"Geht mir weg mit eurer Vereinbarkeit!"

Alle reden davon, dass mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie getan werden muss. Simone Leithe findet das überhaupt nicht erstrebenswert - und wünscht sich, dass die Arbeit als Hausfrau und Mutter gesellschaftlich wieder anerkannt wird.

Simone Leithe, 43, aus Münster, lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aktuell in Dresden. Früher Verkaufsleiterin eines Non-Food-Caterers, hat sie sich vor kurzem mit "KiKo KinderKonzepte & SL Events" selbständig gemacht. Außerdem bloggt sie über ihr "Leben als Familienmanagerin", arbeitet ehrenamtlich bei Oxfam und als Elternrat - und ist sehr gespannt, in welche europäische Stadt der Job des Göttergatten sie und ihre Familie als nächstes trägt.

Das Thema von Beruf und Familie geht mir gelinde gesagt schon sehr lange auf den nicht vorhandenen Sack.

Meine Familie und ich leben das klassische Modell. Der Göttergatte verdient die Brötchen und ich war ca. zehn Jahre ausschließlich Mutter und Hausfrau. Ich wollte dieses Modell schon im Alter von 20 und hatte das große Glück, dass wir das finanziell umsetzen konnten. Karriere habe ich nur gemacht, weil sich "der Richtige" erst zehn Jahre später in meinem Leben vorstellte und ich mich so lange eben auf den Job konzentriert habe.

In den letzten Jahren nun beobachte ich, dass der Kampf um die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf für Frauen immer militanter wird. Ich persönlich halte nichts davon, dass beide Eltern so schnell wie möglich wieder voll arbeiten - wobei es in meinen Überlegungen um die volle Berufstätigkeit beider Eltern geht, in Familien mit Kindern unter fünf Jahren.

Warum sollen wir um Vereinbarkeit kämpfen?

Job, Kinder, Haushalt, Privatleben - ALLES unter einen Hut zu bekommen, geht einfach nicht. Ich weiß, es gibt sehr viele da draußen, die das behaupten, aber wenn man hinter die offizielle Fassade blickt, dann sieht das ganz anders aus. Viele Probleme werden jahrelang nicht gesehen oder unterdrückt, nicht zugegeben oder tauchen erst viel später auf.

Viele wollen doch auch gar nicht wahrhaben, was sie verpassen. Die mir bekannten Familien, in denen beide Partner direkt wieder Vollzeit arbeiten gehen, haben verhaltensgestörte Kinder. Oder mindestens ein Elternteil hat Burnout oder massive Probleme im Job oder die Ehe steht auf dem Spiel. Und das, finde ich, ist es nicht wert.

Ja, ich gebe zu, dass ich das große Glück habe, nicht arbeiten zu müssen. Und ich bin auch intelligent genug, um zu wissen, dass es heutzutage viele Familien gibt, denen nichts anderes übrig bleibt. Aber warum bitte wollen so viele den Rest der Mitmenschen glauben lassen, dass wir das schaffen, dass wir das schaffen müssen? Warum sollen wir um Vereinbarkeit kämpfen? Warum glaubt die Gesellschaft inzwischen, das verlangen zu können?

Fachkräftemangel? Ja, weil wir viel zu wenige Kinder bekommen! Emanzipation? Ist das wirklich der Wunsch der Frauen oder hat sich das so eingebürgert?

Frauen lassen sich viel zu sehr vom gesellschaftlichen Druck beeinflussen. Ist es nicht oft so, dass wir trotz der Kinder, die nun mal Geld kosten, einfach unseren Lebensstandard nicht ändern wollen? Ist es nicht auch oft so, dass wir Frauen beweisen wollen, dass wir eben nicht weniger wert sind als die Männer? Die Arbeit als Hausfrau und Mutter wird doch schon sehr lange nicht mehr wertgeschätzt. Leider!

Junge Familien sollten mit einem Job ihr Leben finanzieren können

Ich finde, wir sollten nicht für Vereinbarkeit von Vollberufstätigkeit und Kindern kämpfen, sondern dafür dass a) Arbeit sich wieder lohnt, b) die Arbeit als Hausfrau und Mutter gesellschaftlich wieder anerkannt und nicht als "faul zuhause sein" bezeichnet wird und c) die Erb-, Scheidungs- und Rentengesetze so angepasst werden, dass wir als Nicht-Einzahler wegen Kindererziehung nach Tod des Partners oder Trennung nicht in die Armutsfalle geraten - wobei die staatliche Rente auch oft ohne die Erziehungszeiten nicht reichen wird.

Wir sollten dafür kämpfen, dass Familien mit EINEM Job ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dass wir uns mit EINEM Job eine Wohnung, Essen, Kleidung und Rücklagen für die Rente leisten können. Und dass wir einfach so leben können, wie wir das für richtig halten, ohne verurteilt zu werden. Egal, wofür wir uns entschieden haben.

Ich war nun zehn Jahre "nur" Hausfrau, und ich bin sehr froh darüber! Ich habe meine drei Kinder aufwachsen sehen und war immer als verlässliche Größe in ihrem Leben. Ich habe sie betreut, wenn sie krank waren und sie nicht wegorganisiert oder fiebersaftgedopt in Schule und Kindergarten geschickt, um dort auch die anderen Kinder anzustecken. Auch habe ich nie bei leichten Erkrankungen das Kinderarztwartezimmer verstopft, um eine Krankschreibung für mich zu organisieren.

Irgendwas bleibt immer auf der Strecke

Meine Kleinkinder sind zu sozialen, kommunikativen, selbstbewussten, altersentsprechend entwickelten Schulkindern herangewachsen - und ich bin froh, jede Entwicklungsstufe selber miterlebt zu haben. Geplant habe ich das so nicht, aber ich wollte für jedes meiner Kinder mindestens drei Jahre voll zur Verfügung stehen, und da sie in Abständen von drei bis vier Jahren geboren wurden, haben sich diese zehn Jahre so ergeben.

Auf keinen Fall möchte ich sagen, dass alle Kinder von voll berufstätigen Eltern total verkorkst sind. Nein, es gibt Eltern, die Job und Kinder gut hinkriegen, aber oft haben diese dann Großeltern oder andere Verwandte in der Nähe. Oder das nötige Kleingeld eine private Betreuung oder Haushaltshilfe zu finanzieren. Oder es bleiben eben der Haushalt, die Ehe und/oder die eigene Seele auf der Strecke. Nicht ohne Grund gibt es doch heutzutage viel mehr Burnout, Depressionen, Alleinerziehende und Patchwork-Familien als je zuvor.

Ich bin nicht strikt dagegen, dass beide Elternteile arbeiten. Aber wir sollten nicht dafür kämpfen, dass Politik, Gesellschaft und Arbeitgeber diese Art der Vereinbarkeit möglich machen müssen, sondern dass die Voraussetzungen geschaffen werden, in den ersten Jahren der Kinder mit einem Gehalt (meinetwegen auch plus Elterngeld) überleben zu können. Und nach den ersten Jahren einen Job zu finden, der den langsamen Halbtagseinstieg auch nach zehn Jahren ermöglicht, ohne vom Chef oder den Kollegen benachteiligt zu werden - und mit genügend Zeit sich wieder einzuarbeiten, wenn man mal "raus" war. Die Chance haben Quereinsteiger und neue Mitarbeiter aus anderen Bereichen schließlich auch.

Das Denken in der Gesellschaft muss sich ändern. Ich bin für gerechte Bezahlung für erbrachte Leistung. Ich kämpfe lieber für familienfreundliche Arbeitszeitmodelle statt Anwesenheitspflicht. Ebenso sollte man sich bewusst machen, dass der Lebensstandard mit Kindern vielleicht heruntergeschraubt werden muss. Dass sich das Leben mit Kindern ändert, ist ganz normal. Wir müssen niemanden glauben lassen, das wäre nicht so.

Ich war Hausfrau und Mutter - und bin sehr froh darum

Ich habe mich nie rechtfertigen müssen, dass ich für meine Kinder zuhause geblieben bin. Ich strahle vermutlich genügend Selbstbewusstsein aus, dass die Menschen sich nicht trauen, mir ihr Missfallen ins Gesicht zu sagen. Nachdem ich die erste Fassung dieses Textes auf meinem Blog veröffentlicht hatte, änderte sich das.

Im Schutze der Anonymität haben mir einige Kommentarschreiber sehr gemeine Sachen gewünscht, aber das war mir während des Schreibens schon klar. Womit ich nicht gerechnet hatte, waren die vielen erleichterten, verständnisvollen, dankbaren Zuschriften von Müttern, die das ganz genauso sehen und sich bei mir bedankt haben, dass sich endlich jemand traut, SOWAS öffentlich zu sagen.

Umso dankbarer bin ich nun der BRIGITTE, mir die Möglichkeit zu geben, meine Gedanken einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ich möchte versichern, dass ich niemanden verurteile für das Modell, welches Er oder Sie für sich und die Familie gewählt hat. Ich lebe schon immer nach der Devise: Jeder entscheidet für sich selbst und niemand hat das Recht, jemanden für eine eigene Entscheidung zu verurteilen.

Was ich aber verurteile ist, dass es leider inzwischen sehr viele Familien gibt, die die Vereinbarkeit aus den verschiedensten Gründen hinkriegen müssen, bzw. sich vom gesellschaftlichen Druck viel zu sehr beeinflussen lassen.

Ich habe in den letzten zehn Jahren sehr viele verschiedene Familien-Modelle erlebt. Wir sind bisher alle zwei Jahre innerhalb Europas umgezogen und haben dadurch immer wieder neue Familien kennengelernt. Aus Erfahrung kann ich sagen: Irgendwas bleibt einfach auf der Strecke! Und zu 80 Prozent ist es die Mutter - und dadurch oft auch die Entwicklung der Kinder.

Ich war bekennende Hausfrau und Mutter und bin dankbar und froh, dass ich so leben konnte. Inzwischen ist mein jüngstes Kind fünf Jahre alt und ich baue mir eine Selbständigkeit auf, die ich aber häufig noch für die Belange der Kinder zurückstelle.

In diesem Sinne: Lasst uns um Wahlfreiheit kämpfen!

Teaserfoto: DUCKWORTH/Corbis
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