"Einfach gut: Wie ich in meinem Leben aufgeräumt habe"

Sandra Blackert (45) hat einen hektischen Alltag zwischen Karriere, To-do-Listen und teuren Urlauben gegen das Wertvollste getauscht: echte Lebenszeit.

Sandra B., 45, selbständig, lebt mit ihrem Mann in den Alpen und fragt sich: "Wie können wir glücklich leben?" Mit ihren Texten auf www.itsyour.life will sie zum Nachdenken über das Leben inspirieren - mal philosophisch, mal praktisch, mal provokant.

Ein einfaches Leben ist für viele Menschen gleichbedeutend mit Verzicht. Wer einfach lebt, lebt entbehrungsreich. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Ein einfaches Leben bedeutet Freude, Genuss, Zufriedenheit und vor allem Freiheit.

Mein Leben hat sich in den letzten zwei Jahren rasant verändert. Unsere Wohnfläche schrumpfte von 200 auf 55 qm für zwei Personen. Ich habe 75% meiner Besitztümer verkauft, gespendet oder weggegeben. Ich habe Schränke geleert, mir eine 50-teilige Alltagsgarderobe zusammengestellt, all die Dinge aussortiert, die mehr Pflege- und Lagerungsaufwand als Nutzungszeit haben, mich durch meine E-Mail-Accounts und Social-Media-Plattformen gearbeitet und komplette Hobbies reduziert. Abonnements, überflüssige Mitgliedschaften und den Fernseher, Zeitungen und Zeitschriften habe ich ganz abgeschafft. Ich habe Kontakte eingeschränkt, die mir eher schaden als mich erfreuen, und mache nicht mehr automatisch jede Freizeitaktion mit.

In Kombination mit der langsam luftiger werdenden Wohnung führten diese Reduktionen dazu, dass ich mehr Raum und Zeit habe, weniger Ablenkungen und weniger dauernd drängelnde Aufgaben. Ich kaufe keine Kleidung mehr, keine Möbel, keine Dekoration, keine Haushaltshelferlein. Nur noch Ersatz, Verbrauchsmaterial und digitale Inhalte. Und das Gemüse schickt das nahegelegene Biogut vorbei. So einfach ist das: Nichts mehr kaufen spart Zeit und Geld und Nerven. Der überflüssige Krempel ist weg. Nichts, was unnötig aufzuräumen, abzustauben, zu putzen oder zu warten wäre. Keine hektischen Abendveranstaltungen mit Leuten, die ich nicht einmal kenne, kein liegengebliebener Papierkram, den ich längst schon hätte erledigen sollen. Nichts. Nur wir und das Leben.

Ich habe es mir richtig gut gehen lassen

Bevor ich zu dem jetzigen, einfachen Lebensstil gefunden habe, habe ich zwar nicht in Luxus geschwelgt, aber ich habe es mir – nach meinem damaligen Verständnis – richtig gut gehen lassen. Weihnachten im Luxushotel in der Sonne, Sylvester im Luxuscamp in der Serengeti. Genauso beim Essen: Gourmet-Menü mit Weinbegleitung im 3-Sterne-Restaurant, private Teezeremonie in Xi’An und ausgesuchte Köstlichkeiten zu Hause im Kühlschrank. Ich saß auf Designer-Möbeln, aß von edlem Porzellan und erfreute mich an meinen Souvenir-Sammlungen und Erinnerungsstücken. Um das alles zu finanzieren, habe ich an meiner Karriere gebastelt. Den Job gewechselt, wenn es keine Aufstiegsperspektive mehr gab, Unternehmen gegründet und wieder verkauft, die Nacht zum Tag gemacht und Wochenenden den Dienstreisen geopfert.

Und nach all den Jahren - an welche Unterkunft erinnere ich mich am liebsten? Zwei Schlafsäcke unter den Sternen. Nur wir beide und der Sonnenaufgang. An welche Mahlzeit denke ich am häufigsten? Thermoskanne und selbstgebackene Muffins aus dem Rucksack, in der Almwiese sitzend. Wie sieht mein Leben heute aus? Am Wochenende frühstücke ich ausgiebig und mache lange Spaziergänge statt Städtetrips. Abends kuschele ich mich in den Sessel und lese spannende Bücher statt auszugehen. Ich koche täglich frisch statt Essen zu gehen, höre schöne Musik statt mich bei Massage und Wellness zu entspannen, ich verbringe Zeit mit Freunden und der Familie statt vor dem Fernseher zu sitzen und spreche mit meinem Mann über unsere Wünsche, Träume und Hoffnungen statt mich um die angehäuften Besitztümer zu kümmern.

Luxus ist eine Schwäche, er funktioniert wie eine Droge: Wir wollen immer mehr davon und glauben, das Leben ohne ihn sei von Verzicht geprägt. Im Gegenzug müssen wir immer mehr arbeiten, um den Luxus zu steigern, denn er verliert seine Wirkung rasend schnell. Dabei verwechseln wir auch gerne mal Luxus und Genuss. Denn Genuss bedeutet eben gerade nicht teuer, sondern Genuss ist eine Einstellung. Und die kann man nicht kaufen.

Früher meinte ich, mich ohne Aufgaben nutzlos zu fühlen, wertlos zu sein

Der ausgesucht einfache Lebensstil bietet Genuss in Hülle und Fülle, denn er beinhaltet weniger Arbeit, weniger Sorgen und dafür mehr Lebensfreude. Das habe ich erreicht, indem ich vieles einfach nicht tue. Etwas mal nicht tun heißt, meine Lebenszeit nicht zu verschwenden, sondern sorgfältig umzugehen mit dem Wertvollsten, was wir in diesem Leben haben: unserer Zeit. Alles was wir tun erfordert einen gewissen Aufwand nicht nur an Zeit, sondern an Energie und meistens Geld. Etwas nicht tun erfordert keine Ausrüstung und keine Vorbereitung, muss nicht zum TÜV und braucht nicht gepflegt zu werden. Und das ist kein Verzicht. Etwas mal nicht tun schenkt uns Zeit, Ruhe und schont die Ressourcen, damit wir bereit sind, unser Leben in seiner Einfachheit zu genießen.

Früher meinte ich, mich ohne Aufgaben nutzlos zu fühlen, wertlos zu sein. Meine To-do-Listen waren endlos und meine Verpflichtungen zahlreich, und ich glaubte, die Fülle meiner Tage gäbe mir Bedeutung. Heute weiß ich: das Gegenteil stimmt. Frieden und Freiheit sind die Garanten für ein unbeschwertes und genussvolles Leben.

Ich habe gelernt, mich zu öffnen und bewusst wahrzunehmen, wie ich genieße. Wann ich Momente des Glücks empfinde. Dafür muss ich mir nur bewusst machen, dass ich in diesem konkreten Moment gerade weder Hunger noch Durst habe, nicht friere, keine besonderen Schmerzen empfinde und keiner akuten Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt bin. Wenn ich das realisiere, es also in meinem Geist wirklich werden lasse, entsteht ein Gefühl der Ruhe, des Wohlbefindens, der Zufriedenheit. In einem von Grund auf einfachen und guten Leben.

Teaserbild: CI2/Corbis
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