Was ich im Berliner Dating-Dschungel erlebte

Susann Dorenberg wurde von ihrem Freund verlassen und begab sich in den Dating-Dschungel. Sie erlebte Frustrierendes, Lustiges - und lernte, sich wieder zu lieben.

Mein Selbstwertgefühl als neugeborene Singlefrau war total im Keller

An dem Tag, als mein Freund mir nach 14 Jahren Beziehung mitteilte, dass es aus sei mit uns, brach eine Welt für mich zusammen. Es zog mir jenen Boden unter den Füßen weg, der sich Alltag nennt. Und mein nahender 38. Geburtstag nährte die aufkommende Torschlusspanik. Als zwar nicht unansehnliche, aber recht kurvige Frau mit Ende 30 fühlte ich mich ohne „Marktwert“.

Mein Selbstwertgefühl als neugeborene Singlefrau war total im Keller und ich glaubte, erst einmal abnehmen zu müssen, um überhaupt Chancen beim Daten zu haben.

Nachdem ich mich irgendwann gefangen hatte, stellte sich mir die Frage, wie und wo ich neue Männer kennenlernen sollte. Als Studentin war das easy, aber als Enddreißigerin in Berlin – der Stadt der bindungsunwilligen Hedonisten (sorry, liebe Berliner) – ein spannendes, aber auch heikles Unterfangen.

Ich schämte mich, im Netz auf die Suche zu gehen

Ich schämte mich ein wenig, als ich ein Profil auf „Okcupid“, dem „Google des Online-Datings“, anlegte, und kam mir total bescheuert vor, zweifelhafte Fragen zu beantworten, wie etwa, ob ich „mostly monogamous“ (ab und an mit 'nem andern Mann?) oder „strictly monogamous“ sei. Schnell wurde mir klar, dass es entgegen meiner Erwartungen durchaus attraktive Männer gab, die runde Kurven schätzten, sich aber schämten, dies offen zuzugeben.

Direkte Fragen nach der Körbchengröße oder Kommentare zu meinem Hintern gehörten von nun an zu meinem Okcupid-Alltag. Ich mäandrierte mutig weiter durch den Dating-Dschungel. Mal hatte ich die falsche Augenfarbe („Ich steh nun mal nur auf braune Augen, sorry“), mal wollte mich einer, der in einer „open marriage“ lebte, als Toygirl kennenlernen. Spannend auch die Antwort auf meine Büronachricht an ein Date, dass ich mich gerade wie ein moderner Sklave fühle: „Dein Äußeres verbunden mit „Sklave“ reizt mich gerade sehr!“ Andere wiederum wünschten sich ein „Matriarchat zu Hause“. Was war los mit den Männern?!

"I am looking for a fat lady, what's your name?“

Ich wurde selbst aktiv und schrieb Männer an, die mir gefielen. Reaktionen wie „Sorry, du bist aber echt so überhaupt nicht mein Typ“ (Dann antworte doch besser gar nicht!) oder „Ich bin noch auf der Suche nach meiner Stringbikini-Frau“ brachten mich zum Grübeln. Willkommen im virtuellen Supermarkt der Eitelkeiten! Ich bekam immer wieder Nachrichten von Herren aus aller Welt mit ähnlich klingendem O-Ton à la „I am looking for a fat lady, what's your name?“.

Anfangs nagten solche zweifelhaften Komplimente sehr an meinem Ego. Nackten Tatsachen musste ich auch bei einem meiner skurrilsten Dates ins Auge sehen: Da gab es einen ägyptenstämmigen Briten, der nur dann Zeit für mich hatte, wenn er in ein Berliner Spa zum Entspannen ging. Um ihn überhaupt mal zu Gesicht zu bekommen, ließ ich mich schließlich beim dritten Treffen auf seine wiederholte Einladung, mitzukommen, ein. Erst in der Umkleide merkte ich, dass ein Badeanzug nicht erlaubt und das ausgeliehene Handtuch-Bademantel-Set eher für die Slim-Fraktion gedacht war. Notdürftig mit Handtuch und Bademantel umwickelt schlich ich in das exotisch anmutende Spa. Drinnen ... waren alle nackt! „Let‘s go to the steambath!“, sagte mein arabischer Traum mit leuchtenden Augen und ließ seinen Bademantel fallen. Nun denn, zumindest habe ich seitdem keine Probleme mehr mit Sauna & Co.

Und dann war da Richard aus Neukölln, der mich umarmte und mir "Endlich mal ein ganzes Mädchen!" ins Ohr flüsterte, oder der sexy Israeli von Tinder, der mir kurz vorm Café mitteilte, er habe seine Jacke zu Hause vergessen und ob ich mitkommen, die Jacke holen, oder lieber im Café auf ihn warten wolle. Wie ich entschieden habe? Ich wartete im Café. Und wartete sehr lange, bis er mir per Whatsapp mitteilte, er koche jetzt erst einmal etwas und ich könne ja zu ihm kommen. Zum Kochen natürlich. Als ich auf die Fortsetzung unseres Dates im Café bestand, wurde ich mit den Worten "Last chance gone... have a nice day" eiskalt abserviert.

Mindestens ebenso spooky waren Reisen ins Reich der Neandertaler, wo ich von netten Herren während eines Chats plötzlich Fotos von deren Glied zugesandt bekam. Was wollen die Typen um Himmels Willen damit erreichen?! Ein Liebhaber dieser „dick pics“, wie Carolin Kebekus sie so treffend besingt, schrieb mir sogar während der Arbeit und fotografierte sich im Büro! Das alles ließ mich zunehmend resignieren.

Wie ich lernte, mich wieder selbst zu lieben

Doch wie sagte Oscar Wilde? "Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende." Irgendwann interessierten sich glücklicherweise auch „normale“ Männer für mich, die mich attraktiv fanden, so wie ich war, und mit denen ich schöne Momente und Nächte erlebte, die mir zeigten: Es geht auch anders.

Nicht dass es wichtig ist, dauernd Bestätigung zu bekommen. Aber es hilft, um sich nach einem tiefen Fall wieder zu spüren und zu akzeptieren. Vor allem, wenn ich mich beim Date gab, wie ich bin, laut lachte, auch mal zu viel redete, unruhig war oder auch direkt, sprühten immer öfter Funken, wo ich es vorher nie vermutet hätte.

Doch das Wichtigste war, dass ich wieder lernte, mich selbst zu lieben und ich mich als facettenreiche Frau neu kennenlernte, die mehr ist als ihre Konfektionsgröße. Dass Rundungen und Kurven Geschmackssache sind. Und Ausstrahlung wichtiger. Ich bin ich und ich zeige mich, wie ich bin. Ich bin eine starke Frau mit Macken und Liebenswertem, wie jede andere auch. Und vor allem mit viel Humor - ohne den geht es im Dating-Dschungel nicht.

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