Wie es ist, einen depressiven Mann zu lieben

Depression kann Gefühle auffressen und eine echte Partnerschaft unmöglich machen. Beide Partner leiden, nur auf unterschiedliche Weise. Wie so eine Liebe aussieht, weiß Barbara Frank ganz genau.

Die Depression macht aus meinem Mann einen bösen Kerl

Depression ist hässlich. Depression macht alles grau und sinnlos. Wen sie in ihren Krallen hat, den lässt sie so schnell nicht los, dem nimmt sie selbst die Möglichkeit, sich gegen sie zur Wehr zu setzen.

Wenn einer eine Grippe hat, kann man ihm Essigwickel machen und Lindenblütentee zu trinken geben. Aber Depression? Im Internet findet sich viel Verständnis für Menschen, die an Depression erkrankt sind und Tipps, wie man sie bestmöglich unterstützen kann. Das ist auch richtig so. Und trotzdem kommen die Partner, die die Krankheit mittragen, viel zu kurz.

Ich will hier keine Konkurrenz aufmachen, wem es schlechter geht. Selbst depressiv zu sein und einen depressiven Partner haben sind zwei Dinge, die man einfach nicht vergleichen kann. Und ich kann nur als jemand sprechen, der in einer Beziehung mit einem Partner und seiner Depression steckt.

Depression nimmt dem Mann, den ich liebe, seine Liebe zu mir und macht aus ihm einen bösen, gemeinen Kerl, der mich wegstößt, wenn ich versuche, für ihn da zu sein. 

"Das ist nicht er, das ist die Krankheit", sage ich mir wieder und wieder. Ich muss es oft wiederholen, damit ich mir glaube. Klar könnte ich mich trennen, aber ich habe nicht vergessen, dass irgendwo unter dieser dicken Schicht aus Traurigkeit, Teilnahmslosigkeit und Kälte der Mensch steckt, dem ich vertraue und den ich liebe. Ich will und kann ihn nicht alleine lassen. Aber der Preis ist hoch.

Keine Pläne, keine lieben Worte

Kein liebes Wort über Wochen hinweg. Hilfsangebote, die verächtlich abgewiesen werden. Man muss lernen, mit viel, mit sehr viel Abweisung zurechtzukommen. Man muss seine Vorstellungen von einer glücklichen Beziehung fallenlassen und durch neue Definitionen von Glück ersetzen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht so läuft, wie man es sich ausgemalt hat, ist hoch.

Man wird versetzt, weil der Partner keine Kraft hat, aufzustehen. Wenn man anruft, besorgt, nicht mal mehr sauer, dann wird man an die Mailbox geraten, weil der Partner keine Kraft hat, zu telefonieren. Man ist sehr oft allein in so einer Beziehung.

Pläne kann man nicht machen, weil man nicht sicher davon ausgehen kann, dass der Partner zum geplanten Zeitpunkt zu Unternehmungen in der Lage ist. Selbst die Grundannahme einer Liebesbeziehung, nämlich, dass man sich liebt, ist nicht sicher.

Die Depression frisst Gefühle und macht, dass der Partner über längere Zeiträume hinweg einfach keine Gefühle für den anderen hat.

Immer stellt sich die Frage: "Habe ich ihn da reingeschubst?"

Depression kostet Kraft, auch denjenigen, der nur dabei zusehen kann, wie der geliebte Mensch leidet. Man hat keine Ahnung, was im Kopf des anderen vorgeht. Das Gefühl von Nähe und Verbundenheit verabschiedet sich. Man tappst so durch den dicken grauen Nebel, der sich ausgebreitet hat, und versucht, nicht noch mehr kaputt zu machen. Man will, wenn schon keine Stütze, so doch zumindest keine zusätzliche Belastung für den Partner sein. Aber man weiß nicht, wie man das machen soll. Und immer, immer stellt sich die Frage: War ich das? Habe ich ihn da wieder reingeschubst?

Ich habe keine Ahnung, wie man das besser machen kann. Ich bin nicht vom Fach und habe schon lange aufgegeben, die Dinge perfekt machen zu wollen. Solange ich nichts schlimmer mache, bin ich zufrieden. Man kann eigentlich nur warten, dass es vorbeigeht, und diese Zeit muss man nutzen, um dafür zu sorgen, dass man selbst nicht daran kaputtgeht.

Mein Königsweg ist Ablenkung. Ich will nicht drüber nachdenken, ob es ihm mit einer anderen Partnerin weniger schlecht ginge, ob ich die Depression verstärke. Manchmal hilft mir Sport, manchmal Kinderfilme oder Bücher von Astrid Lindgren.

brauner und grauer Husky im Wald



Wichtig ist: Trotz der Krankheit ist der andere ein erwachsener Mensch, dessen Bedürfnisse und Entscheidungen man ernst nehmen muss, egal, wie schmerzhaft sie sind. Es mag ihm schlecht gehen, aber er ist nicht unmündig. Ich muss darauf vertrauen, dass er sich meldet, wenn er mich braucht. Diese Entscheidung kann und darf ich nicht für ihn treffen.

Eine Depression kann die Beziehung auch stärken

Das Gute ist: Je nachdem, wie man es angeht, kann eine depressive Episode auch stärken, sowohl mich als auch die Beziehung. Schließlich ist es wieder eine Krise, die wir als Paar zusammen durchgestanden haben. Und ich lerne, wenn auch auf die harte Tour, seine Trübsal nicht als meine anzunehmen. Das ist schwierig, denn ich würde mich als sehr feinfühlig bezeichnen.

Aber je länger man dranbleibt, desto einfacher wird es. Ich lerne auch, Zeit alleine zu verbringen. Ich werde egoistisch, weiß, was mir in meiner Zeit ohne ihn guttut. Ich weiß, dass ihm nicht damit gedient ist, wenn ich während seiner depressiven Episoden sehnend und sorgend im stillen Kämmerlein warte. Also passe ich auf mich auf, kümmere mich um mich und sorge für mich, statt mich um ihn.

Ich als Außenstehende habe Wahlmöglichkeiten. Sehr lange habe ich meinen Partner und mich selbst bemitleidet und vielleicht tatsächlich manches schlimmer gemacht. Erst vor Kurzem habe ich begriffen, dass es meine Entscheidung ist, ob ich mich von einem Problem bremsen lasse oder ob ich es irgendwie für mich nutze. Also versuche ich jetzt, ein für mich gutes Leben zu führen. Eines, das warm ist und schön und an dem er gerne teilnimmt, wenn er wieder kann. Willkommen ist er immer.

Irgendwann ist die Episode vorbei und der Mensch, den ich liebe, taucht wieder auf und ist glücklich, dass ich noch da bin. Und alles, was ich tun kann, ist eigentlich, die guten Momente zu sammeln wie Frederik die Maus, um mich daran zu laben und zu wärmen, wenn es wieder Winter wird.


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