"Ich stehe auf den wilden Zirkus und die Freiheit"

Diplomaten dürfen überall parken, verdienen gut und haben viele Privilegien. Ja, sicher, sagt Bianca Savcenco. Aber vor allem zögen Diplomatenfamilien ständig um - ob nach Marokko, Libyen oder Italien. Wie das "Nomadenleben" ihr Welt- und Selbstbild auf die Probe stellt, schildert die Diplomatenfrau in der Leserkolumme "Stimmen".

Bianca Savcenco, 38, Politikwissenschaftlerin und zweifache Mutter, momentan wohnhaft in Rom, zieht seit 15 Jahren mit ihrem Mann, einem Mitarbeiter des Auswärtigen Amts, um die Welt. Sie bloggt (einmalnomadeimmernomade.blogspot.de ) und schreibt Romane ("Sandsturm, Liebesstille. Tripolis 2011").

Wie ist es so, das Diplomatenleben? Alle paar Jahre umziehen und von vorn anfangen? Eins vorneweg: Ich schreibe aus der Perspektive einer MaP, so werden die Mitausreisenden Partnerinnen im Beamtendeutsch genannt. Diplomatengattin hört sich zwar glamouröser an, so steht es auch in meinem Pass, aber es schießt weit an der Wirklichkeit vorbei, zumal mein Mann keinen staatstragenden Posten bekleidet.

Also, wie ist es so, alle drei bis vier Jahre den gesamten Hausstand einzupacken und in einem fremden Land neu zu starten, mit einer neuen Sprache, neuen Schule, neuen Kontakten, kurzum, alles neu? Anstrengend. Normal. Aufregend, wenn man so exotische Länder wie Eritrea oder Libyen nicht nur bereisen, sondern auch bewohnen darf. Banal, weil einen dann doch überall der gleiche Alltag einholt mit Kindererziehung und Hausarbeit. Einsam, weil man von nie gekannten Fremdheitsgefühlen heimgesucht wird und man immer wieder um Fragen der Identität kreist: Wie sehr bin ich Deutsche, Christin, emanzipierte Frau? Und was bin ich darüber hinaus? Freigeist? Oder gar doch "diplomatic spouse"? Das Selbst- und Weltbild wird auf die Probe gestellt.

Ich habe beispielsweise festgestellt, dass ich trotz ausgesprochener Abenteuerlust weit weniger anpassungsfähig war als erwartet: Die Kleidervorschriften und die Stellung der Frauen in Libyen haben mich dauerhaft erzürnt und gereizt, obwohl ich wusste, auf was ich mich einlasse. Gleichzeitig fühlt man sich auf der ganzen Welt zu Hause, mit jedem Jahr mehr, das man im Ausland verbringt. Ich verstehe die kulturellen Codes vieler Länder, habe Freundschaften geschlossen zu anderen Expats (so werden die modernen Nomaden genannt, die aufgrund ihrer Arbeit für internationale Firmen oder Organisationen im Ausland leben) und fühle mich ihnen verbunden: Wenn ich wissen will, wie sich die Ebola-Angst in Westafrika anfühlt, frage ich eine Freundin in Ghana. Über die haarsträubenden, gesellschaftlichen Konventionen in Indien berichtet mir ein dort lebender (deutscher) Freund.

Das Nomadenleben ist inspirierend. Ich liebe Neuanfänge und bin ausgesprochen offen; das ist wohl eine gute Voraussetzung. Wenn ich in einem fremden Land ankomme, sauge ich alles, alles in mir auf. Die trockene, harte Luft von Sanaa, die in der Nase brennt. Das schmerzhaft helle Tageslicht der Sahara. Den Geruch von frisch geerntetem Kakao, wenn man in der Côte d'Ivoire übers Land fährt: pudrig und schwer. Den Anblick schwarzer Abayas (Kutten) in Libyen und bunter Djellabas (Kutten) in Marokko.

Ich versuche so unendlich langsam zu laufen wie die Frauen in Abidjan und beobachte, mit welchem herablassenden Gestus die libyschen Männer ihre Autos volltanken lassen. Ich lerne die Landessprache, ich lese Romane der wichtigsten Autoren, esse auf der Straße (was nicht immer gut geht) und gehe in die schäbigsten Ecken (was auch nicht immer gut geht, aber auch noch nie richtig schlimm ausgegangen ist). Ich trinke selbst gebrauten Honigwein (= Durchfall) bei der Familie unserer Putzfrau in Asmara, und ich gehe in die großen, kalten, rundum kunstvoll gefliesten Häuser der Reichen in Rabat. Ich will das Land spüren, in dem ich lebe, ich kann es nur verstehen, wenn ich es nahezu körperlich erfahre; und wenn mich eine große Atlantikwelle sekundenlang unter Wasser drückt, weiß ich, dass ich an dieser Stelle Respekt haben muss vor dem Meer. Und wenn ein machtbewusster Großkopferter in Marokko mir die Parklücke oder das letzte Croissant wegschnappen will, weiß ich, dass ich mich nur größer aufplustern muss als er, um mich durchzusetzen.

Das ist natürlich auch Typsache, aber für mich sind die stetigen Neuanfänge elektrisierend: Der Zauber, der jedem Anfang innewohnt, ist mein Lebenselixier. Und hilft, die Steine vom Herzen wegzurollen. Wenn man traurig darüber ist, schon wieder Freunde zurückgelassen zu haben. Wenn man sieht, wie die Kinder darunter leiden. Oder frustriert ist über den (andauernden) Verzicht auf eine eigene Berufstätigkeit. Was mich empörte, war jedoch weniger die fehlende (vergütete) Arbeit, sondern mehr die mangelnde Anerkennung der Leistungen einer Hausfrau und Mutter und das Abgelegtwerden in der untersten, uninteressantesten sozialen Schublade. Etikett: lahm und unemanzipiert. Damals hatte ich noch nicht die Chuzpe, auf Empfängen auf die Frage nach dem Job nicht etwas von Familienmanagerin zu stammeln, sondern so zu antworten wie die elegante Ehefrau eines Kollegen, die routiniert, mit Grandezza und erstauntem Blick konterte: "Do I look like I'm working?"

Wir sind privilegiert: leben oft in schönen Häusern mit großen Gärten; mein Mann hat ein gutes Einkommen, die Kinder wachsen mehrsprachig auf. Ich kann mit meinen CD-Kennzeichen tatsächlich (fast) überall parken und hinfahren. Dafür müssen wir uns mit Problemen herumschlagen, die sich in Deutschland nicht mal Hartz-IVEmpfänger hätten träumen lassen: teils verheerende Wasserrohrbrüche (Eritrea, Marokko), mehrfach geplatzte Abwasserrohre (Türkei), tagelang kein Strom (Eritrea, Libyen), wochenlang kein fließendes Wasser (Eritrea, Türkei), gefährliche Krankheiten (Typhus und mehrmals Malaria bei meinem Mann, Elfenbeinküste) und eine praktisch nicht-existente medizinische Versorgung (Eritrea). Wenn ich dann noch die Evakuierung aus Libyen drauf setze, bei der wir über Nacht die Koffer packen, unser Haus in Tripolis verlassen mussten und nicht wiederkehren durften, ist es vorbei mit jedwedem möglicherweise aufgekommenem Neid. Warum ich den wilden Zirkus trotzdem noch mitmache? Ich könnte jetzt antworten: Ich kann ja schlecht weg. Durch meinen Mann habe ich mich an seinen Beruf gebunden. Ich kann aber auch antworten: Ich stehe auf den wilden Zirkus und die Freiheit, die er mit sich bringt. Die Freiheit, das Leben immer wieder aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können.

Und die Kinder? Die kennen es nicht anders. Im Moment lernen sie Italienisch.

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