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"Hat sich die Mode gegen mich verschworen?"


Wenn Christiane Weber shoppen geht, bedeutet das für sie: Stress. Da es Hosen, Blusen und Co. nur noch in Size Zero gibt und Verkäufer meinen, die Leute wollten das so. Die 53-Jährige fragt sich in der Leserkolumne "Stimmen": Was ist nur in der Modewelt passiert? Und wer passt in diese winzigen Teile?

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Was ist nur in der Modewelt der sportlichen Frauen, die sich in der Lebensmitte befinden, passiert? Hat sich die Textilwelt da draußen gegen mich verschworen? Bin ich die einzige Frau mit grauen Haaren, die die Umkleidekabine als Ort des Grauens betrachtet? Ich bin eine Frau, die Körper und Geist durch tägliches Radfahren trainiert. Meine Bekleidung trägt seit Jahren die Größe 40, ist schwarzgraublau, also nichts Besonderes.

Bisher trug ich meine Einkäufe zielsicher und zufrieden mit der Plastiktüte durch die Stadt, aber neuerdings scheint ein anderer Bekleidungsgeist durch die Läden zu schweben. Sind die Hosen geschrumpft? Warum hängen und liegen so winzige Textilen in den Läden herum? Wieso bin ich nach jedem Einkaufsversuch so frustriert?

Beim Gang durch die Läden, und es sind wirklich viele Läden, betrachte ich wohlwollend die Bekleidung, suche sie aus und gehe, in diesem Fall mit einer übersichtlichen Anzahl von Hosen, in die Umkleidekabine. Erste Schweißtropfen kleben bereits an der Stirn, die Technomusik rieselt aus den Lautsprechern, ein kleiner Sessel lädt zum Verweilen von Kleidung und Mensch ein.

Vorhang zu, Schuhe aus, erster Fuß in das Hosenbein, es ist eng, langsames Ziehen am Hosenbein, wird schwierig, Reißen, Drehen und weiteres Ziehen, diesmal heftiger, das gleiche passiert mit dem anderen Bein. Der Stoff bleibt auf Kniehöhe hängen, beim besten Willen, es geht einfach nicht weiter. Ich will nur noch aus diesem quälenden Zustand heraus. Musik nervt, Shirt klebt am Rücken, endlich raus aus der Hose, ab in die nächste Hose, die noch am Haken wartet.

Jetzt klappt das Anziehen besser, der Stoff gleitet mehr über die Beine, da ich gewaltbereiter geworden bin. Ich zerre sie bis nach oben, halte die Luft an und kann die Hose auch schließen. Erschöpft setze ich mich auf den kleinen Sessel, das Sitzen fällt schwer, da die Hose überall kneift. Das geht nicht gut auf Dauer mit dieser grauen Jeans und mir. Wieder an der Hose zerren, Rücken und Knie schmerzen, es gibt auch schöne Jogginghosen. Inzwischen liegen auch meine Strümpfe anklagend auf dem Boden der Umkleidekabine.

Die Hose ist endlich ausgezogen und weiter geht es an der lächelnden Verkäuferin vorbei, die bei meinem Anblick Mitleid oder Schadenfreude verspüren mag, im Stresszustand kann ich diese Gefühle nicht auseinanderhalten. Ab in die nächste Hose, diesmal geht es noch schneller, jetzt ist sie aber zu kurz und an der Hüfte steht die Hose ab wie eine Fahne im Wind. Raus aus dem Stoff, will nur noch nach Hause und viel trinken. Und sage mir: Es gibt auch Versandhäuser ohne Umkleidekabine.

Aber ich frage mich auch: Was hat sich in dieser Modewelt verändert? Victoria Beckham und Angelina Jolie sind nicht nur prominente Stilikonen und Mütter, sie tragen auch Kleidergröße 0, sprich Zero, das entspricht einer schmalhüftigen Kleidergröße 32. Und wer glaubt, dass nur die amerikanische Prominenz einen eigenen Personaltrainer beschäftigt oder zum Schein an einer Pommes knabbert, der irrt. Deutsche Trendläden bestellen die 24er-Jeans und verkaufen die Ware auch schnell wieder.

Wir blicken eben gern in die Welt der Reichen und Schönen. Kate Moss und Heidi Klum sind Vorbilder für Frauen, die hektisch durch den Alltag hetzen und Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen und abends erschöpft an der Erdnussschale landen. Schlank ist attraktiv und begehrenswert, diesen Eindruck gewinnt man durch den täglichen Medienkonsum. Füllige Menschen sind lustig und unattraktiv. Entsprechend phantasielos wurde bis vor Jahren auch noch die Mode für mollige Frauen gestaltet. Und wenn sich der Körper naturgemäß in die Wechseljahre verabschiedet, werden fliegende Hitze, Hunger und Erschöpfungsgefühle zu ständigen Begleitern.

Die Haut verändert sich und die Bauchmuskulatur hält auch nicht mehr viel zurück. Die Beine verändern ihre Konturen und die Seele leidet mit. Die Speisen, die zuvor komplikationslos aufgenommen wurden, setzen sich jetzt an anderen Stellen des Körpers ab. Meine Freundinnen und ich befinden sich nun in der oft zitierten Ü-50-Generation. Wir sind korpulent oder dünn, manche von uns können essen, was sie wollen, während andere bereits beim Anblick von Schokolade zunehmen. Wir treiben Sport, egal ob Zumba, Radfahren oder Walking, wir sind mit Kopf und Herz dabei.

"Die Frauen wollen jünger aussehen", bemerkte die Verkäuferin eines Trendladens, "deswegen hungern sie sich in die kleineren Größen hinein." Auch viele Designer fertigen ihre Mode am liebsten in Size Zero an, die gesundheitlichen Folgen werden einfach ignoriert, da kann die Kleidergröße 34 schon zu einem dicken Problem werden. Und die Frauen, die nicht mehr hungern wollen oder beim Essvorgang nicht jede Kalorie zählen möchten, legen häufig die aktuelle Bekleidung frustriert in die Regale zurück. Ich trage noch die Hosen, die ich schon vor einiger Zeit gekauft habe. Es gibt zwar Hoffnungschimmer am Bekleidungshimmel, inzwischen etablieren sich Läden, die phantasievollere Mode für Frauen in der "Lebensmitte" anbieten. Diese Mode ist aber leider nicht für jede Frau erschwinglich, da auch sie ihren Preis hat.

Liebe Modemacher/innen, es gibt auch Frauen abseits der Zero-Welt, die sportlich, elegant und lebenslustig sind und sich auch noch mit grauen Haaren schick kleiden möchten. Wir brauchen keine Kleidergröße für Minifrauen, um attraktiv auszusehen und selbstbewusst zu sein. Aber die Mode darf mit etwas mehr Weitsicht gestaltet und preislich erschwinglich sein.

Teaserbild: erdbeersüchtig / photocase.de

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