Meine Angst vor dem Klassentreffen oder: Wie das Leben so spielt

BRIGITTE.de-Leserin Helen* (39) musste erfahren, dass sich das Leben nicht wirklich planen lässt – auch, wenn wir das nur zu gern glauben.

Ein falscher Tritt - und mein Leben war ein anderes

Ich hatte ein Jahr und drei Tage Zeit, um mein Leben wieder gesellschaftsfähig zu machen. Nein, ich arbeite nicht im Rotlichtviertel, beziehe kein Hartz IV, und für meine 39 Jahre sehe ich immer noch ganz ansehnlich aus. Dennoch bezweifelte ich, beim Vergleichsmarathon eines Klassentreffens mitlaufen zu können: Ich bin Single, kinderlos - und krank.

Ja, ich hatte Angst. Angst vor den musternden Blicken, den neugierigen Fragen und vor allem vor den betroffenen Mitleidsbekundungen, die üblicherweise in einem küchenpsychologischen Rat münden.

Seit meinem Unfall vor vier Jahren ist nichts mehr in meinem Leben, wie es war. Es war ganz schnell gegangen: Ein kleiner Rutsch und schon flog ich die letzten drei Stufen einer steilen, glatten Holztreppe hinunter. Im Krankenhaus meinten die Ärzte, dass ich wirklich alles an Verletzungen mitgenommen hätte, was auf der kurzen Distanz möglich gewesen war: Zahlreiche Brüche, ein ausgekugeltes, zertrümmertes Gelenk, und der Rücken hatte auch etwas abbekommen.

Ich habe jeden Tag Schmerzen

Abgesehen von den Narben am Bein sieht man mir nichts mehr davon an. Aber ich habe Schmerzen, jeden Tag, mal mehr, mal weniger. Ich war seither nicht mehr im Urlaub, da ich Schwierigkeiten habe, lange zu sitzen und schweres Gepäck zu tragen. Mein Leben ist eingeschränkt - sozial und beruflich -, und meine Welt ist kleiner geworden. Im Moment denke ich immer noch nicht daran, ins Theater oder auf Konzerte zu gehen oder einfach nur ein schönes Abendessen mit Freunden zu genießen.

All das, was ein erfülltes Leben meiner Meinung nach ausmacht, bleibt mir verwehrt.

Stattdessen habe ich im Umkreis von 200 Kilometern jede erdenkliche Therapie über meinen schmerzgeplagten Körper ergehen lassen, kostete sie, was das schrumpfende Bankkonto noch hergab.

Natürlich helfen mir meine Eltern - so gut sie eben können - und die mittlerweile rar gewordenen Freunde. Jeder, der länger als drei Monate krank war, weiß, dass alles im Leben ein Verfallsdatum hat - auch Freundschaften. Und da ich kurz vor meinem Unfall dummerweise beschlossen hatte, meine marode Langzeitbeziehung zu beenden, war ich nun nicht nur Schmerzpatientin, sondern eine, die auf sich allein gestellt war.  

Es war das eine, in der ersten Zeit nach dem Unfall für die kleinste alltägliche Handlung, wie beispielsweise sich ein Glas Wasser zu holen oder den Rollladen zu schließen, eine halbe Ewigkeit zu brauchen. Das andere ist - und das ist für mich fast noch schmerzvoller als das physische Leid -, damit allein zu sein.

Der Unfall zwang mich in einen neuen Job - und ich liebe ihn!

Das Jahr bis zum Klassentreffen verging rasant. Verbissen versuchte ich in der verbleibenden Zeit, meinen Lebensträumen und den gesellschaftlichen Normen wieder ein Stück näher zu kommen. Gleichzeitig war ich gezwungen, einen Job anzunehmen, für den ich völlig überqualifiziert war, da ich aufgrund meiner Krankheit meinen alten Arbeitsplatz verloren hatte.

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Aber der Job war das Beste, was mir seit Langem widerfahren ist! Ich fühle mich mit dieser Notlösung unglaublich wohl. Nie im Leben hätte ich mich dort arbeiten sehen oder geahnt, dass ich in so einem Umfeld glücklich werden könnte. Ich war Lehrerin an einem humanistischen Gymnasium gewesen. Nun unterrichte ich Landwirte, Maler und Kaufleute an einer Berufsschule  - und es macht mir riesengroßen Spaß.

Das Klassentreffen hat übrigens nie stattgefunden. Vier Wochen vor dem groß angekündigten Partytermin wurde bekannt, dass die Organisatoren keine angemessene Location finden konnten.

*Name ist der Redaktion bekannt.

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