"Eure Mode passt uns nicht!"

Dass gut sitzende Klamotten eine Frage der Figur sind, nervt Katrin Kiko Hilger. Sie wünscht sich in unserer Leserkolumne, dass Labels umdenken - und Mode entwerfen, die passt.

Katrin Kiko Hilger lebt als PR-Beraterin, Piratin und Bloggerin des Hobby-Weltverbesserer-Blogs in Düsseldorf. Erst seit Kurzem, sie erkundet ihre neue Heimat noch mit dem Fahrrad, einem Führerschein hat sie sich bislang verweigert. Sie liebt Kochen, Katzen, Mode, das Internet und ihre chaotische Partei.

Ich habe mal eine Umfrage unter meinen wunderschönen Freundinnen erstellt. Die sind kurvig, schlank oder sehr üppig, von Größe 36 bis 50 - alles dabei. Und doch gleichen sich die Antworten auf die Frage: "Was würdet Ihr Euch von den Herstellern und Einzelhändlern in Deutschland an Mode wünschen?"

"Klamotten, die weiblich, aber bequem sind. Ich hab immer das Gefühl, es geht nur entweder oder." "Pullover, die weder sackartig weit, noch eng wie eine Presswurst sind. Blusen, deren Armausschnitt klein genug ist, die Arme heben zu können, ohne das ganze Oberteil mit hochzuziehen. BHs in Körbchengröße D oder größer, die NICHT gefüttert sind." "Gut sitzende BHs in allen Größen, echte Mangelware in Deutschland, verglichen mit England oder den USA." "Mal was für ‚Kurven’ - denn Kurven bedeutet nicht ‚fett’. Mit schmaler Taille, aber viel Hüfte hat man aktuell verloren." "Nur weil ich schwerer werde, werden weder meine Arme oder Beine länger, noch meine Schultern breiter - aber dann wird alles, was ich kaufe, automatisch zum bunten Sack." "Bezahlbare, schöne, bequeme Kleider, die weder nach Bank, Cocktailparty oder Kittelschürze aussehen, noch aus Plastik sind. In Dänemark gibt es so tolle Mode für weibliche Frauen." "Oberteile, in die meine Oberweite passt. Oft auch bei Jacken und Co. einen Problem." "Dezent klassisches, Business-geeignetes in Übergrößen (ohne schreiende Blumenmuster)." "Schlaghosen, BHs ohne Bügel, Bikini-Hosen, die auch den Hintern bedecken und nicht wegrutschen, Pullis und Blusen für breite Schultern." "Trenchcoats, die feminin geschnitten und tailliert sind und trotzdem um den Po nicht spannen. Gut sitzende Jeans, die nicht hinten wegklaffen und vorne knapp unterm Hüftknochen enden."

In anderen Worten: Das Zeug, das in deutschen Läden hängt, sitzt nicht gut. Es ist nicht für reale Personen geschneidert, sondern für eine imaginierte Zielgruppe ohne Busen, ohne Hüften, mit exakt gleich langen Armen und Beinen. Dazu gibt es zu wenig im Angebot, das schön feminin und praktisch zugleich wäre. Die Bekleidungsbranche sollte sich mal ein Vorbild an Coco Chanel nehmen: Die hatte in ihrem Atelier einen kleinen Anlauf und eine Stufe in Höhe der Pariser Straßenbahneinstiege. Damit testete sie jeden Rockschnitt und jedes Kleid auf Alltagstauglichkeit. Ich frage mich, ob derzeitige Designer überhaupt wissen, was eine Straßenbahn ist.

Oder: Jeans. Die derzeit coolen Hosen enden irgendwo rund um den Hüftknochen, da, wo bei den meisten Frauen ein kleiner Bauch- und Hüftgoldansatz ist. Ja, auch bei denen in Größe 36. Das hat die Natur so vorgesehen, wenn man jenseits der 23 ist. Das gilt auch für Slips, die genau unter dem Speckchen abschließen und so aufs Allerungünstigste diese Speckrolle betonen und unvorteilhaft in Szene setzen. Da gibt es zwar Abhilfe bei Levis, die mit verschiedenen Kurventypen (Curve ID) der weiblichen Figur Rechnung tragen. Funzt bei mir perfekt, in 31 sitzen die wie hingenagelt. Aber Freundinnen, die was Größeres bräuchten, sind damit wieder geleimt.

Blusen und Blazer: Ja, wir haben Brüste. Das scheint kaum einem Hersteller je aufgefallen zu sein. Denn Platz dafür ist nicht vorgesehen. Die Knopfleiste platzt über dem Busen spindelförmig auf, und nein, ich will mich nicht in ein Korsett aus Teppichklebestreifen schnüren und den Busen zusammenkleben, damit ich in die Blusen passe. Das muss auch so funktionieren.

BHs. Gaaaaanz trauriges Kapitel. NEIN, ab Größe C brauchen wir keine Extrem-Push-ups mehr. Dafür guten Halt und trotzdem sexy Schnitte. Und es gibt große Frauen, die A-Körbchen haben und trotzdem 85 Zentimeter Unterbrustweite. Nicht alles muss mit Bügeln und einer Masse Watte ausgestopft werden, komischerweise ist die Natur sehr freundlich zu uns gewesen und es hängt noch nicht alles so, dass es mit Drahtkorsetten gestützt werden muss. Warum ist es in England und den USA möglich, gut geschnittene, günstige BHs auch jenseits der C zu bekommen - und bei uns gibt s die nur für viel, viel Geld?

Woran liegt es? Zum einen daran, dass viele Firmen aus Ländern kommen und in Ländern produzieren lassen, in denen Menschen kleiner sind und sich offenbar nicht vorstellen können, dass es Leute gibt, die größer und breiter sind. Oder es wird bei den Schnittmustern aus Kostengründen einfach von 36 aus hoch gerechnet - dass das nicht funktionieren kann, sollte allen klar sein, da kommt kein Schnitt raus, der irgendwem passt.

Und das zeigt vor allem eins: Die Hersteller nehmen uns deutsche Frauen als Zielgruppe nicht ernst. Die denken: "Wichtiger Markt, Deutschland, aber die Frauen da, kannste vergessen. Die laufen doch eh in hässlichen Freizeitklamotten rum und denen ist egal, ob ihnen das Zeug passt oder nicht. Brauchen wir nicht drauf speziell eingehen, die kaufen uns unseren Mist so oder so ab, und sehen darin dann halt aus wie Seekühe."

Das dürfen wir uns nicht länger gefallen lassen. Jedesmal, wenn in Läden nichts in unserer Größe da ist, wenn es zwickt und die Ärmel zu kurz sind, müssen wir das sagen. Laut und deutlich. An die Hersteller schreiben oder von mir aus die BHS vor den Geschäften verbrennen. Aber wir dürfen uns nicht länger verarschen lassen. Dann ändert sich nie was. Ich war letztens bei Hunkemöller, die mit "Entdecken Sie den perfekten BH" werben, aber alle großen Größen (mehr als C/D gibt es eh nicht) waren ausverkauft. Die Verkäuferin meinte: "Wir sagen immer, wir brauchen mehr in großen Größen, aber das wird ignoriert." Na, danke. Das heißt, die Bedürfnisse der Kundinnen werden ignoriert. Demnächst ignorieren wir eben euch.

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