Krebs bei Kindern: Wenn die kleine Schwester stirbt

BRIGITTE.de-Leserin Isabel Peter (27) hat ihre kleine Schwester an den Krebs verloren - und es sich zum Ziel gesetzt, den Kampfgeist der 13-Jährigen in die Welt zu tragen.

Isabel Peter (re.) ist angehende Lehrerin für Englisch und Latein. Neben dem Studium macht sie eine Yogalehrerausbildung und setzt sich für die "Stiftung Valentina" ein. Die Stiftung hat sie zusammen mit ihrer Familie gegründet, um eine konstruktive, gesellschaftlich relevante Antwort auf das Schicksal ihrer Schwester zu finden.

Ich betrat eine neue Welt

Als mein Vater mich an einem Abend im April 2015 anrief, schwieg er zunächst. Dann sagte er: “Valentina wurde heute in die Uniklinik eingeliefert – sie hat ”. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Meine kleine, zwölfjährige Schwester soll Krebs haben!?

Völlig unter Schock hörte ich mir alles an. Der Raum drehte sich. Als mein Vater auflegte, versuchte ich, es meiner Mitbewohnerin zu erzählen. Doch die Worte, die aus meinem Mund kamen, hörten sich unecht an. Meine kleine hatte Krebs.

Plötzlich war ich in eine Welt eingetaucht, die mir zuvor gänzlich unbekannt gewesen war. Viel mehr Leute, als ich jemals gedachte hätte, waren betroffen. Ein Kollege erzählte mir, er habe seine halbe Familie an den Krebs verloren. “Du musst jetzt stark sein für deine Mutter und deine Schwester. Du darfst auf keinen Fall vor ihnen weinen.” Das war sein Rat auf meine Frage, wie ich mit dieser Situation umgehen soll.

Das Gefühl von völliger Hilflosigkeit

Es folgten immer mehr Details: Valentina hatte einen Knochentumor, den drei von einer Million Kinder bekommen. Es ist wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden. Doch sie hatte diesen schrecklichen “Jackpot” geknackt.

Der Tumor hatte bereits ihre Hüfte gespalten, sodass sie ab sofort im Rollstuhl sitzen musste. Wir erfuhren das erste Mal in unserem Leben das Gefühl von völliger Hilflosigkeit. Wir konnten absolut nichts für sie tun, außer bei ihr zu sein und die Hoffnung nicht sinken zu lassen.

Während der ersten Chemotherapie wäre Valentina beinahe gestorben – vor ihrem Zimmer waren schon Kerzen aufgestellt. Als sie das erste Mal entlassen wurde und ich sie zu Hause besuchte, drückte mir mein Vater eine Flasche Sterilium in die Hand: Ab jetzt musste man sich bei uns daheim immer erst desinfizieren und, falls man eine Erkältung hatte, einen Mundschutz tragen. Valentinas Immunsystem war so geschwächt.

Als ich sie oben an der Treppe stehen sah, erschrak ich - dort stand ein kleines “Gespenst”.

Meine Schwester hatte keine Haare, Augenbrauen und Wimpern mehr und wog bei ihren 1,60 Metern nur noch 40 Kilo.

Doch trotz dieser äußerlichen Veränderung war sie immer noch dieselbe lustige, starke und fröhliche Valentina, die sie immer gewesen war. Sie gab ihrem Tumor einen Namen - Hugo -, machte ständig Witze, und genoss jeden Tag in vollen Zügen.

Es war eine riesige Erleichterung: Auch wenn sie anders aussah und die Umstände tragisch waren, konnten wir noch genauso zusammen sein wie früher. Es war genauso wunderschön, mit ihr Zeit zu verbringen, wie es vor der Krankheit gewesen war.

Alles vergebens

Im September veränderte sich der Tumor, er wuchs jetzt ins Gewebe. All die Chemos, die Valentina durchkämpft hatte, waren umsonst gewesen. Die Therapie wurde abgebrochen und Valentinas Überlebenschancen sanken auf ein Prozent. Dennoch ließ sie sich nicht beirren, verlangte nach neuen “Waffen” und nahm an einer Studie zur Erprobung neuer Medikamente teil. Doch an Weihnachten wurde klar, dass auch dieser Weg erfolglos war, und die Therapie wurde abgebrochen.

Wir verbrachten einen wunderschönen letzten Urlaub in Italien bei unserem Onkel und feierten gemeinsam Valentinas letzten, ihren dreizehnten Geburtstag.

Das Ende

Anfang April griff der Tumor ihre Lunge an. Von da an musste Valentina stets ein 30 Kilo schweres Sauerstoff-Fass bei sich haben. Doch sie schaffte es selbst zu diesem Zeitpunkt noch, ohne das Fass mit ihren Freundinnen ihren Geburtstag zu feiern. Ihre beste Freundin sagte abends zu ihrer Mutter: “Valentina war so fröhlich und stark, ich bin sicher, sie wird wieder gesund!”

Eine Woche später starb Valentina in der Uniklinik Ulm. Ihr Todestag fiel auf meinen 25. Geburtstag. Dafür bin ich sehr dankbar – so sind wir für immer auf eine sehr besondere Weise verbunden.

Valentinas Vermächtnis

Als Valentina starb, wollten wir nicht daran verzweifeln. Sonst hätten wir dem Tumor einen zu großen Sieg eingeräumt: Es war schlimm genug, dass er Valentinas Leben zu früh beendet hatte.

Außerdem wollten wir ihr den Respekt entgegenbringen, den sie verdient hat. Sie war immer fröhlich und stark, obwohl sie mit nur zwölf Jahren unvorstellbare Schmerzen erleiden und sich mit ihrem Tod befassen musste. Da konnten wir nicht in Trauer versinken.

Auch hätte ich nie wieder einen Grund gehabt, aus der Trauer hinauszufinden, denn ich werde nie genug um meine kleine Schwester getrauert haben. Sie wird immer bei mir sein, ich werde immer an sie denken und sie wird mir immer fehlen. Deshalb ließ ich mich nicht in den Schmerz hineinfallen, sondern trage mit meiner Familie Valentinas Lebensfreude und Kampfgeist weiter.

Wir haben die Stiftung Valentina gegründet, um anderen schwerkranken Kindern zu helfen. Das ist keine Verdrängungsstrategie oder Ablenkung. Ganz im Gegenteil: Wir begegnen Valentina jeden Tag neu und setzen aktiv das fort, was sie begonnen hat.

Momentan führe ich eine Gofundme-Kampagne im Namen der Stiftung, um anderen Familien mein Schicksal zu ersparen: Ich will verhindern, dass Kinder an einem Herzinfarkt sterben, sobald sie den Kampf gegen den Krebs überlebt haben. Bitte schau dir meine Kampagne an und hilf mit, dass Kinder, die den Kampf gegen ihren Krebs gewinnen, ein erfülltes und langes Leben haben!

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Die Kampagne "Hilfe für Onko-Kids - damit ihr Herz auch nach der Chemo weiterschlägt": www.gofundme.com/damit-ihr-herz-auch-nach-der-chemo-weiterschlaegt

Weitere Infos: www.stiftungvalentina.de

Facebook: @stiftungvalentina

Instagram: @stiftungvalentina.de

Youtube: www.youtube.com/channel/UCqza_0W96_317_uQRMxihYQ

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