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Wir sollen "Superwoman" sein – wie soll das gehen!?


Wie wollen wir leben? Leserin Wiebke Bargstedt (21) machen die widersprüchlichen Anforderungen zu schaffen, die an Frauen gestellt werden.

Wir sind so frei wie nie zuvor, oder?

Wiebke Bargstedt (21) ist auf einem Obsthof im Kehdinger Land großgeworden. Nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau zog es sie als Au Pair nach London. Zurzeit holt sie in Münster ihr Abitur nach.
Wiebke Bargstedt (21) ist auf einem Obsthof im Kehdinger Land großgeworden. Nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau zog es sie als Au Pair nach London. Zurzeit holt sie in Münster ihr Abitur nach.
© privat

Ein Kaffee, ein Stück Kuchen und die verzweifelten Sätze meiner Freundin waren an diesem Sonntag mein Nachmittagsprogramm. „Ich mache meinen Master, dann krieg‘ ich Kinder und was dann? Lohnt sich das? Danach gehe ich ja maximal noch Teilzeit arbeiten ... Ist es nicht vielleicht besser, wenn ich einfach eine Ausbildung mache?“

Die Fragen meiner Freundin, die im selben Dorf aufgewachsen ist wie ich, überraschen mich nicht. Aber nachdem ich das Thema bei einem unserer nächsten Treffen im Freundeskreis anklingen ließ, artete das Ganze in einer Art Selbsthilfegruppe aus.

Unser Problem: Die Medien sagen uns, dass wir moderne, erfolgreiche Frauen sein sollen. Das steht im Konflikt mit unserer Nachbarschaft, die uns am liebsten als aufopferungsvolle Mütter sieht. Zwischendurch fiel die Sprache auf Facebook, Instagram und Co., denn dort heißt es: Sei nicht so oder so, sei bitte alles zusammen.

Im ersten Moment konnte ich den Gewissenskonflikt meiner Freundinnen kaum verstehen. Ist es nicht so, dass wir Frauen heute so unabhängig und frei sind wie nie zuvor?

„We can do it“ - ach, wirklich?

Wenig später las ich in einem Frauenmagazin einen Artikel über „Businessfrauen.“ Im Fernsehen lief nebenbei ein Beitrag über Spitzenpolitikerinnen mit mehreren Kindern. Auf Instagram sah ich den Afterbabybody irgendeines Models, bei dem ich mich fragte, ob da jemals ein Kind drin war. Und am Ende des Tages hatte in meinen Facebook-Neuigkeiten der Post die meisten Likes, wo Leonie nach ihrem Vollzeitjob, Fitness-Workout, Hausputz und dem Kinder-ins-Bett-bringen ihrem Mann noch ein Drei-Sterne-Menü zauberte, wovon sie natürlich ein Foto mit aufgelistetem Tagesablauf und der Message „We can do it“ hochgeladen hatte.

Unser Umfeld will, dass wir Hausfrauen sind; die Gesellschaft erwartet, dass wir beruflich voll durchstarten und uns selbst verwirklichen. Und im Internet scheint das Gerücht zu kursieren, dass Frauen Übermenschen sind. Wir haben nun das zweifelhafte Glück, uns entscheiden zu dürfen, wem wir es recht machen. Das alles führt dazu, dass wir unsere Art zu leben immer wieder in Frage stellen.

Klar ist nur eines: Wir sollen alles sein

Wir dürfen zwar alles, spüren aber die gesellschaftliche Axt im Nacken und laufen dann doch lieber nicht in Richtung Ziel. Es ist wie mit der Tafel Schokolade... klar dürfen wir sie essen, aber dafür müssen wir dann aufs Abendbrot verzichten und zwei Stunden aufs Laufband. Oder eben damit leben, dass die Nachbarn sagen: „Gott, ist die dick geworden. Als Frau sollte man sich ja nicht so gehen lassen, kein Wunder dass ihr der Mann weggelaufen ist. Und überhaupt, der musste sich ja auch immer selbst sein Brot schmieren, weil sie auch noch Vollzeit arbeiten geht. Die feine Studierte.“

Auch die Sätze meiner Freundinnen resultieren aus dem Widerspruch meiner Generation: Wir sind mit einem uralten Frauenbild aufgewachsen, das sich mit dem Gedankengut von Feministinnen vermischt.

In all dem Chaos gibt es offenbar eine klare Vorstellung von dem, wie wir Frauen sein sollen: Superwoman. Wenn es dann an die Umsetzung dieses zweifelsohne anspruchsvollen Projektes geht, scheitern wir nicht nur an der Freiheit, sondern auch an den überkommenen gesellschaftlichen Normen, die uns vermeintlich Sicherheit geben. Es sind die sicheren alten Werte im Kontrast zu den vielversprechenden neuen Werten, die uns unter Druck setzen.

Wir Frauen befinden uns tagtäglich in Widersprüchen

Es ist wie mit dem Korsett... Als es aus der Mode kam, haben wir uns schnell in figurformende Höschen gezwängt. Sicher ist sicher! Und ja, es gibt Tage, da ist figurformende Wäsche (und in manchen Situationen auch ein gut geschnürtes Korsett) etwas Schönes. Aber sein wir ehrlich: Es macht das Leben um einiges entspannter, durchatmen zu können. Und die Frauen sind ja nicht auf die Straße gegangen, damit wir heute denken, wir müssten es irgendjemandem recht machen.

Familie oder Karriere, schön sein oder ernst genommen werden, oder doch alles gleichzeitig. Wir Frauen befinden uns tagtäglich in Widersprüchen. Klar, wir sind toll, aber wir sind auch nur Menschen. Obwohl die Fähigkeit zum Multitasking uns angeblich in die Wiege gelegt wurde, gibt es Grenzen des Machbaren, die wir schon unserer Gesundheit zuliebe nicht überschreiten sollten.

Und vielleicht sollten wir nicht mehr die Seite von „Perfect Mom“-Leonie bei Facebook abonnieren, damit sie uns unsere tägliche Dosis an „Du bist nicht super genug“ unter die Nase reiben kann.

Aber was sollen wir tun? Wir waren halt alle mal Mädchen, denen gesagt wurde, wenn man nur hart genug arbeitet, kann man alles schaffen und zur Belohnung kommt irgendwann jemand vorbei und setzt einem ein Krönchen auf.

Meinen Freundinnen habe ich gesagt, dass sie nicht in zehn Räumen gleichzeitig sitzen können, und dass das ganz normal ist. Aber dass es gut ist, sich die Türen einen Spalt offen zu halten und den einen oder anderen Raum mit Hilfe einer Zwischentür zu verbinden. Und wenn es den Menschen in ihrem Umfeld deshalb zu kalt wird, sollen die sich gefälligst was Dickeres anziehen.


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