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Brustkrebs "Es hätte auch anders ausgehen können"

Brustkrebs: "Es hätte auch anders ausgehen können"
© privat
Martine Racz, 43, hat zwei Töchter und erkrankte 2019 an Brustkrebs. Heute hat sie einen Appell an alle Frauen – unabhängig vom Alter.

Eigentlich war alles normal im Sommer 2019. Nach einer beruflichen Pausen wegen meiner zwei Schwangerschaften war ich wieder in den Job zurückgekehrt und das durchaus erfolgreich. Wir waren dabei, endlich unser Haus zu genießen und so ganz langsam kehrte bei uns wieder eine Art Alltag ein – mit all den Themen, die das Leben einer arbeitenden Mutter eben so mit sich bringt.

Ich war erst 40 – was sollte schon sein?

Das Ziehen in meinen Brüsten hatte ich schon länger, sicher ein paar Monate. Es fiel mir auf, ging dann aber oft im Alltag wieder unter. Schlimm war es ja nicht und da würde schon nichts sein. Was sollte auch sein? Ich war gerade 40. So war es eher Zufall, dass ich die Schmerzen bei meiner Hausärztin ansprach, und es war auch Zufall, dass ich wenige Wochen danach einen Termin beim Radiologen hatte. Nur zur Sicherheit natürlich – was sollte auch sein?

Dass das Resultat dieser Kontrolle, die zeitlich so gar nicht passte – wir wollten in den Urlaub fahren und vorher war noch endlos viel zu erledigen – ein höchstwahrscheinlich bösartiger Knoten in meiner linken Brust war, riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich, eine gestandene Frau mit 40 Jahren, hatte Brustkrebs und keinen Plan, wie es weitergehen sollte. Die folgenden Tage bestanden aus Untersuchungen, Gesprächen und Versuchen, das Unbegreifliche zu begreifen.

Da war nicht nur die Sorge um mich selbst, sondern vor allem um meine Kinder. Wie konnte ich ihnen die Wahrheit sagen, ohne sie zu Tode zu ängstigen? Wie würden sie damit umgehen? Was würde aus meinen Mädels werden, sollte das hier nicht gut ausgehen?

Chemotherapie, Masektomie - und dann noch Corona

Meine Prognose war ungünstig, der Tumor aggressiv und so startete schon zwei Wochen nach der Diagnose im August 2019 eine Chemotherapie. Ich hatte Mut geschöpft und wollte kämpfen – für mich, aber auch für  meine Familie. Die Chemotherapie lief anfangs ganz in Ordnung, ich konnte vieles noch selbst erledigen. Je länger sie dauerte, desto schwächer wurde mein Körper, aber irgendwann war diese Etappe geschafft. Anschließend folgte eine Mastektomie beider Brüste.

Anfang März 2020 war also die Akutbehandlung beendet und ich wusste nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Ich sehnte mich nach Normalität und freute mich darauf, wieder in ein normales Leben zurückkehren zu können. Wir alle wissen, was Mitte März 2020 für uns alle folgte – eine weltweite Pandemie, die unnormaler nicht hätte sein können. Ich taumelte von dem einen Ausnahmezustand in den nächsten und mit mir mein Mann und meine Kinder. Weit entfernt davon, die Krebserkrankung verarbeitet zu haben, waren wir nun erneut mit Herausforderungen konfrontiert. Herausforderungen, die zum Teil bis heute anhalten.

Die Krankheit verändert alles

Allerdings ist mir heute bewusst, dass der Wunsch nach einem "normalen" Leben sich auch ohne Corona nicht erfüllt hätte. Die Konfrontation mit einer potenziell tödlichen Erkrankung verändert alles im Leben. Heute, zweieinhalb Jahre später, bin ich zwar krebsfrei, dennoch bestimmt die Krankheit immer noch einen großen Teil meines Lebens. Da sind einerseits die Narben, die mich jeden Tag daran erinnern. Andererseits gibt es die Spätfolgen der Chemotherapie, die mich immer noch beschäftigen. Operationen, die noch durchgeführt werden müssen, weil die Heilungsphase nicht so verlaufen ist, wie gewünscht.

Da sind die Verlustängste meiner Kinder, die die ganze Situation total tapfer weggesteckt haben und dennoch blitzt manchmal durch, dass diese Zeit nicht spurlos an ihnen vorüberging. Und auch bei mir ist es immer noch da, dieses Trauma. Wenn von einer Sekunde zur anderen nichts mehr ist, wie es war, und das Leben, das man so sehr liebt, nicht mehr sicher scheint, auch das hinterlässt Spuren.

Trotz allem bin ich dankbar für meine zweite Chance

Noch heute habe ich bei jedem Zwicken, das länger als ein paar Tage dauert, Angst, dass der Krebs zurück ist. Noch heute ist das Vertrauen in meinen Körper nachhaltig erschüttert. Noch heute gibt es keinen Tag, an dem ich mir nicht bewusst bin, wie knapp das alles war. Aber all das hält mich nicht davon ab, dankbar zu sein. Diese zweite Chance bekommen zu haben. Das Leben mit all seinen Momenten schätzen zu können – jeden Tag. Und die Schwere der Alltagssorgen nicht zuzulassen. Weil ich weiß, dass es auch anders hätte ausgehen können.  

Jede achte Frau in Europa ist irgendwann in ihrem Leben von einer Brustkrebs-Diagnose betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, so eine Diagnose so jung zu bekommen, ist relativ gering, und trotzdem kommt es immer wieder vor.

Daher appelliere ich an alle Frauen, egal wie jung: Tastet euch ab. Regelmäßig. Geht zu Vorsorgeuntersuchungen und achtet auf euren Körper und die Signale, die er euch sendet.

Wäre mein Tumor nur wenige Monate später entdeckt worden, wäre ich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr am Leben. An diesem Leben, das ich so liebe.

Brustkrebs: "Es hätte auch anders ausgehen können"
© Verlag am Rande

Die Autorin: Martina Racz hat ein Buch über ihr Leben mit Brustkrebs geschrieben: "Eine von acht - Mein Leben mit Brustkrebs" (Verlag am Rande, 22 Euro). Außerdem hat sie zwei Töchter (9 und 12), einen Ehemann und ein kleines altes Häuschen, das sie renovieren, dazu einen Fast-Vollzeitjob im Marketing. Sie gendert aus Überzeugung und setzt sich für diejenigen ein, die das selbst nicht können und versucht auch sonst, ein guter Mensch zu sein.

Brigitte

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