"Unser Kind geht nicht aufs Gymnasium! Na und?"

Silke Heilscher hat ihren Sohn an einer Realschule angemeldet - und großes Mitleid mit den Kindern, die ohne Empfehlung aufs Gymnasium geschickt werden.

Unser Kind ist nicht doof

Das Thema "Gymnasium oder nicht" treibt meinen Blutdruck regelmäßig in die Höhe. Deshalb muss ich endlich mal meine Meinung dazu äußern.

Unser Kind geht nicht aufs Gymnasium!

So.

Unser Kind ist trotzdem nicht doof. Unser Kind geht auf eine Realschule, da dies die Schulform ist, die zu ihm und seinen Fähigkeiten am besten passt.

Die Lehrerin hat es sich nicht leicht gemacht

Mit der Empfehlung für die weiterführende Schule nach dem dritten Halbjahr tat sich die Lehrerin nicht leicht. Gerne hätte sie ihn aufs Gymnasium geschickt. Das Zeug dazu hätte er, würde er es nur motiviert anwenden.

Es wurden mehrere Gespräche geführt, zuletzt mit dem Kind zusammen. Danach wurde von der Schule wegen seines Lernverhaltens die Empfehlung Realschule ausgesprochen. Wir alle sind mit dieser Entscheidung zufrieden.

Die begründete Empfehlung der Grundschullehrerinnen soll den Eltern eigentlich helfen, die richtige Schulform für das Kind zu wählen. Sie ist als Hilfestellung der Grundschule gedacht, aber in unserem Bundesland Rheinland-Pfalz nicht bindend.

Kinder sind keine Versuchskaninchen

Viele Eltern ignorieren die Empfehlung und schicken ihre Kinder trotzdem aufs Gymnasium. Nicht selten wird diese Entscheidung begründet mit der Aussage: „Das Kind hat es sich doch so gewünscht!“ Sorry, aber Kinder in diesem Alter sind noch nicht in der Lage, abzuschätzen, was das heißt. Sie wissen weder was über das Tempo noch über das Niveau, das bei dieser Schulform vorausgesetzt wird. Und nur, weil der Torben-Niklas oder die Sophie-Anne aufs Gymnasium geht, muss das für das eigene Kind nicht der richtige Weg sein. Wir sind hier nicht bei „Wünsch Dir was“, sondern bei „So isses“!

Doch die Frage wird in manchen Familien schon lange vor dem Anmeldezeitpunkt zum Thema, zum Leidwesen der Kinder.

Ich wurde schon Ende des zweiten Schuljahres von einer Mutter gefragt, auf welches Gymnasium wir unseren Sohn schicken werden! Im Laufe des dritten Schuljahres kamen die Fragen der Eltern gehäuft. Nicht, dass ich was dagegen hatte, gefragt zu werden, befremdet hat mich nur die festlegende Fragestellung. Die Schulform Gymnasium wurde vorausgesetzt, und wenn ich sagte, dass wir unser Kind nicht auf dem Gymnasium sehen, wurde ich teilweise mit großen Augen angeguckt und bekam als Antwort: „Na wenn das für euch ok ist...“ Danach folgte betretenes Schweigen.

FÜR UNSER KIND IST ES OK. DAS KIND MUSS DA DURCH, NICHT WIR!!!!!

Früher gingen die Kinder aufs Gymnasium, denen die Lehrer das zutrauten. Heute probieren viele Eltern erst mal, ob es geht. Aber Kinder sind doch keine Versuchskaninchen! Was tut man den Kindern an, wenn es schief geht??? Misserfolge, schlechte Noten, Ausgrenzung... all das können die Folgen sein, die dem Kind das Leben schwer machen.

Viele Gymnasiasten ohne Empfehlung scheitern

Die Praxis zeigt, dass viele Gymnasiasten ohne Empfehlung spätestens im siebten Schuljahr zurück auf die Realschule müssen. Bis dahin haben sie die Hölle auf Erden mitgemacht. Misserfolg macht unglücklich und kränkt, macht krank. Der Familienfrieden war in der Zeit bestimmt auch oft gestört und die Tränen, die geflossen sind, werden viele Taschentücher zum Durchweichen gebracht haben. Die Kosten für Nachhilfe waren bestimmt auch enorm hoch, die hätte man sich sparen können.

Ein Schulleiter einer Realschule hat kürzlich gesagt, dass die Problemkinder die gescheiterten Gymnasiumkinder sind. Das Selbstwertgefühl ist meist am Boden, was sich nicht selten in Aggressionen gegenüber den Mitschülern äußert.

Lasst euren Kindern die Kindheit!

Silke Heilscher (44) ist verheiratet und hat ein Kind. Sie arbeitet Teilzeit in einer Sparkasse und schreibt nebenher gern ihre Alltagserlebnisse auf, um andere zum Schmunzeln oder zum Nachdenken zu bringen.

Der Wunsch meines Mannes und mir ist, dass unser Kind eine möglichst unbeschwerte Schulzeit erleben darf. Diese Zeit soll er nicht im Dauerlauf absolvieren müssen.

Wenn er im Laufe der Zeit von selbst den Ehrgeiz fürs Abitur entwickelt, kann er es später immer noch machen. Und wenn er es nicht macht, ist es auch okay. Hauptsache er wird glücklich. Und Abitur ist keine Garantie für Zufriedenheit und Erfolg im Beruf.

Eltern! Unsere Kinder sind nicht unser Portfolio. Lasst euren Kindern noch ein wenig Kindheit. So schnell ist sie vorbei. Lasst die Kindheit und die damit verbundene Unbeschwertheit langsam ausklingen. Wenn Kinder plötzlich 200 Prozent geben müssen, um dem Druck standzuhalten, ist der Übergang mehr als steinig und die Kindheit von heute auf morgen vorbei.

Und vergesst nicht, dass ihr den Weg mitgeht und es für euch auch nicht lustig wird, wenn nur noch schlechte Noten und Frust den Schulalltag bestimmen. Die Kinder verbringen einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend in der Schule. Ich finde, sie sollten sich dort wohlfühlen dürfen.

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