Lieblose Kindheit: "Der Gedanke an den Tod meiner Eltern lässt mich kalt"

Die alten, kranken Eltern pflegen? Käme für Ada Salgowski* nicht infrage. Zu sehr schwingt 
ihre lieblose Kindheit in ihr nach.

Wann immer ich dieser Tage mit Freunden zusammensitze, sind wir ganz schnell bei einem Thema angelangt: Die Eltern schwächeln, es geht aufs Ende zu. Vielleicht nicht morgen, vielleicht doch morgen - oder aber erst in 20 Jahren.

Manche der Freunde sind schon zum Pflegen unterwegs, rackern sich ab, haben kein eigenes Leben mehr. Wenn die dann traurig werden im Gespräch oder sogar weinen, sitze ich dabei wie ein Stück Holz. Ich würde sie gern trösten
 und ihnen offenbaren,
 dass auch mich Verlustängste quälen, doch 
das wäre eine Lüge
. Selbst Anteilnahme für
 ihren Kummer kommt mir manchmal schon wie eine solche vor.

Es rührt sich nichts in mir

Ich bin ein empathischer Mensch, ich habe ein großes Herz und gehe weder zum Heulen noch zum Lachen in den Keller. Doch beim Gedanken an den Abtritt meiner Eltern rührt sich nichts in mir.

Nur manchmal sticht ein Quäntchen Neid. Denn natürlich würde auch ich meine Erzeuger lieber mögen, als für sie zu fühlen wie ein toter Fisch. Ein Kind will seine Eltern immer lieben, und nichts braucht es zum eigenen Gedeihen mehr als deren Gunst.

Aber ich habe nie erfahren, wie es ist, sich an den Busen seiner Mutter oder in die Arme seines Vaters zu flüchten, um dort Schutz zu finden, Trost fiel aus in meinem Leben. Dafür gab es jede Menge Erniedrigung und Schläge vom Vater, oder es schwieg mich - ohne Angabe von Gründen - eine kalte Mutter an.

Ein braves und strebsames Kind zu sein, genügte nie, da konnte ich mich noch so mühen: in der Schule, beim Putzen zu Hause, beim Aufpassen auf die Geschwister.

Als ich 19 war und sich die Eltern scheiden ließen, war ich heilfroh. Bis heute habe ich noch eine rudimentäre Angst vor ihnen, bis heute existieren große Teile des Gefühls von Minderwertigkeit. Ein Erbe, auf das ich gern verzichtet hätte.

Ich lernte, mit dem Loch im Herzen klarzukommen

Und schleppte ich dieses Liebesloch im Herzen nicht in alle meine Beziehungen? Unbewusst verlangte ich von meinen Männern, mir all die Liebe nachzuliefern, die ich initial so sehr vermisst hatte. Ich war so unersättlich, das konnte der beste Mann nicht leisten.

Ohne Therapie hätte ich nie gelernt, zu verstehen, zu akzeptieren und mit dem Loch im Herzen klarzukommen, denn das Fehlen einer solchen Ursprungsliebe verheilt nie, da braucht sich keiner etwas vorzumachen.

Meine Eltern rufe ich heute zweimal an im Jahr, über uns reden wir dann nie. Wut, Hass und Kontaktabbruch haben mir nichts gebracht, ich habe mich nur selbst damit belastet, die Alten sind sich bis heute keiner Schuld bewusst. Ein Halbsatz der Reue hätte mir enorm geholfen, nur kam er nie. Nur halbherzig, von meinem Vater.

Die Eltern stammen aus einer Generation, die Dinge ungern hinterfragt, Therapeuten sind für sie nur Irrenärzte. Und das eigene Leben infrage stellen, weil das Kind sich schlecht behandelt fühlt? Das kommt mit Mitte 70 auch nicht mehr infrage. Lieber kommen sie sich und anderen mit dem Totschlag-Argument: Was will sie denn, ist doch was aus ihr geworden! Kann ja so schlimm nicht gewesen sein bei uns. Doch, war es.

Meine Eltern haben nichts gesät, was sie ernten könnten

Manchen Freunden gegenüber kann ich offen sein, mein Liebesleck betreffend, sie versuchen zu begreifen, doch verstehen sie es auch? Kein Herz für den Tod der eigenen Eltern? Geht das überhaupt, ja, darf man das? Steckt nicht seit Jahrtausenden in unseren Genen dieses "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren"? Freilich mit dem Subtext: Egal, wie es dir erging bei ihnen? Sind doch die Eltern.

Ja, aber in meinem Fall waren es welche, die in meinem Hirn nur einen Horrorstreifen hinterließen. Sie haben nie etwas gesät, was sie jetzt ernten könnten. Es rührt sich einfach nichts in mir.

Zwar kann ich ihnen heute ohne Zwist im Herzen dafür dankbar sein, dass sie mir das Leben gaben, ein passables Aussehen, so was, aber mehr Gefühle sind nicht drin. Und ich werde diese auch nie vorschützen, um dem Anspruch fremder Leute zu genügen. Ich wünsche meinen Eltern gute letzte Jahre - mehr Zuwendung bin ich nicht schuldig. Tausende Male habe ich meine Emotionen abgegrast, mehr lässt sich nicht herausholen meinerseits. Auch nicht "für die Nachbarn", nur um als gute, große Tochter dazustehen.

Ich werde also keinen von ihnen pflegen oder mich anderweitig kümmern. Selbst wenn der Staat mich dazu zwingen will. Das tut er sowieso, denn finanziell ist kein Entkommen, siehe Elternunterhalt. Das empfinde ich als ungerecht. Eine Ursprungseinzahlung ist nicht erbracht worden von den Erzeugern, aber das Kind muss doppelt zahlen. Dem werde ich mich so weit verweigern, wie es möglich ist. 

Eine lieblose Kindheit - wie im Gefängnis

Und auch sonst: Ich werde meinem Vater nie die Windeln wechseln, meiner Mutter nie den Sabber von der Backe putzen, ich werde nichts dergleichen tun. Weil niemals das "Elternwohl" mein Antrieb wäre, Mitgefühl, Barmherzigkeit. Ich würde es als Verdonnerung empfinden, als schweren Ballast. Und ich will nicht, dass sich Last und Anstrengung des Pflegejobs darin entladen, dass mir am Ende so was wie "späte Rache" vorschwebt.

Ich will keine Tochter sein, die Muttern dann rumschubst oder ihr eine knallt, nur, weil sie sich nun nicht mehr wehren kann. Und weil es keiner sieht. Weiß doch jeder, wie nervenzehrend selbst die Pflege geliebter Elternteile sein kann, selbst diese zeigen als Kranke und Sieche oftmals Garstigkeit. Damit können vielleicht gerade noch Kinder dealen, die mit dem Glanz im Auge ihrer Eltern aufgewachsen sind.

Ich habe nie irgendwelchen Glanz gesehen, ich fühle nur Frieden, wenn ich Abstand halte.

Und ich habe Frieden verdient, nachdem der Start ins Leben ein Gefängnis war.

Einst sah ich einen Dokumentarfilm, der von ähnlich vernarbten Menschen wie von mir erzählte. Es ging um Erwachsene, deren Eltern, die Angstfiguren ihrer Kindheit, nun hinfällige Greise waren, abhängig von ihren Kindern.

Und diese Kinder schienen sich nur aus einem Grund zu kümmern: Es war ihre einzige und letzte Chance zur Rache. Den Eltern endlich heimzuzahlen, was sie einst verbrochen hatten. Jetzt waren sie die Bestimmer, das Blatt hatte sich gedreht. Sie schikanierten ihre Alten nach Strich und Faden, ein Szenario, das mich erschreckte, das eher Mitleidsgefühle für die Bestraften bei mir generierte. Ich will vermeiden, dass es auch so kommt bei mir.

Bis zum Ende wird ungeklärt bleiben, wieso die Eltern so handelten

Ich habe andere Menschen in meinem Leben, bei denen mir der Gedanke an Verlust die Kehle zuschnürt. Bei denen ich mir vorstellen kann, am Ende da zu sein für sie. Ihnen die Hand zu halten, sie zu füttern, ihnen vorzulesen.

Und werde ich wenigstens bei der Beerdigung von Mutter oder Vater nicht wie ein Stück Holz dastehen, werde ich weinen? Wenn, dann nur darum, dass wir es nicht besser miteinander hatten.

Ada Salgowski ist ein Pseudonym. Die Autorin hat lange mit sich gerungen, unter ihrem Namen zu schreiben, sich dann aber dagegen entschieden.

Brigitte 13/2018

Wer hier schreibt:

Ada Salgowski
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