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Leben mit Autoimmunerkrankung Ich, der Lupus und das Glück

Auf die harte Tour: Natascha Scholtka hat gelernt, mit der Autoimmunerkrankung "systemischer Lupus erythematodes" (SLE) zu leben.
Auf die harte Tour: Natascha Scholtka hat gelernt, mit der Autoimmunerkrankung "systemischer Lupus erythematodes" (SLE) zu leben.
© privat
BRIGITTE.de-Leserin Natascha Scholtka (38) hat eine lebensbedrohliche Odyssee hinter sich. Dann erfuhr sie, dass sie unter einer Autoimmunerkrankung leidet – und änderte ihr Leben radikal.

"Darf ich aus dem Fenster schauen?", fragte ich den Notarzt neben mir im Hubschrauber. Liegend sah ich auf die Welt, die so klein und friedlich unter uns lag. Dass das der Moment war, der mein Leben komplett verändern sollte, war mir nicht bewusst.

"Das ist nur der Stress", dachte ich 

Aber ich muss von vorne anfangen, um zu erklären, wie ich an diesem Tag im April in diesen Hubschrauber gekommen war: Schon seit einiger Zeit hatte ich eine große Erschöpfung und Müdigkeit gespürt. Alles war schwer, jeder Schritt zu viel und ich war immer schneller außer Atem. "Das ist einfach der Stress", versuchte ich mich zu beruhigen. Und es war ja auch viel los: Ich war frisch getrennt, musste mir eine neue Wohnung suchen, und die Arbeit forderte mich enorm.

Was ich dabei verdrängte: Schon die vergangenen Jahre hatte mein Körper mir immer wieder Warnsignale gesendet. Wegen ständiger Blasen- und Magenschleimhautentzündungen wurde ich immer mal wieder im Krankenhaus behandelt. Als Teenager hatte ich eine wiederkehrende allergische Bindehautentzündung, die medizinisch nicht erklärbar war. Später fiel ich regelmäßig in Ohnmacht, niemand fand eine Ursache. Nach einem Neuseeland-Trip hatte ich ein knallrotes Gesicht und Ausschlag an Händen und Füßen. Der Ausschlag an den Füßen war so schmerzhaft, dass ich in keine Schuhe mehr passte und das Laufen sehr weh tat. Es kamen extreme Schlafstörungen dazu, ich wurde schwächer und schwächer.

Aber ich wollte mir nichts anmerken lassen, schließlich war ich doch immer "die Starke" gewesen, die alles schaffte. Und so funktionierte ich weiter.

Die Lage wurde lebensbedrohlich

Bis zu diesem Tag im April. Ich hatte unfassbare Schmerzen und konnte nicht aus dem Bett aufstehen, bekam Fieber, das stieg und stieg. 40 Grad! Zum Glück erkannte meine Mama, wie schlimm es um mich stand. Sie fuhr mich ins Krankenhaus. Für mich war alles wie im Film. Die Ärzte gaben mir haufenweise Schmerzmittel und Fiebersenker. Als die Medikamente anschlugen und die Schmerzen endlich nachließen, war ich wahnsinnig erleichtert. Ich weiß noch, wie ich dachte: "Ich bin wieder okay." Doch das war ich keineswegs. Mein Körper war völlig am Ende. Die Lage war lebensbedrohlich.

Ich kam auf die Intensivstation und wurde schließlich mit dem Hubschrauber in die Klinik nach Wiesbaden geflogen. Dort bekam ich noch mehr Schmerzmittel und Antibiotika, doch mein Zustand besserte sich nicht. In meiner Lunge hatte sich literweise Wasser angesammelt. Zwei Wochen lang kämpften die Ärzte um mich. Jeder Knochen in meinem Körper tat unbeschreiblich weh. Ich hatte wahnsinnige Angst, doch die vielen Medikamente vernebelten meinen Kopf so sehr, dass ich irgendwann nichts mehr mitbekam.

Die Autoimmunerkrankung hinterließ mich als Wrack

Dann, eines Tages, trat eine Frau an mein Bett. Sie war die Professorin der Rheumatologie und verlegte mich noch am selben Tag auf ihre Station. Wie durch einen Nebel hörte ich etwas von einem zu großen Herzen, angegriffener Niere, Wasser in der Lunge. "Von wem reden die Ärzte da?", dachte ich. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Systemischer Lupus erythematodes – so lautete schließlich die Diagnose. Ich bekam Unmengen an Kortison, bald begann eine Therapie mit Immunsuppressiva. Immer wieder Untersuchungen, noch mehr Medikamente, wieder Fieber, Wasser in Lunge und Herz. Nur ganz langsam stabilisierte sich mein Zustand einigermaßen. Nach vier Wochen wurde ich entlassen. Ich war ein körperliches und seelisches Wrack.

Zuhause weinte ich monatelang, weil mein Nervensystem völlig überreizt war. Ich konnte nicht schlafen, hatte Angst, nicht mehr aufzuwachen. Bei allem war ich auf Hilfe angewiesen. Ich lag wochenlang nur im Bett – und begann schließlich aus Verzweiflung zu recherchieren, da ich merkte, dass allein die klassische, schulmedizinische Behandlung zu keiner deutlichen Besserung führte. Bei dieser Recherche bin ich auf eine private ganzheitliche Klinik gestoßen, die auch alternative Heilmethoden anwendet.

Mit jedem Schritt fand ich zu mir zurück

In diese Klinik buchte ich mich für vier Wochen ein und die Zeit dort änderte meinen Blick auf Heilung komplett. Meine Mikronährstoffe wurden getestet, ich bekam Lymphdrainage und eine ausführliche Ernährungsberatung. Ich verstand, dass mein persönlicher Weg der Heilung ein ganzheitlicher sein musste, weil die Schwere dieser Krankheit ein großes Trauma in mir ausgelöst hatte und es nicht nur um körperliche Symptome ging.

Also recherchierte ich weiter. Ich fand Studien über Darmgesundheit und den Zusammenhang zum Immunsystem und startete einen Darmaufbau. Ich fing an, mich um mein Lymphsystem zu kümmern. Gleich nach meinem Krankenhausaufenthalt begann ich eine Telefontherapie und entdeckte die Meditation für mich. Ich führte Interviews und löcherte Fachleute mit meinen Fragen zu Ernährung, Yoga, Hochsensibilität und zu den neuesten Studien. Ich fand auch einen Hypnose-Coach, der sich mit meiner fehlenden Selbstliebe und all den Ängsten, die sich über die Jahre bei mir aufgestaut hatten, beschäftigte. 

Jeder Schritt brachte mich ein kleines Stückchen zurück zu mir und ließ mich immer stabiler werden.

Während dieses ganzen Prozesses verstand ich, wie sehr ich mich die letzten Jahre vernachlässigt hatte. Nun setzte ich mich endlich in den Mittelpunkt und nahm mich und meinen Körper zum ersten Mal wirklich ernst – und das über sehr lange Zeit. Mit Erfolg! Nach und nach ging es mir immer etwas besser – sowohl seelisch als auch körperlich.

Info: Autoimmunerkrankungen zeichnen sich dadurch aus, dass körpereigenes Gewebe vom eigenen Immunsystem angegriffen wird. Der systemische Lupus erythematodes (SLE) ist durch chronische Entzündungsreaktionen in zahlreichen Organen und Geweben des Körpers charakterisiert. Weil die sogenannten Auto-Antikörper und hinzukommende Entzündungszellen jedes Gewebe im Körper angreifen können, kann der SLE jedes Organ befallen, darunter Haut, Herz, Lunge, Nieren, Gelenke und das Nervensystem. Der systemische Lupus erythematodes ist von anderen Lupusformen zu unterscheiden, die allein die Haut betreffen. Vom SLE sind Frauen etwa zehnmal so oft betroffen wie Männer.

Die Autorin: Natascha Scholtka hat ihr Knowhow über ihre Autoimmunerkrankung in ihrem Buch "Miss Sunshine & der böse Wolf" verarbeitet, das im Februar veröffentlicht wird. Ihr findet Miss Sunshine auch in den sozialen Medien (@hello.misssunshine) und auf ihrer Website www.hellomisssunshine.com.

Brigitte

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