Mein Leben mit meinem psychisch kranken Bruder

Der Bruder von BRIGITTE.de-Leserin Jana* ist psychisch krank und kommt nicht alleine klar. Was macht das mit dem eigenen Leben?

Der Beginn einer Odyssee

1999 war für mich ein Jahr der Umbrüche. Aber ich wusste noch nicht, dass es auch der Beginn einer endlosen Odyssee werden würde.

Ich kam frisch verheiratet, glücklich und strahlend von Hawaii zurück. Am nächsten Tag fand ich mich bei tristem Winterwetter im ICE Richtung Braunschweig wieder. Dort war mein Bruder in die Psychiatrie eingeliefert worden.

Wie konnte es soweit kommen?



Mein jüngerer Bruder war schon immer das „schwarze Schaf“ der Familie gewesen. Zweifelsfrei intelligent, sogar nachgewiesenermaßen hochintelligent. Aber er hat es leider nie geschafft, seine Stärken für sich und andere gewinnbringend einzusetzen.

Gewisse Suchttendenzen ließen sich bei ihm schon in der Kindheit ausmachen. Er fing früh an zu rauchen, und mit 16 begann seine Kifferkarriere, die sich in eine Techno-Raver-bunte-Pillen-Einschmeiß-Karriere steigerte. Diese Gewohnheiten, gepaart mit einem verschobenem Tag-Nacht-Rhythmus und einem hohen Kaffee-Konsum, führten in einer Krisensituation dazu, dass offenbar einige Synapsen bei ihm durchbrannten.

Mein Bruder hatte meinen Vater geschlagen

Mein Bruder hatte seine erste große Liebe dabei erwischt, wie sie mit einem Kumpel knutschte und fummelte. Danach tauchte er bei unserem Vater im Büro auf, beschuldigte ihn diverser Erziehungsfehler und machte ihn für alle möglichen Dinge verantwortlich, die in seinem Leben schief liefen. Dann holte er aus und schlug ihm ein blaues Auge.


Anschließend setzte er sich in psychisch grenzwertigem Zustand ins Auto und fuhr nach Braunschweig zu Freunden. Einer davon erkannte glücklicherweise, wie brenzlig die Lage war, und konnte meinen Bruder davon überzeugen, sich in eine Psychiatrie zu begeben.
 Zurück blieben unsere völlig überrumpelten, irritierten, verängstigten und verständnislosen Eltern.

Es gibt immer wieder Rückfälle

Und so saß ich im Zug, um ihn zu besuchen. Es wurde ein denkwürdiges Ereignis. So elend hatte ich meinen Bruder noch nie gesehen: kreidebleich, abgemagert und mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Auch die Umgebung hat sich bei mir eingebrannt: Sein Zimmerkollege, der mir sagte, dass er weitermachen wird mit den Drogen, sobald er entlassen ist, litt unter einer schizophrenen Psychose. Auch an die anderen Fälle von schweren Psychosen musste ich mich erst einmal gewöhnen.

Und das war erst der Auftakt für viele weitere Aufenthalte meines Bruders in Psychiatrien. Ein paarmal noch hat er gekifft, bunte Pillen eingeworfen und sehr oft eigenmächtig die Medikation abgesetzt. Mit promptem Rückfall.

Es war ein jahrelanges Auf und Ab der unterschiedlichen körperlichen und geistigen Zustände und eine Odyssee für unsere Eltern. 
Nachdem die schlimmste Krise vorbei war, hatte auch unsere Mutter eine depressive Episode zu verkraften. 



Man kann mit kaum jemandem darüber reden

Es gibt nicht allzu viele Leute, mit denen man über solche Themen sprechen kann, und von denen man verstanden wird. Psychische Erkrankungen werden immer noch vielfach tabuisiert.

Seit dem Selbstmord des Fußballers Robert Enke ist in puncto Depression zwar einiges ins Rollen gekommen, für Schizophrenien gilt das jedoch noch lange nicht. Wirklich gut über meinen Bruder reden kann ich nur mit einer meiner engsten Freundinnen, die selbst eine manisch-depressive Schwester hat.

Was macht das mit dem eigenen Leben? 



Man versucht, den eigenen Eltern, die es ja schon schwer genug haben, nicht auch noch zur Last zu fallen. Dabei kommt man leider gelegentlich selbst zu kurz.

Bei meiner Freundin hat das dazu geführt, dass sie im entscheidenden Moment ihres Lebens nicht den Druck ihrer Eltern bekam, den sie gebraucht hätte, um die Schule fortzusetzen und Abitur zu machen. Das Zeug dazu hätte sie gehabt. Aber die Eltern waren so auf die Dramen mit der Schwester konzentriert, dass sie keine Kapazitäten übrig hatten.

Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als einen Otto-Normalo als Bruder zu haben

Ich wiederum habe inzwischen Familie und würde mir nichts sehnlicher wünschen, als einen Otto-Normalo als Bruder zu haben. Einen, der eine Otto-Normalo-Frau hat und von mir aus auch Otto-Normalo-Kinder. Die mit meinem Sohn spielen können.


Die Realität ist allerdings leider die, dass mein Bruder heute weitgehend von Ämtern abhängig ist und nicht für sich sorgen kann, geschweige denn für andere. Von Drogen hat er inzwischen glücklicherweise Abstand genommen, außer vom Rauchen.


Meine Eltern haben sich inzwischen damit abgefunden, dass hohe Erwartungen fehl am Platz sind. Wir alle mussten lernen, uns zu distanzieren, damit wir trotz der Misere unser eigenes Leben leben und auch glücklich sein können. Doch ein Wermutstropfen bleibt immer.

*Name geändert

Mein Leben mit meinem psychisch kranken Bruder

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