"Was ich alles dafür getan habe, Mutter zu werden"

Eine Familie haben: Für Tina König* war das immer der Plan. Doch dann wurde sie einfach nicht schwanger. Was sie tat, um doch noch Mutter zu werden. Und warum sie froh ist, nie aufgegeben zu haben.

Tina König*, 41, ist Personalberaterin und Mutter zweier Adoptivkinder. Ihre Freizeit verbringt sie mit Backen oder Yoga. Über ihren Weg mit vielen Höhen, Tiefen und der Entscheidung für eine Adoption erzählt sie auch in ihrem Buch „Auf Umwegen zum Kinderglück“. www.tinakoenig.de

Von Kindheit an hatte ich einen Lebensplan: Heiraten und zwei Kinder zur Welt bringen. Heiraten war nicht das Problem, aber ich wurde einfach nicht schwanger.

Nachdem wir monatelang erfolglos Sex nach Plan hatten, machten wir uns auf den Weg in eine Kinderwunschpraxis. Dort wurden wir komplett durchgecheckt. Mir wurde literweise Blut abgenommen, ich wurde gynäkologisch untersucht und mein Mann musste eine Spermaprobe abgeben. Aber es war nichts Auffälliges zu erkennen.

Parallel wurde mir zu einer Gebärmutterspiegelung geraten. Meine Eileiter und die Gebärmutter sollten begutachtet werden. Nach kurzem Überlegen legte ich mich unters Messer, denn der Wunsch nach einem Baby war unendlich groß. Als ich aus der Narkose erwachte, hieß die Diagnose "Endometriose". Die Wucherungen konnten glücklicherweise komplett entfernt werden. Einer Schwangerschaft stand nun nichts mehr im Wege. Dachten wir.

Ich wurde schwanger - für fünf Wochen

Die Kinderwunschpraxis empfahl uns eine Insemination, eine künstliche Samenübertragung. Der erste Versuch war negativ. Der zweite brachte uns unserem Ziel kurzzeitig näher. Ich war tatsächlich schwanger geworden! Allerdings nur fünf Wochen lang. Dann verabschiedete sich das Baby still und leise über eine starke Blutung und ließ mich allein. Allein mit meinem Schmerz und Kummer.

Parallel zu diesem Schlag platze meine Schwester und beste Freundin mit der Nachricht herein: "Wir erwarten ein Baby!" Ich war fertig mit der Welt, am Boden zerstört, traurig, hilflos. Ich konnte nächtelang nur weinen und sah kein Land mehr.

Trotzdem wollten wir uns nicht unterkriegen lassen und starteten bald wieder durch. In einer neuen Kinderwunschpraxis in Österreich und direkt mit einer künstlichen Befruchtung (IVF). Ich wollte so gern auch schwanger sein. Und konnte die Vorstellung kaum ertragen, dass der Bauch meiner Schwester nun dicker und dicker werden würde, wohingegen mein Bauch flach bleiben würde, leer, ohne Sinn.

Als mein Neffe auf die Welt kam, konnte ich mich nicht freuen

Tagelang spritzte ich mir Medikamente, um die Eierstöcke zu stimulieren. Unter Vollnarkose wurden mir Eizellen entnommen und im Reagenzglas mit den Spermien meines Mannes befruchtet. Zwei befruchtete Eizellen konnten in meine Gebärmutter einziehen. Dann hieß es warten.

Nach 14 endlosen Tagen das Ergebnis: negativ. Keine Schwangerschaft, kein Baby, alles war umsonst gewesen. Ich fiel in ein bodenloses Loch. So viele Erwartungen und Hoffnungen hatten wir in die Behandlung gesetzt. Und standen nun wieder ohne die Aussicht auf ein Kind da.

Von allen Seiten hieß es: Geht doch mal in Urlaub. Macht euch keinen Stress! Man kann auch ohne Kinder glücklich sein... Ich konnte die Sprüche irgendwann nicht mehr hören.

Mitten in diese untröstliche Zeit hinein wurde mein Neffe geboren. Glück und Freude bei meiner Schwester und meiner gesamten Familie. Nur ich konnte mich nicht freuen. Ich blieb auf Distanz, um mich zu schützen.

Wir versuchten es weiter mit künstlicher Befruchtung

Wir machten weiter. Meine Psyche und unser Geld reichten für weitere sechs künstliche Befruchtungen. Jedes Mal aufs Neue eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Hoffnung und Vorfreude auf eine Schwangerschaft - und Verzweiflung und Wut nach jedem erneuten negativen Schwangerschaftstest.

Dann machten wir Schluss damit und verabschiedeten uns vom leiblichen Kinderwunsch. Es war kein einfacher Schritt. Wir trauerten um unser Kind, das nie geboren werden würde. Viele Tränen flossen, aber wir fanden glücklicherweise recht schnell aus dem tiefen Tal wieder heraus. Wir waren uns einig. Wir wollten nicht kinderlos bleiben!

Drei Jahre später hatten wir unser Wunschkind - per Adoption

Und so stellten wir einen Antrag auf Adoption. Wir sahen es als Schicksal an, einem fremden Kind die Möglichkeit auf ein geborgenes und liebevolles Zuhause geben zu können.

Die Anerkennung über das Jugendamt war angenehm und bereichernd. Wir wussten, wir waren auf dem richtigen Weg. Wir mussten nur noch geduldig warten. Denn es waren noch einige Paare vor uns auf der Warteliste.

Aber wir konnten das Leben wieder genießen. Konnten uns treiben lassen, wir lernten wieder zu lachen und zu leben.

Nach drei Jahren Wartezeit war es dann soweit. Völlig unvorbereitet klingelte das Telefon und es schallte durch den Hörer: "Frau König, wir haben ein Kind für Sie. Es ist ein Junge und er ist kerngesund". Mir wurde ganz anders. Ich zitterte, mir wurde heiß und kalt zugleich. Ich konnte es kaum fassen. Gefühle wie unglaubliche Freude, Staunen, aber auch eine klitzekleine Portion Angst vor dem, was kommen würde. Ich rief meinen Mann an und abends lagen wir uns weinend vor Glück in den Armen.

Zu dritt zu sein, fühlte sich wunderbar vollkommen an

Zwei Tage nach dem Anruf durften wir unseren Sohn sehen. Den Moment, als er das erste Mal in meinen Armen lag, werde ich nie vergessen! Es fühlte sich wunderbar vollkommen an. Nie wieder würde ich ihn loslassen. Es war uns sofort klar, dass dieses süße, unschuldige Wesen, das ganz alleine auf dieser Welt war, bei uns ein Zuhause finden würde.

Dann musste alles schnell gehen. Babyausstattung organisieren, die Familie und den Arbeitgeber informieren und sich innerlich darauf einstellen, dass wir in Kürze zu dritt sein würden.

Zehn Tage später holten wir unseren Sohn für immer zu uns nach Hause. Es war ein unbeschreibliches Gefühl: Wir wurden endlich Eltern. Das Kämpfen über all die Jahre hatte sich gelohnt.

Epilog: Drei Jahre später hatten wir erneut das Glück, unseren zweiten Sohn adoptieren zu können. Nun ist unsere Familie komplett. Und wir sind froh, dass wir nie aufgegeben haben, zu glauben: daran, dass das Schicksal es doch noch gut mit uns meint.

*Name von der Redaktion geändert

3photo/Corbis
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