.

Dann ging es auch schon los: Aufwärmen und Dehnen. Aber das war selbst für mich als erfahrene Sportlerin ganz schön anstrengend. Auseinanderziehen der Gliedmaßen bis an die Schmerzgrenze und minutenlanges Ausharren in einer Position. Einen Spagat schaffte ich nicht. Es ging weiter mit Kicks und Formen, die ich versuchte so gut es ging nachzumachen. Gar nicht so einfach. Am Ende heiß es noch Zweikampf. Das ging an meine letzten Kraftreserven und ich war froh, als sich alle wieder verbeugten und erneut Amitoufou sagten. Eine Grußformel, die Respekt signalisiert, wie ich am Ende der Stunde vom Meister beziehungsweise Shifu erfuhr.

So überfordert hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Am nächsten Tag zeigte mir das auch mein Körper. Ich wollte aufstehen und kippte um. Anscheinend hatte ich Muskelpartien beansprucht, die ich vorher vernachlässigt hatte. Auch die Disziplin, die dort eingefordert wird, geisterte mir noch im Kopf herum und ich fragte mich: Soll ich da wirklich noch mal hin? Daraufhin recherchierte ich im Netz zu Kung Fu und dort stand, was es bedeutet: "Etwas durch harte geduldige Arbeit erreichen und sich zu vervollkommen."

Ich quälte mich also wieder hin, regelmäßig zwei- bis dreimal die Woche. Doch die Frustration nahm nicht ab: Immer wieder stieß ich an meine Grenzen, entweder weil ich für manche Dehnungen nicht flexibel genug war oder weil ich einige Figuren wieder vergaß. Nach drei Monaten zog es mich berufsbedingt nach New York. Doch mit Kung Fu wollte ich nicht aufhören. So fand ich mich in einer Schule in Manhattan wieder, wo eine Amerikanerin die Kampfkunst lehrte. Ihre Erzählungen darüber, wie hart es auch für sie anfangs war und wie lange sie Kung Fu schon praktizierte, machten mir Mut.

Sogar so viel, dass ich mich nach einem halben Jahr traute, bei einer der bekanntesten Kung-Fu-Schulen der Welt in Peking aufzuschlagen. Dort wurden viele Jackie-Chan-Filme gedreht und die Schüler und Lehrer für die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008 in China ausgesucht. Sie sind Weltspitze. Kein Wunder, denn sie trainieren mehrere Stunden täglich. Etwas eingeschüchtert schlängelte ich mich an ihnen - die meisten auch hier Jungs - vorbei zu meinem neuen Meister. Der mustert mich von oben bis unten, schaute auf meine Kung Fu Schuhe und grinste.

Dann pfiff er alle Schüler zusammen. Nun musste ich zeigen, was ich kann. Äußerst angespannt funktionierte natürlich nichts so, wie ich es geübt hatte. Alle Formen stockten, bis der Meister mir signalisierte, ich solle aufhören. Völlig ernüchtert stand ich da. Die Jungs kicherten. "Beim Kung Fu geht es um Persistenz!", erklärte mir der Meister. Zwar basieren die meisten Formen auf Kampfsituationen, aber anders als bei anderen Kampfkünsten, von denen man schwarze Gürtel oder Dans kennt, steht der Wettkampf nicht im Fokus. Das weckte meine Neugierde und ich wollte mehr über Kung Fu lernen.

Also machte ich mich auf dem Weg zum Ursprungskloster der Kampfkunst im Herzen Chinas. Den hoch oben am Berg Songshan in der Provinz Henan gelegenen Tempel gibt es schon seit etwa 500 v. Chr. Hier wurden meine beiden Shifus zu Shaolin-Meistern. Frauen gab es damals wie heute wenige. "Den meisten ist es zu anstrengend", sagte mein Meister in Peking, "doch wer ausdauernd ist, erlangt Respekt." Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. "Ich war berührt, wie enthusiastisch du bist", sagte er. Auch wenn ich noch viel verbessern müsse, freue er sich, dass ich die Herausforderung angenommen habe. "Ich wünschte mir, mehr Frauen würden das tun", sagte er zum Abschied.

Zurück in Berlin war dem sogar so. Als ich dort wieder zum Training ging, war ich nicht mehr die Einzige. Vier weitere Frauen hatten während meiner Abwesenheit mit Kung Fu angefangen und schienen es ernst zu nehmen. Außerdem freute ich mich, dass mein Shifu mich wiedererkannte, lächelte und sich sogar nach meinen Erfahrungen im Ausland erkundigte. Meine Hartnäckigkeit schien sich zumindest etwas ausgezahlt zu haben. Inzwischen gehöre ich beim Training nun auch nicht mehr zu den Unflexibelsten und einige meiner männlichen Mitstreiter gucken sich Bewegungsabläufe von mir ab. Doch an meine Grenzen stoße ich nach wie vor. Das ist auch gut so. Denn für mich ist Kung Fu ein langer Weg ohne Ende. Bei dem ich mich körperlich und geistig mit mir selbst auseinandersetze und versuche, meine innere Balance zu finden.

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