"Heute alleinerziehend, übermorgen Rente? Kann ich vergessen!"

Christine Finke ist dreifache Mutter und weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt: Alleinerziehende werden auf ganzer Linie benachteiligt.

Wir wollen einfach nur genügend verdienen

Wir sind nicht faul. Wir Alleinerziehenden haben auch keine zu hohen Ansprüche. Wir sind weder schlecht organisiert, noch schlecht ausgebildet. Wir wollen einfach nur arbeiten und genügend verdienen, um unsere Familie zu ernähren, so wie andere auch. Und es stinkt uns, dass wir jetzt schon zu großen Teilen in Armut leben, obwohl wir die Rentenzahler von morgen großziehen – denn wir gehen sehenden Auges in die Altersarmut. Das als kleinen Rant vorweg. Nun die Fakten.

Trotz Vollzeitjobs müssen wir aufstocken

  • Knüllerfakt 1: Es ist für Alleinerziehende schwieriger, einen Job zu finden, als für Menschen ohne Deutschkenntnisse und ohne Ausbildung. Und das, obwohl 80 Prozent von uns einen mittleren oder höheren Berufsabschluss haben. (Bitte lest das zwei Mal und merkt euch das fürs nächste Mal, bei dem jemand auf den unschlagbaren Wert von Bildung verweist!)
  • Knüllerfakt 2: Alleinerziehende haben mit 42 Prozent das höchste Armutsrisiko aller Familienformen. Dieses Armutsrisiko steigt seit Jahren kontinuierlich. Paarfamilien mit einem Kind liegen bei einem Armutsrisiko von 9,6 Prozent. Selbst bei drei oder mehr Kindern beträgt das Armutsrisiko für Paare “nur” 24,6 Prozent - was immer noch erschreckend hoch ist. Kinder sind in Deutschland ein Armutsrisiko.
  • Knüllerfakt 3: Alleinerziehende arbeiten mit 42 Prozent wesentlich häufiger in Vollzeit als Mütter in Paarbeziehungen (25 Prozent). Trotzdem müssen etliche von ihnen aufstocken oder Sozialleistungen wie Wohngeld in Anspruch nehmen.

Die Probleme sind vielfältig

Wie passt Vollzeitarbeit zu Armut? Wieso haben wir kein Geld zum Leben und schon gar nicht zum Sparen fürs Alter? Die Probleme sind vielfältig:

Zum einen erhält die Hälfte der Alleinerziehenden keinen oder nur unregelmäßig Unterhalt fürs Kind, es ist immer noch zu einfach für den abwesenden Elternteil, meist den Vater, sich vor der Zahlung des Unterhalts zu drücken.

Zu 90 Prozent sind die Alleinerziehenden Frauen. Obendrein kümmern sich die wenigen alleinerziehenden Väter fast ausschließlich um ältere Kinder, was sich auf dem Arbeitsmarkt besser macht.

Dann ist da noch die unrühmliche Steuerklasse II, in der Alleinerziehende fast wie Singles besteuert werden. Und zu allem Überfluss gibt es immer noch viele Vorurteile über die mangelnde Zuverlässigkeit von Alleinerziehenden – Alleinerziehende sind für Personalchefs ein rotes Tuch, können sie doch doppelt so viele Tage im Betrieb wegen kranker Kinder fehlen als andere Elternteile.

Ein Kind zu haben, ist ein Makel - für Frauen

Und so wird bei der Besetzung von gut bezahlten, interessanten Jobs die Alleinerziehende fast immer den Kürzeren ziehen gegenüber Kinderlosen oder sogar den ebenfalls stark diskriminierten Müttern in Paarbeziehungen – ein Kind zu haben, ist schon Makel genug.

Aber ein Kind alleine großzuziehen, gilt in den Statistiken wie auch im Real Life als “starkes Einstellungshemmnis”. Folglich landen Alleinerziehende in Jobs, die sie und ihre Kinder nicht ausreichend ernähren, falls sie denn überhaupt einen finden. Viele, so wie ich auch, machen sich mangels Alternativen selbstständig. Auch das ist kein Zuckerschlecken.

Gut, das ist schade, ein Randproblem, könnte man meinen. Ist es aber nicht – inzwischen ist jede fünfte Familie in Deutschland eine Einelternfamilie.

Wir sind eine tickende Zeitbombe

Wenn man auch nur ein bisschen nachdenkt, dann müsste man eigentlich verstehen, dass hier eine Zeitbombe tickt. Wer über Jahre nichts oder nur wenig in die Rentenkasse einzahlt, wer kein Geld für private Vorsorge beiseitelegen kann, weil er ab dem 20. des Monats sowieso ängstlich auf den Kontostand schielt, kann sich ausrechnen, dass man im Alter von Sozialhilfe leben wird – 68 Prozent der alleinerziehenden Frauen sagen, dass sie davon ausgehen, im Alter arm zu sein.

Das System ist durch und durch unfair

Das ist unfair. Denn während die getrennten Väter jobtechnisch weiter Gas geben oder zumindest ohne Unterbrechung Rentenpunkte sammeln können, wird es den alleinerziehenden Frauen, die sich um die Steuerzahler von morgen kümmern, verdammt schwer gemacht, finanziell über die Runden zu kommen, geschweige denn Rentenpunkte anzusammeln oder anderweitig vorzusorgen.

Es kann doch nicht sein, dass meine drei Kinder die Rente von Kinderlosen finanzieren werden, die jetzt schon die guten Gehälter absahnen, während ich mir ständig Sorgen ums Geld machen muss!?

Ich finde, wer ein oder mehrere Kinder alleine großzieht und dafür strukturelle Benachteiligung erfährt, wer jahrelang jeden Cent umdreht, nie in den Urlaub fahren, geschweige denn Geld sparen kann, ist echt gelackmeiert.

Und eigentlich wäre es nur gut und richtig, wenn Alleinerziehende einen deutlichen Aufschlag bei den Rentenpunkten bekämen. Zumindest, wenn sie sich nahezu alleine um die Kinder kümmern.

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