Wie ich als Nachkriegskind trotzdem vom Krieg geprägt bin

Als Elin Goldberg* geboren wurde, war der Zweite Weltkrieg längst vorbei - aber das Grauen und die Angst dieser Zeit noch allgegenwärtig. Wie das Trauma ihrer Eltern auch sie als Nachkriegskind beeinflusst hat, erzählt die 55-Jährige in der Leserkolumne "Stimmen".

Wie kam ich als Kind auf die Idee, meinen Vater zu fragen, ob er ein Mörder sei? Seine Antwort auf meine Mörder-Frage habe ich vergessen. An der Ohrfeige, die ich mir damals einfing, lag es nicht. Daran waren wir Nachkriegskinder gewöhnt, die nahmen wir sportlich. Wir stammten alle aus Familien, die der Krieg zur Ader gelassen hatte, in denen Gewalt, Unmenschlichkeit, Verrohung, Flucht, Verlust, Gefangenschaft bedeutende Rollen gespielt hatten. Was war da schon eine Ohrfeige?

Eineinhalb Jahrzehnte nach Kriegsende waren in den Straßenzügen und unter den Menschen Zeichen der Zerstörung noch sichtbar. Ruinen auf verwilderten Grundstücken, die als Kinder unsere Neugier weckten, Nachbarn und Onkel mit Arm- oder Beinprothesen. In einem Alter, in dem Kinder naturgemäß von einem Moment zum nächsten leben, bekam ich schon eine Ahnung von Vergangenheit, die mit bleierner Schwere allgegenwärtig und doch ein Geheimnis war. Immer wieder sah ich an sonntäglichen Kaffeetafeln der Überlebenden in erstarrte Gesichter, wurden Gespräche abgebrochen, wenn wir Kinder vom Spielen ins Wohnzimmer zurückrannten, wo die Stimmung derweil von Kümmel und Korn verzweifelt erhitzt war. An diesen Sonntagen verdichtete sich mein Gefühl, dass das, was mir gezeigt und gesagt wurde, nicht mit dem übereinstimmte, was ich spürte. Eine deutsche Fassung des Märchens "Des Kaisers neue Kleider".

Meine Eltern sprachen selten vom Krieg, und währenddessen übten sie sich schon im Schweigen, sprachen fragmentarisch, mit den immer gleichen, floskelhaften Sätzen. Von Verletzungen, von Pferdewagen auf dem Eis, toten Brüdern, verschleppten Großvätern und verlorener Jugend. Für uns Kinder klang das nach Abenteuer und ließ sich nicht in Einklang bringen mit Eltern, Onkeln und Tanten, deren Namen wir trugen. Es erstaunt mich noch immer, dass ich die meist unlogischen Teile dieser Erzählungen unhinterfragt übernahm. Manche Themen kamen gar nicht vor. So wurde zwar bei uns Kindern streng unterschieden zwischen Gut und Böse, und unsere Verfehlungen wurden von den Eltern schnell und hart geahndet. Doch warum sprach niemand über das Böse, das diese Zerstörung erst ermöglicht hatte, über das Böse, das durch den Krieg in die Welt gesetzt worden war? Auch Mitgefühl für die anderen, fremden Opfer dieses Krieges nahm ich nie wahr.

Doch je älter ich wurde, umso mehr gewöhnte ich mich an die auf den Kopf gestellten, widersprüchlichen Verhältnisse. Nacht für Nacht erwachten wir von den Schreien des Vaters, der - vom Alp gefangen - immer wieder dasselbe Grauen zu durchleben schien, ohne es je für sich zu lösen. Morgen für Morgen taten wieder alle, als sei nichts geschehen, und oft wünschte ich mir, ich hätte mir das alles nur eingebildet. Wenn der Krieg so schrecklich gewesen war, wie es den Anschein hatte, warum weinte, klagte, trauerte dann keiner auch tagsüber um verschleppte Großväter und tote Brüder? In meiner Familie war das kein Thema. Scheinbar emotionslos richteten sich alle in der Betriebsamkeit des Wirtschaftswachstums ein. Gleichzeitig spürte ich als Kind die Bedürftigkeit meiner Eltern. Gewöhnte mich daran, sie mit meinen Fragen zu verschonen und meine Probleme selbst zu lösen. Das Prinzip der Fürsorge war umgekehrt. Ich kochte für sie, versuchte sie zu trösten, wenn sie wieder einmal verloren wirkten, wollte sie aufheitern, auch um meine eigene Angst fortzuschieben. Die allgegenwärtige Angst, dass jeden Moment etwas Schreckliches passieren konnte.

Angestrengt passten wir uns brav an, um die Eltern nicht noch mehr zu belasten, und mit acht Jahren entwickelten die Ersten von uns Essstörungen und psychisches Asthma. Als ich in die Schule kam, erfuhr ich erstmals, dass es Kinder gab, deren Väter auf ihren Jugendfotos nicht in einer Uniform gesteckt hatten, deren Mütter nicht geflüchtet waren. Meine beste Freundin, die Tochter eines kriegsversehrten, einarmigen Geigers, verstand mich auch ohne viele Worte. Die Antworten auf meine Fragen suchte ich in Büchern. Ich verschlang die "Sternenkinder". Je mehr ich las, umso mehr begriff ich, dass meine Eltern keine guten Menschen waren, schämte und sehnte mich während meiner Grundschulzeit jeden einzelnen Tag nach der unbelasteten Normalität einer Lisa aus Bullerbü. Später nutzte ich jede Gelegenheit, um während der Schüleraustausche in ausländisches Familienleben einzutauchen. Ich perfektionierte meine Fremdsprachenkenntnisse. Es war mein größtes Glück, wenn ich als Deutsche nicht mehr erkennbar war und meine übernommenen Schuldgefühle abstreifen konnte wie eine fremde Haut - für einen Moment!

In den 80er Jahren, als ich an einer Rotterdamer Festtafel als "Mof" attackiert wurde, grenzte ich mich zum ersten Mal radikal von meiner verinnerlichten Sippenhaft ab. Ich gratulierte dem Angreifer vor allen Gästen, dass er sich selbst ausgesucht habe, wo er geboren wurde. Auf Holländisch. Später wählte ich als Partner das Kind einer verfolgten Jüdin, schlug mich in meinem Berufsalltag mit meiner scheinbar unüberwindbaren Anpassungsbereitschaft herum, meiner Angst vor Autoritäten und meiner Konfliktscheu. Warum haben heute so viele meiner gleichaltrigen Bekannten Ängste, die keinen realen Grund in ihren Biografien haben, jedoch in Verbindung zu den Erlebnissen ihrer Eltern stehen? Ich weiß jetzt, dass Kriegstraumata unbewusst vererbt und weiter getragen werden. Doch als erwachsene Nachgeborene kann ich mich heute, wie in Rotterdam begonnen, abgrenzen von den Schuld- und Schamgefühlen, die ich von meinen Eltern übernommen habe. Vielleicht gelingt es mir auch irgendwann zu betrauern, dass sie nicht die Eltern waren, die ich mir gewünscht hätte. Und ich gebe hiermit meine Frage weiter: Welche Bedeutung hat dieses Thema für die Enkelgeneration, welche konkreten Folgen für die Global Players, die in Peking und London studieren, worldwide deutsches Markenbier trinken und Frisuren tragen, die meine niederländische Freundin - mittlerweile lächelnd - als Nazi-Chic bezeichnet? Was haben wir an sie weitergegeben? *Pseudonym

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Elin Goldberg*, 1959 geboren, lebt/e und arbeitete in Frankreich und den Niederlanden, heute in Norddeutschland. Roter Faden ihrer Arbeit ist die Suche nach dem Verborgenen zwischen den Zeilen, den Punkten, an denen geschwiegen wird und die Ergründung von Andersartigkeiten und Abweichungen von der Norm.
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