"Meine Kindheit war eine Qual - ich mag mein Leben trotzdem"

Mirka Holsteinová hatte einen schweren Start: Prügel, Vernachlässigung und psychische Gewalt bestimmten ihre Kindheit. Alles kein Grund für sie, aufzugeben.

Meine Mutter war die Sklavin meines Vaters

Meine Mutter ist Roma, ich sage auf Tschechisch „Ciganka.“ Mein Vater ist ein Mann, der Sachen auf Flohmärkten, Jahrmärkten und auf der Kirmes verkauft. Also ein Schausteller.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick und auch nicht auf den zweiten, die Ehe war arrangiert. Oder vielmehr hat sich meine Mutter von ihrem Vater überreden lassen, diesen Mann zu heiraten, weil seine Familie Geld hatte.

Meine Mutter war noch eine junge Frau, als sie ihm das Jawort gab. Sie wusste nicht, was auf sie zukommt. Keine Rosen auf dem Bett, sondern eine Peitsche im Schrank. Sie wurde die Sklavin meines Vaters. Meine Mutter betete jeden Tag, dass der liebe Gott sie erhören und sie von ihm befreien würde.

Als ich auf die Welt kam, war ich kein ruhiges Kind. Als hätte ich gespürt, dass das keine himmlische Familie ist. Als ich eines Nachts schrie wie am Spieß, hat mein Vater die Nerven verloren. Er packte mich, ging die Treppe hinunter und warf mich in die Mülltonne. Meine Mutter lief im Pyjama hinter ihm her. Sie zog mich heraus und lief barfuß durch ganz Pilsen zu ihren Eltern.

Doch schon am nächsten Tag stand mein Vater vor der Haustür meiner Großeltern. Meine Mutter fügte sich und ging mit ihm nach Hause.

Er holte die Peitsche und man hörte nur die Hiebe und die Schreie und die Schere, die ihr langes Haar abschnitt.

Mein Vater wollte meine Schwester verkaufen

So ging das tagein, tagaus. Drei Jahre und drei Kinder. Alles Mädchen. Bei der dritten Tochter sagte mein Vater: Die verkaufe ich, ich wollte einen Sohn, die behalten wir nicht.

Meine Mutter entschied, sie zur Adoption freizugeben, sie hatte keine Wahl. Also geschah es, und ich verlor meine Schwester Margita.

Manchmal werden Gebete erhört. Eines Tages, als meine Mutter wieder überlegte, wie sie sich und uns Kindern das Leben nehmen könnte, wenn keine Erlösung kommt, hat die Polizei an der Tür geklingelt und nach ihrem Göttergatten gefragt.

Er war nicht zu Hause, aber bald haben sie ihn in einer Kneipe beim Poker gefunden, wo er wiedermal dabei war, sein Hab und Gut zu verspielen.

Diese Festnahme war für meine Mutter und vielleicht auch für uns Kinder ein Segen. Sie packte uns und ihre Habseligkeiten und ging zu meinen Großeltern.

Ich durfte nur selten zur Schule

Es dauerte nicht lang, da kreuzte ein Mann aus dem Knast bei uns auf, er war ein Freund meines Onkels. Er verliebt sich Hals über Kopf in meine Mutter und sie in ihn. Die Hochzeitsglocken läuteten. Aber nicht für uns Kinder.

Seit ich etwa fünf Jahre alt war, bekam ich von ihm Ohrfeigen und Schläge mit dem Holzstock. Meine Mutter duldete es. Sie liebte ihren Mann und pflegte zu sagen: "Er erzieht dich."

Als ich eingeschult wurde, hatte ich keine Lust auf Schule, und ich stellte fest, dass meine Mitschüler mich als Zigeunerin beschimpften, dass ich anders war und dass ich nicht dazugehörte. Es nicht leicht für mich. Nicht nur, weil ich nicht akzeptiert wurde, sondern auch, weil ich nicht allzu oft in der Schule war. Meine Mutter hat mich oft zu Hause behalten, damit ich auf meine Geschwister aufpasse. Ich bekam noch zwei weitere Geschwister: einen Bruder und eine kleine Schwester. Wir waren inzwischen vier Kinder plus meine Schwester Margita, die leider oder Gott sei Dank nicht bei uns war.

Das größte Geschenk: ein Buch

Am Ende des ersten Schuljahres habe ich etwas Wunderbares erlebt. Meine Lehrerin hatte mich schon länger mit Pausenbroten versorgt, weil meine Mutter mich ohne Essen in die Schule schickte. Bei der Zeugnisübergabe bekam ich auch noch ein Buch von ihr, das Vergnügen hatten sonst nur die Besten der Klasse. Ich hatte keine guten Noten, aber ich bekam trotzdem ein Märchen mit dem Titel „Prinzessin auf der Erbse.“ Es war mein erstes Buch. Ich war so dankbar.

Meine Schule war zwei Kilometer von meinem Zuhause entfernt, ich ging immer alleine hin. In meinem zweiten Schuljahr kam ich einmal später nach Hause. Auf dem Heimweg hatte mich ein 13-jähriger Junge abgefangen, mich in ein Gebüsch geschleppt und sich an mir vergangen.

Ich war wie paralysiert, ich wusste nicht, was mit mir geschehen war. Meine Mutter wartete auf mich, weil sie zu ihrer Mutter wollte. Als sie mich fragte, wo ich so lange war, sagte ich, dass ich gewartet hätte, bis der Regen aufhört. Sie holte das Nudelholz und fing an, mich zu schlagen. Ich habe ihr bis heute nichts von diesem Ereignis erzählt. Ich schämte mich.

Wie ich mir selbst geholfen habe

Meine Mutter ging nie zum Elternabend, und sie hat sich nie wirklich für mich interessiert. Als ich sie eines Tages fragte, was meine Stärken sind, sagte sie: Selbstständigkeit, mehr nicht.

Aber ich bin nach der Schule in einen Chor gegangen, wir waren erfolgreich und ich fühlte mich dort geborgen. Ich sang mit Gleichgesinnten, das machte Spaß. Ich nahm Nachhilfe in Mathe und schrieb gute Noten. So habe ich meine Versetzung in die nächste Klasse geschafft. Ich merkte, wenn jemand da ist und sich Zeit nimmt, um mit mir zu lernen, schreibe ich gute Noten.

Meine Eltern haben uns geschlagen, wenn wir schlechte Noten nach Hause brachten, aber sie haben nie mit uns gelernt, weil sie mit dem Stoff überfordert waren. Doch nicht alle meine Geschwister hatten so viel Glück wie ich, sie sind entweder sitzengeblieben oder mussten auf die Sonderschule.

In der Schule haben wir einmal über die Berufe unserer Eltern gesprochen, und als ich dran war, sagte ich, dass mein Stiefvater Müllmann ist. Die ganze Klasse lachte. Ich war so wütend, dass ich aufgestanden bin und sagte: “Wenn euer Müll eine Woche lang nicht entsorgt wird, will ich sehen, was ihr macht!“

Wir hatten nie genug Geld, meine Mutter hat das Geld schon am Anfang des Monats ausgegeben. Noch im 20. Jahrhundert habe ich Hunger erlebt. Frühstück am Morgen oder Eltern, die mit uns Kindern aufgestanden sind? Nichts da.

Meine Mutter schickte mich öfter Zigaretten holen. Einmal rutschte ich im Winter auf dem Eis aus und brach mir die Hand. Es tat höllisch weh, aber ich holte ihr trotzdem ihr Qualmzeug. Als ich ihr sagte, dass ich mir vielleicht die Hand gebrochen habe, sagte sie nur: „Jammer nicht!“ Die ganze Nacht konnte ich vor Schmerzen nicht schlafen, und als ich sie gebeten habe, mit mir zum Arzt zu gehen, hat sie mir gedroht, wenn er nicht gebrochen sei, würde sie mich schlagen. Ich betete, mein Arm möge gebrochen sein. Ich hatte Glück und bekam einen Gips.

Ich fand es traurig, dass meine Geschwister in Angst leben mussten, sie waren Bettnässer. Ich komme schon zurecht, habe ich mir immer gesagt. Aber was wird mal aus ihnen?

Ich habe keine Angst vor dem Leben

Wie mein Leben aussieht nach diesem nicht so glücklichen Anfang?

Ich arbeite als Kellnerin, nebenbei schreibe ich Märchen. Irgendwo muss ich mein Trauma verarbeiten und das Schreiben hilft mir dabei. Ich bin seit 14 Jahren relativ glücklich in einer Beziehung. Warum relativ? Ach, da gäbe es jede Menge zu erzählen über die Männer und die anderen Frauen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bin so wie ich bin und ich bleibe so. Ich nehme das Leben, wie es kommt und ich mache das Beste daraus. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig und warum eigentlich nicht?

Leben komm her - ich habe keine Angst vor Dir!

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