... und zack da bist du süchtig!

Die Angst vor der Angst trieb Gesa Blank in die Medikamentensucht. 25 Jahre konnte sie nicht ohne ihre Pillen überleben. Doch dann entschied sie sich für das Leben.

Gesa Blank, 48 J. , erwerbsunfähig und bis vor 4 Jahren medikamentenabhängig. Dank des Entschlusses sich einem monatelangen Entzug zu stellen, lebe sie heute freudig ein zwar nicht einfaches, aber sehr glückliches Leben. Momentan beschäftiget sie sich damit, ihre Leidensgeschichte und die Zeit des Entzuges zu Papier zu bringen.

„Nein, da können wir auf die Schnelle keine Abhilfe schaffen. Da müssen wir erst einmal medikamentös entgegenwirken. Eine begleitende Gesprächstherapie wäre sicherlich bei ihren Angst- und Panikattacken von Vorteil, aber ein angstlösendes Medikament sollten Sie auf jeden Fall erst einmal einnehmen. Und Sie werden sehen, Sie werden sich schnell viel besser fühlen, sehr viel besser.“

Ich höre die Sätze meines damaligen Hausarztes noch ganz genau und ich war froh, dass mir endlich jemand eine Lösung meines Problems aufzeigte. Und wie einfach diese Lösung war.

Einmal am Tag eine Tablette schlucken, okay, wenn es dann ganz arg wurde auch mal zwei Pillen und schwupps, sollte ich keine Angst mehr haben – herrlich. Das Grandiose: Die Rechnung ging auf und ich war nach langer Zeit endlich wieder angst- und panikfrei. Das Leben hatte mich wieder und ich hatte das Leben wieder. Danke, lieber Herr Doktor. Der Himmel hat sie zum rechten Zeitpunkt geschickt.

Das war Ende der 80er Jahre. Eine Zeit, in der die Problematik der Angst -und Panikstörung noch nicht in jeder Zeitung thematisiert wurde. Im Gegenteil, ich fühlte mich allein mit dieser Erkrankung, mutterseelenallein. Niemand den ich kannte, hatte auch nur annähernd von derartigen Ängsten berichtet.

Angst, die einen von jetzt auf gleich übermannte. Die einem die Luft zum Atmen nahm. Angst, sterben zu müssen – auf der Stelle. Kein Entkommen, das Herz rast, der Puls ist kaum noch messbar. Schweißausbrüche, Angst, im nächsten Moment umzukippen. Angst, verrückt zu werden.

Auf in ein angstfreies Leben

Mit dem mir verschriebenen Medikament ausgerüstet, machte ich mich von nun an auf in ein angstfreies Leben. Dabei bemerkte ich nicht, dass ich mich gleichzeitig in ein abhängiges Leben begab und die Angst damit wieder zu mir zurückkehren sollte.

Langsam, fast unmerklich, schlitterte ich in die Sucht. Zu keinem Zeitpunkt hinterfragte ich dabei meinen Medikamentenkonsum. Anfangs schluckte ich brav nach Verordnung des Arztes diese kleinen Wunderpillen. Aber als dann die Angst- und Panikattacken trotz Einnahme der Tabletten wieder zurück kamen und auch noch gewaltiger denn je, erhöhte ich peu à peu die Dosierung.

Während der folgenden 25 Jahre gab es keine sonderlichen Schwierigkeiten meine Medikamente verschrieben zu bekommen. Das eine oder andere Mal musste ich mich vielleicht erklären, weshalb mein Medikamentenbedarf so hoch war. Aber nie wurde seitens meiner Ärzte angeraten, die Dosierung langsam nun doch einmal zu senken. So bemerkte ich weiterhin nicht, in was für einer Abhängigkeit ich mich schon lange befand.

Mein Arzt war mein persönlicher Dealer

Mein Arzt war so etwas wie mein legaler Dealer. Ich musste mich nicht auf Bahnhöfen herumtreiben, um an meinen Stoff zu kommen. Ich musste mich nicht jeden Tag in ein anderes Lebensmittelgeschäft begeben, damit ja nicht auffiel, dass ich mir schon wieder Wodka, Korn oder dergleichen kaufen musste. Ich ging zum Arzt, bekam mein Rezept und fertig – ganz einfach.

Die Panikstörung hatte sich mittlerweile in allen Bereichen breit gemacht. Ambulante Gesprächstherapien sowie stationäre Aufenthalte in psychosomatischen Kliniken standen auf der Tagesordnung. Nichts half mir. An die Ausübung meines Berufes war nicht mehr zu denken und so erhielt ich seit ein paar Jahren bereits Erwerbsunfähigkeitsrente.

Mein Tagesablauf sah nun wie folgt aus:

Aufwachen – Angst vor den Ängsten des Tages. Weinen. Depressionen. Jeden Morgen griff ich in die neben dem Bett stehende Kommode, um mir im Halbschlaf eine Pille herauszufischen. Sie half mir, mir die Angst, die gleich nach dem Aufwachen auftauchte, zu drosseln.

Dann das Aufstehen. Immer wartend darauf, dass sich die Wirkung des Medikaments abschwächt, um möglichst schnell und bestenfalls vorbeugend, erneut eine Tablette einzunehmen, die die Angst wieder in den Griff bekam.

Schlafen – Eine zu hohe Dosierung der angstlösenden Medikamente macht müde, sehr müde. Folglich musste ich mich immer häufiger tagsüber hinlegen und schlafen, was zur Folge hatte, dass sich der Rhythmus Aufwachen – Aufstehen – Schlafen mehrmals am Tag wiederholte und die Einnahme der Angsthasentabletten sich ins Unendliche steigerte.

Die Ängste und vor allem auch die Sucht hatten mich voll im Griff und eine Besserung war nicht in Sicht. Ich musste mich entscheiden. Entweder weiter dahinvegetieren oder mich einem Entzug mit anschließender Entwöhnungstherapie unterziehen. Mittlerweile schaffte ich es, mit kurzen Unterbrechungen, in denen ich nur schnell Tabletten in mich hineinstopfte, 20 Stunden am Tag zu schlafen.

Der Entzug in all seiner Härte

Ich entschied mich für den Entzug. Ich durchforstete das Internet und bemerkte, dass es nicht allzu viele Informationen über den stationären Entzug bei Medikamentenabhängigkeit gab. Aber das war im Nachgang betrachtet mein Glück. Hätte ich gewusst, was alles auf mich zukommen würde, nie, aber auch nie hätte ich den Schritt gewagt.

Es gab kein langsames Ausschleichen, nur Medikamente gegen etwaige Krampfanfälle. Angst und Panik, hatten mich im Griff, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Linderung in Form von Akupunktur oder homöopathischen Mitteln gab es nicht.

Anders als beispielsweise bei einer Alkoholabhängigkeit baut der Körper die eingelagerten Giftstoffe viel langsamer ab, so dass der körperliche Entzug wesentlich länger andauert. Körperliche Schmerzen, wirre Gedanken, Ängste, Panik, Selbstmordgedanken, Angst, verrückt zu werden - sie begleiteten mich von nun an den ganzen Tag.

Die stationäre Therapie erstreckte sich über einen Zeitraum von 30 Wochen. Ich weiß nicht, wie viele Tränen ich in dieser Zeit vergossen habe. Ich weiß nicht, wie oft ich gefleht habe, es möge mir doch endlich besser gehen, da ich den momentanen Zustand einfach nicht mehr aushalten konnte.

Ich weiß nur, dass es sich gelohnt hat.

Die Angst ist zurück, aber händelbar

Nach 25 Jahren der Abhängigkeit kann ich heute endlich wieder klaren Kopf fassen. Ich bin nicht mehr in Watte gepackt, verschlafe die Tage nicht mehr, nehme alles um mich herum wahr.

Ängste bestimmen weiter meinen Alltag, mal mehr, mal weniger.

Ich habe erst jetzt nach dem Entzug gelernt, mit ihnen zu leben. Jahrelanges Unterdrücken der Ängste, hatte nur zur Folge, dass die Angst sich immer stärker bemerkbar machte und in mir zu explodieren drohte, wenn ich nicht zu einer immer höheren Dosierung meiner Medikamente gegriffen hätte.

Auch heute erhalte ich weiterhin Erwerbsunfähigkeitsrente. Die Medikamentenabhängigkeit ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Meine Panikstörung ist nach wie vor präsent. Ich bin nicht mehr belastbar, führe ein zurückgezogeneres Leben. Starke Konzentrationsschwierigkeiten und auch Wortfindungsstörungen erschweren den Alltag.

Aber, ich bin glücklich. Sehr glücklich. Bin dankbar, diesen Schritt gegangen zu sein, der mich aus der Sucht geführt hat, so steinig er auch war. Ich lebe wieder gern. Die Ängste sind ein Teil von mir, sie haben ihre Berechtigung, auch wenn sie mein Leben erschweren.

Wenn mein Leben weiter so sanft dahinplätschert, dann war der 05. September 2011 mein Aufbruch in ein neues Leben. Und ich danke mir sehr dafür.

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