"Ich bin Mutter und offensichtlich zu blöd dafür"

Richtig machen kann man es als Eltern heutzutage nicht - da immer jemand es besser weiß. Silke Brickwedde ist Mutter und gibt zu: Sie macht Fehler, jeden Tag. Und hofft, dass ihr Kind trotzdem glücklich ist.

Silke Brickwedde, 43, ist Redakteurin in einer Pressestelle und hat eine Tochter, 4, die sie allein erzieht. Wenn sie Zeit für sich hat, liebt sie es, in hübschen Cafés einen guten Cappuccino zu trinken. Allein oder mit Freunden. Und dann muss sich das Gespräch nicht immer um die Kinder drehen.

Ich bin Mutter und ich bin offensichtlich zu blöd für alles. Ich bin zu blöd, mein Einzelkind davon abzuhalten, ein "Ichling" zu werden. Ich bin ein Graus für die Erzieher, weil ich ein Helikopter bin, der bevorzugt direkt vor der Kita parkt. Außerdem mache ich vermutlich eh alles falsch, weil ich arbeite. Ich würde aber auch alles falsch machen, wenn ich nicht arbeiten ginge. Mütter und Väter sind schlimme Nervensägen, denen man keine Kinder anvertrauen sollte.

Eltern machen alles falsch, einfach alles. Dieser Meinung ist nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch Eltern denken so. Also, die jeweils anderen. Die, die sich in den sozialen Medien "Mommy Wars" liefern. Um Themen, bei denen es keine zwei Meinungen geben darf: Familienbett, Stillen, Wegwerf- oder Stoffwindeln. Sollte jemand eins der Themen bei Facebook anschneiden, kann man sich eine Tüte Popcorn holen, denn das, was folgen wird, hat in der Regel Unterhaltungswert.

Erziehen kann heute sowieso niemand mehr, oder?

Doch nicht nur die Frage, ob man seinen Kindern Schaden zufügt, wenn man sie nicht in die "Besucherritze" des Elternbetts lässt, wird diskutiert. Am meisten rockt das Thema: "Arbeiten mit Kind oder nicht Arbeiten."

Da sind wir nun. Die Gesellschaft belächelt Eltern, nein, anders, sie belächelt Mütter, weil sie im Beruf zurückstecken. Sie verachtet sie, wenn sie es nicht tun. Sie belächelt Mütter, weil früher alles besser war, zumindest waren die Kinder in der allgemeinen Wahrnehmung deutlich besser erzogen. Erziehen, das kann heute sowieso keiner mehr.

Früher, da gab es keine Helikopter-Eltern, da mussten selbst Dreijährige bei Wind und Wetter allein zum Kindergarten laufen - kilometerweit. Das wird im Netz immer wieder behauptet. Vermutlich ging es dabei auch über sechsspurige Autobahnen, es wurde sich eben nicht so angestellt, damals.

Gibt es überhaupt noch ganz normale Eltern?

Gibt es überhaupt noch Eltern, die normal sind? Zwischen all diesen Verrückten, die sich zu viel oder zu wenig um ihre Söhne und Töchter kümmern? Ganz normale Eltern, die zwar unendlich stolz sind, aber im Grunde ihres Herzens genau wissen, dass ihr Junge ganz sicher nicht hochbegabt ist, auch wenn er manchmal so unendlich schlaue Sachen sagt? Die genau wissen, dass ihre zuckersüße Tochter eine Zicke sein kann, aber so richtig?

Eltern, die eine Menge Erziehungsratgeber gelesen haben und genau wissen, dass das doch nichts bringt? Weil sie ihre Kinder bisweilen eben doch anschreien und ihnen Sachen androhen, die sie nicht durchhalten, wie etwa, dass das Christkind dieses Jahr nichts bringen wird - was allem widerspricht, das Jesper Juul und Jan-Uwe Rogge in vielen Kapiteln erklärt haben.

Außerdem widerspricht es dem gesunden Menschenverstand, aber der wird Eltern ohnehin nicht zugetraut. In Elternratgebern steht manchmal, man solle seinem Instinkt folgen. Mein Instinkt sagt mir manchmal, ich müsste meine Tochter nach allen Regeln der Kunst anschnauzen, mein Verstand widerspricht und sagt, dass das auch nicht ins Glück führen wird.

Wollen wir nicht alle einfach zufriedene, fröhliche Kinder?

Gibt es eigentlich noch Eltern, deren Erziehungsideal es ist, fröhliche und glückliche Kinder zu haben? Oder wenigstens zufriedene Kinder? Die sich freuen, wenn die Kleinen "Danke" und "Bitte" sagen, freundlich zu anderen sind, sich ansonsten nicht allzu sehr daneben benehmen und allgemein den Eindruck machen, dass sie es im Leben schaffen werden? Gibt es noch Eltern, die versuchen, die Erziehung nicht völlig in den Sand zu setzen und währenddessen Spaß mit ihren Kindern zu haben?

Ich glaube, dass es viele Eltern gibt, die so sind. Die meisten sind so. Auch wenn die vielen, vielen Artikel über Helikopter- oder bildungsferne Eltern einen anderen Eindruck erwecken. Und die sozialen Medien diesen Eindruck bestärken. Ich mache als Mutter jeden Tag unendlich viele Fehler und ich glaube trotzdem nicht, dass ich ein Totalausfall bin. Auch wenn ich meine Tochter manchmal bis vor den Kindergarten fahre und außerdem arbeite. Sie wird es verkraften.

Teaserbild: Hagolani/Corbis
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