VG-Wort Pixel

"Ihr seid die Besten!" Warum ohne Freundinnen nichts geht

"Ihr seid die Besten!" Warum ohne Freundinnen nichts geht
© Eugenio Marongiu/shutterstock
Sarah Leese (29) hat schwierige Zeiten hinter sich. Aber sie hat Freundinnen, die sie in jeder Lebenslage auffangen. Eine Liebeserklärung.

„Brauchst du Hilfe?“ „Nein.“ „Ok, halt durch, ich bin in 10 Minuten da.“

Vieles, woran mein Herz hängt, ist in Wahrheit entbehrlich: Schmuck, schöne Kleider, Schokolade... Ja, sogar auf Männer könnte ich zur Not verzichten. Aber nie-, nie-, niemals möchte ich sie missen: Meine Freundinnen.

Es gibt viele Arten von Freundinnen. Freundinnen zum Lachen, Reden, Weinen, Tanzen, Reisen, Pferdestehlen, Pläneschmieden. Sie sind Drama-Königinnen, Lebenskünstlerinnen, Beziehungstherapeutinnen, Alltagsheldinnen, Seelenklempnerinnen, Diät-Expertinnen, Leidensgenossinnen, Gesundpflegerinnen, Beschützerinnen und Komplizinnen. Sie sind Verschworene, Verschwiegene, Vertraute. Unersetzlich, unerschütterlich, innig geliebt und vor allem: unendlich wertvoll. Die Besten eben.

Und im vergangenen Jahr, das mir viele Höhen und Tiefen beschert hat, wäre ich ohne sie verloren gewesen. Dies ist mein Dank und meine Liebeserklärung an die Besten der Besten.

Sie gehen mit dir durch dick und dünn

Als ich Anfang letzten Jahres einen Job aufgab, der mich unglücklich und verzweifelt gemacht hatte, fühlte ich mich am Ende. Alles war in Unordnung geraten, mein Selbstbewusstsein schien zerstört und in mir tobte das Gefühlschaos. Ich griff zum Telefon.

„Wann gehst du auf deine große Reise?“ „Nächste Woche. Kommst du mit?“

Ich kam mit. Einen Monat lang wanderten wir zusammen quer durch Spanien. Wir schliefen auf durchgelegenen Matratzen in überfüllten Herbergen und zugigen Klostern, schnitten morgens Frühstücksschalen aus leeren Plastikflaschen und verzehrten unseren Proviant an staubigen Raststätten, Bushaltestellen und Parkplätzen. Wir passierten Städte und Dörfer, stolperten über Bahngleise und gerodete Felder, kämpften uns durch nasskalte Wälder und Täler, vorbei an kahlen Häusern und einsamen Bauernhöfen, an Supermärkten, Straßenprozessionen und Strandpromenaden. Wir machten Halt auf sattgrünen Wiesen oder steil abfallenden Klippen, unter uns die Brandung, vor uns das offene Meer. Das Meer, das alle Wunden heilt. Wir liefen, liefen und liefen.

Am dritten Tag versagten mir erstmals die Beine und auch mein Inneres brach zusammen. Aber ich fand weder die Worte noch den Mut, mich ihr anzuvertrauen. Sie nahm mich in den Arm und sagte: „Lass dir Zeit. Wenn du so weit bist, bin ich da.“ Sie stellte keine Fragen. Sie wartete. Bis zum letzten Tag, als ich es nach 700 km endlich schaffte, mir allen Kummer, der mich seit langem bedrückt hatte, von der Seele zu reden. Und natürlich reagierte sie einfach großartig.

Sie glauben an dich, auch wenn du es selbst nicht kannst

Als mein Leben bunter geworden war, hatte ich zu malen begonnen. Farben, Kontraste, eine Welt aus Licht und Schatten. Meine Welt.

Als diese Welt zu zerbrechen begann, griff ich wieder zum Pinsel. Ich sammelte die Scherben auf und brachte sie auf die Leinwand. Tage- und nächtelang verlor ich mich in diesem kreativen Wahn. Doch wofür? Was sollte ich mit meinen Werken anfangen? Wer wollte ich sein, eine Künstlerin? Ich fühlte mich lächerlich. Da flatterte mir ein Engel ins Haus.

„Hier, die stellen aus. Jede Woche einen anderen Künstler. Ich habe dich vorgeschlagen.“ „Wie bitte???“

Es wurde eine der besten Wochen meines Lebens.

Sie sorgen dafür, dass du deinen Traum verwirklichst

Ich schreibe Geschichten, seit ich denken kann. Und ebenso lange spukte mir schon dieser verflixte Roman im Kopf herum, den ich noch immer nicht in Angriff genommen hatte.

Wieder einmal klagte ich darüber, dass es nicht voran ging. „Mir fehlt der Druck!“, jammerte ich und kaute an den Fingernägeln. Die Antwort kam prompt: „Du brauchst Befehle? Bitteschön. Das ist die Deadline, bis dahin will ich das erste Kapitel sehen. Und keine Ausflüchte!“

Nun hätte sie sich gemütlich zurücklehnen und den Termin abwarten können. Doch sie ließ mich nicht allein damit. In den darauffolgenden Wochen bedachte sie mich nicht nur mit eine Fülle an Tipps und Links zum Thema Schreibtechniken, sondern schickte auch regelmäßig Motivationsnachrichten („Und immer dran denken: Done is better than perfect!“), leistete bei jeder Schreibblockade erste Hilfe („Was hat dein Held heute gemacht? Los, schreib es mir, ohne groß nachzudenken!“), trieb mich an und setzte Zwischenziele („Wo bleibt das Exposé der Handlung?“).

Inzwischen bin ich bei Kapitel 3. Die nächste Deadline ist in 4 Wochen. Den Termin darf ich nicht verpassen. Sonst gibt’s Ärger.

Sie öffnen dir die Augen für das, was zählt

Manchmal ziehe ich mich zurück. Flüchte mich in meine Träume und schaffe mir eine Parallelwelt, eine zweite Identität. Dort ist alles erlaubt. Ich kann mit dem Feuer spielen, mich ausprobieren. Kann jemand anderes sein. Und diejenigen, die mich lieben und es gut mit mir meinen, finden keinen Zugang mehr zu mir.

Als ich wieder einmal auf meiner Wolke schwebte, fernab vom Boden der Tatsachen, erhielt ich eines Tages einen Brief. Es war eine Geschichte. Die Protagonistin war wie ich. Die Figuren schienen meiner unmittelbaren Umgebung entsprungen zu sein. Es war eine Fantasiewelt, und doch meine eigene Realität. Und was da geschah, war ein Szenario, das mich aufwühlte und erschreckte. Mit einem Mal konnte ich mein Leben von außen betrachten. Und ich erkannte, dass ich Gefahr lief, mich zu verlieren.

Die Schreiberin hatte einen Zugang gewählt, den ich verstand. Und sie hatte mich erreicht.

Sie fangen dich auf, wenn du am Abgrund stehst

Als meine Beziehung nach sechs Jahren in die Brüche ging, verlor ich jeden Halt. Wir hatten alles geteilt. Den Freundeskreis, die Wohnung, den Alltag... unsere Ängste und Sorgen. Hatten Abende und Wochenenden miteinander verbracht, Erinnerungen gesammelt und archiviert. Ich war nie alleine gewesen. Wir hatten auf eine gemeinsame Zukunft gesetzt und uns verspielt. Doch wie sollte es ohne ihn weiter gehen, wo sollte ich hin?

Sarah Leese (29) gab ihren Job auf, machte eine Pilgerreise und begann, ihre künstlerischen Träume zu verwirklichen. Dann zerbrach ihre Beziehung. Heute liebt die Münchenerin das Schreiben, das Malen, ihren neuen Job - und das Leben.
Sarah Leese (29) gab ihren Job auf, machte eine Pilgerreise und begann, ihre künstlerischen Träume zu verwirklichen. Dann zerbrach ihre Beziehung. Heute liebt die Münchenerin das Schreiben, das Malen, ihren neuen Job - und das Leben.
© privat

„Du ziehst jetzt erst mal zu mir“, sagte die Stimme am Telefon. Entschlossen. Voller Zuversicht. Und rettete mir das Leben.

Jetzt teilen wir alles. Freunde, Wohnung, Alltag... unsere Ängste und Sorgen. Ich bin nie alleine. Wir setzen auf die Zukunft, jede für sich. Und wir können nur gewinnen.

Für CK & JG, die Weggefährtinnen Für CR, die unermüdliche Leserin Für EF, die Löwenmutter Für IB, die Zuhörerin Für JB, den rettenden Engel Für KW, die Treusorgende Für LE, die Trostspendende Für SG & SS, die besseren Drittel im „Triple S“ Für meine Schwestern HS & JS, die Haltgebenden Und für ES, LH, ME, SD, SE, SH, VL und SR, die zeitlos Treuen

DANKE


Mehr zum Thema