"Eigentlich sollte ich zufrieden sein, bin es aber nicht!"

Glückliche Beziehung, tolle Tochter, erfüllender Job, schicke Wohnung: Von außen betrachtet hat Silvia Eckert wirklich keinen Grund zu meckern. Warum sie trotzdem nicht zufrieden ist.

Silvia Eckert, 44, lebt mit Mann und siebenjähriger Tochter in München. Ihre große Leidenschaft ist – neben ihrer Familie – das Jonglieren mit Worten und Texten. Sie will in Zukunft mehr Texte schreiben über Themen, die sie bewegen und mit eigenen Projekten auch andere bewegen.

Eigentlich sollte ich ja zufrieden sein, aber der dazu gehörige Glückszustand stellt sich bei mir nicht so richtig ein.

Ich habe mein Politikstudium erfolgreich abgeschlossen, habe zehn Jahre lang im Ausland berufliche Erfüllung gefunden als politische Beraterin bei internationalen Organisationen, hauptsächlich auf dem Balkan. Finanziell bin ich dadurch vorerst unabhängig und kann mir auch mal extravagante Wünsche erfüllen.

Mit drei Freundinnen habe ich mich nach der Rückkehr als Fördermittelberaterin selbständig gemacht und gerade gründen wir einen Verein, um zusätzlich unsere Projektideen zu realisieren. Aufgrund meiner Berufstätigkeit im Ausland bin ich in ein wunderbar buntes, internationales Netzwerk von Freunden und Bekannten weltweit eingebunden.

Was will ich mehr?

Den passenden Lebenspartner habe ich auch längst gefunden und meine Tochter beschert mir täglich unvergessliche Glücksmomente, habe ich doch in meiner Geldbörse einen gekritzelten Zettel, auf dem steht "Du bist di Lipste Mami Auf Der Wellt". Nicht zu vergessen sind da noch unsere erschwingliche Wohnung in München-Schwabing und der Hortplatz meiner Tochter, beides ebenfalls riesige Glücksfälle.

Was will ich also mehr? Ich kann diejenigen gut verstehen, die mich für eine unersättliche, miesepetrige Kuh halten. Bin ich aber nicht.

Okay, mir ist klar, dass Glück kurzlebig ist und oft nur ein Lieblingslied lang anhält; Zufriedenheit ist dann wohl die konsolidierte, dauerhafte Version von Glück.

Gerade wenn ich mir die Schicksale in meinem Freundeskreis anschaue, habe ich erst recht Grund - oder sogar die Pflicht! - zufrieden zu sein: Eine ehemalige Kollegin und enge Freundin wurde im letzten Jahr bei einem Selbstmordattentat im Ausland schwer verletzt und kämpft sich seither mit vielen Operationen wieder ins Leben zurück.

Der Mann einer anderen Freundin ist völlig überraschend gestorben und sie stand alleine da mit ihren beiden kleinen Jungs. Wieder eine andere Freundin leidet seit langem an einer chronischen, unheilbaren Krankheit. Ich sollte mich also wirklich zusammenreißen und endlich uneingeschränkt zufrieden sein!

Aber definiert sich meine Zufriedenheit in Relation zur Lebenssituation anderer Menschen? Das würde im Extremfall ja bedeuten, dass ich umso zufriedener sein müsste, je schlechter es anderen geht. Nee, das kann doch wohl auch nicht sein.

Gehöre ich einfach zu denen, die auf hohem Niveau jammern?

Mir ist völlig klar, dass mein Beitrag eine blanke Provokation und Beleidung für Leserinnen ist, die nicht auf der Sonnenseite im Leben stehen. Als politisch gebildeter und interessierter Mensch ist mir die soziale Notlage in Deutschland, europäischen Nachbarländern und in Krisengebieten weltweit voll bewusst; bei meiner Arbeit hatte ich damit ja oft unmittelbar zu tun.

Aber vielleicht bin ich doch auch eine typische Repräsentantin der gesättigten, im Durchschnitt und Vergleich eher wohlhabenden Deutschen, die auf hohem Niveau jammern?

Ich habe mir die Worte von Brittany Maynard aufgeschrieben, die sie in einem der letzten Interviews sagte, bevor sie sich mit 29 Jahren wegen eines unheilbaren Gehirntumors im November 2014 das Leben nahm: "What's important to you? What do you care about? What matters? Pursue that. Forget the rest." Diese Worte rütteln mich immer wieder auf und regen mich zum Nachdenken an. Sie sind für mich vor allem ein Auftrag und Antrieb, nicht die Hände zufrieden in den Schoß zu legen, sondern immer wieder neu zu überlegen und zu hinterfragen... zufriedener macht mich das nicht.

Ist es dieses Gefühl von 'mehr haben wollen' und 'nicht stehenbleiben wollen', das uns immer wieder antreibt und - wenn es gut geht - auch weiterbringt? Aber macht es uns nicht auch blind für das Glück und die länger anhaltende Zufriedenheit, die wir schon haben bzw. hatten?

Einerseits ärgert und lähmt mich dieses Gefühl der Unzufriedenheit mit dem Status quo und ich beneide Menschen, die sich einen Lebenstraum erfüllt haben und damit - laut eigener Aussagen - zufrieden sind. Andererseits erlebe ich (vielleicht gerade deswegen?) auch Phasen von enormer Kreativität und wahre Ideenfeuerwerke, besonders seit ich selbständig arbeite.

"Glücklich sein kann aber auch sooo anstrengend sein"

Nein, ich bin wirklich nicht dauernd übellaunig und grantig (auch wnn ich zugebe, neulich einen jungen Fundraiser von Greenpeace auf der Straße angepflaumt zu haben, es war einfach der falsche Moment - Entschuldigung hierfür!). Ich bin meistens sogar sehr gut drauf und freundlich zu den Mitmenschen.

Manchmal beneide ich auch Menschen oder Kollegen, die sich trauen, ihre üble Laune (sind die unzufrieden?) ungeniert und oft auch dauerhaft auszuleben. Andererseits finde ich so ein Verhalten ein Zeichen fehlender Manieren. 'Nur' weil jemand unzufrieden ist, hat sie/er noch lange nicht das Recht, andere da mitrunterzuziehen! Oft fällt mir dann Bjarne Mädel als Tatortreiniger ein, der sagte "Glücklich sein kann aber auch sooo anstrengend sein".

In Gesprächen mit etwa gleichaltrigen Frauen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis stelle ich fest, dass viele von ihnen sich unerfüllt oder unzufrieden fühlen, manche mich ein bisschen um meine berufliche Freiheit beneiden.

Einige denken über eine berufliche Umorientierung nach oder entscheiden sich, eine lang erträumte Wunschreise in die Provence endlich zu buchen, manchen fehlt ein Partner oder sie rotieren in einer chronischen Beziehungskrise, die meisten verharren jedoch in ihrer aktuellen Situation.

Zweifel und Unzufriedenheit sind ein Motor für mich

Da es ausschließlich gleichaltrige Frauen in meinem Umfeld sind, überlege ich auch, ob der wohl gar nicht so seltene Wunsch nach Veränderung vielleicht einfach typisch für dieses Lebensalter ist, so eine Art Vor-Wechseljahre in Vorbereitung auf den dann auch körperlichen Wandel? Psychologen wissen hierzu sicher mehr.

Meine vorläufige Schlussfolgerung ist, dass mir wohl lebenslang der Nagel im Gesäß bleibt, der mich mit Zweifel und Unzufriedenheit an- und weitertreiben wird, ob ich will oder nicht.

Einstweilen werde ich meinen doch zweifellos bestehenden Glücks- und Zufriendheitszustand bestmöglich konservieren und idealerweise auch maximieren. Meine Taktik dafür lautet darum, mir hin und wieder kleine oder auch größere Wünsche zu erfüllen (wie erst zuletzt eine Reise nach Marrakesch), Weltverbesserungsprojekte zu entwickeln (konkrete Ideen gibt es schon!) und so die um die Ecke wartende Unzufriedenheit zu überlisten und auch mal schweigen zu lassen.

Tesaerbild: Studio MPM/Corbis
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