"Auf ewig dankbar": Mein Leben mit einem Spenderherz

BRIGITTE.de-Leserin Katrin Laugsch (44) hatte das große Glück, ein Spenderherz zu bekommen. Hier erzählt sie, wie sich das anfühlt.  

Das Glück meines Leben: ein Spenderherz

Im Alltagsrausch ziehen viele Momente an uns vorüber und sind gleich schon wieder Vergangenheit. Jedem Moment nachzutrauern wäre verrückt, und natürlich käme niemand auf diese Idee. Nur manchmal halten wir einen besonderen Moment im Bild fest, um diesen nun wirklich nicht zu vergessen. 

Und was, wenn es auf einmal nur auf diesen einen, diesen ganz speziellen Moment ankommt? Einen Moment, von dem ich nicht wusste, wann er kommen würde, ich aber darauf vertrauen musste, dass es ihn eines Tages geben würde?!

Ich habe 2017 den Moment meines Lebens gehabt. Mein Glück war gleichzeitig das größte Leid eines anderen. Wir sind auf ewig verbunden und ich verspüre den Wunsch, daran zu erinnern, dankbar zu sein und meine Stimme zu erheben für diejenigen, die ebenfalls auf diesen Moment warten.

2017 habe ich ein Spenderorgan erhalten, ein Herz. Sieben Monate hatte ich auf diesen Moment gewartet: geduldig, demütig, verzweifelnd, hoffend. Ich habe im Krankenhaus gewartet, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, immer. Ich habe in diesem Krankenhaus gelebt. Ich habe Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Verzweiflung mit anderen Wartenden geteilt. 

Wir Wartende waren füreinander da, haben uns gestützt in dieser Ausnahmesituation, haben versucht, die Familie zu ersetzen, zuzuhören, zu hoffen und zu vergessen. Wir haben zusammen gelacht, geweint und uns gefreut, wenn einer von uns den ersehnten Moment erleben durfte.

Ich war nicht allein - und doch wartete jeder für sich. 

Zurzeit wird wieder viel über die Organspende in Deutschland gestritten. Fest steht, dass es zu wenige Organe gibt, beziehungsweise zu viele Menschen, die ein Organ dringend brauchen. Sie brauchen diese Organe, weil sie krank sind. Sie können oft nichts dafür, sie haben ihre eigenen Organe nicht schlecht behandelt, sie hatten einfach Pech. 

Ich hatte auch Pech. Ich habe nicht gemerkt, dass sich eine Lungenentzündung auf meinen Herzmuskel gelegt und ihn geschädigt hat. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr so, wie es war. Plötzlich nahm ich nicht mehr an meinem Leben teil, war nur noch Zuschauerin, weg vom Fenster.

Wie durch eine Scheibe sah ich meiner Familie, meinen Freunden und meinen Bekannten beim Leben zu. 

Was wäre, wenn ich kein Organ bekäme? Was wäre, wenn ich die Operation nicht überlebte? Was wäre, wenn ich mein altes Leben nicht mehr leben könnte? Natürlich ist es egoistisch, so zu denken – aber der Wille zum Überleben steckt in uns allen. Jeder will leben, jeder hat Träume, jeder hat Ziele, jedes Leben ist lebenswert. Ich will dabei sein, wenn mein Sohn erwachsen wird, Erfolge feiert, seine Träume verwirklicht. 

Ich habe Wartende leiden sehen, physisch und psychisch. Mancher hat mit seinem Schicksal gehadert und getrauert, dass es ihn oder sie getroffen hat. Warum mich und nicht einen anderen? Andere waren dafür zu schwach, weil der Körper schon von der Krankheit gezeichnet war, jeder Tag ein Kampf gegen die Uhr.

Leider haben es nicht alle geschafft, so lange zu warten, bis das ersehnte Organ da war. Sie sind gestorben, an ihrer Verzweiflung, der Krankheit oder beidem.  

Mein Herz fühlt sich nicht fremd an

Die Organe werden so vergeben, dass man das bekommt, das perfekt zu einem passt. Man konkurriert also nicht mit den anderen. Die Vergabe ist sehr streng geregelt und verläuft anonym über die unabhängige Institution "Eurotransplant", die dafür da ist, Spender und Empfänger zusammenzubringen. Ich kenne die persönlichen Daten meines Spenders nicht. Aber ich weiß, dass das ein toller Mensch war, denn er hat mir Leben geschenkt, das ultimative Geschenk! 

Mein Herz fühlt sich nicht fremd an, ich habe keine Träume, keine Vorahnungen oder Gewissensbisse. Niemand wird gezwungen, seine Organe zu spenden. Der Tod eines geliebten Menschen ist tragisch, aber ich finde die Vorstellung tröstlich, Leben zu schenken. Ein Stück dieses Menschen lebt in mir weiter. Ich hätte seinen Tod nicht verhindern können. Aber ich habe von seiner grenzenlosen Selbstlosigkeit und Nächstenliebe profitiert. Dafür bin ich ewig dankbar.

Die Autorin: Katrin Laugsch ist verheiratet, hat einen 12-jährigen Sohn und lebt in Berlin. Nach ihrer Herztransplantation kann sie ihr Leben wieder normal führen. Das hat sie einem großartigen Menschen zu verdanken, "dem sie jeden Moment ihres Lebens widmet", wie sie sagt.

"Auf ewig dankbar": Mein Leben mit einem Spenderherz

Lies auch

Mach mit: Auch deine Geschichte ist gefragt!

VIDEOTIPP: Frau streichelt das Gesicht ihres verstorbenen  Mannes

Frau streichelt Gesicht des verstorbenen Mannes an Organspende-Empfänger

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.