Meine Beziehung mit einem Narzissten – und wie ich zu mir selbst fand

BRIGITTE.de-Leserin Sonja (41) ließ sich auf einen Narzissten ein. Hier erzählt sie, wie sie sich erfolgreich aus der Beziehung gekämpft hat.

Sonja (41) lebt mit ihren beiden Söhnen und zwei Katern in Mönchengladbach. Sie liebt Gartenarbeit, tanzt Ballett und grillt gerne. Beruflich ist sie in einem großen Medizinischen Versorgungszentrum im Bereich Neue Medien und Kommunikation tätig.

Sind die Männer perfider geworden?

Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Jungs, wohne in einem Häuschen mit Garten, habe Freunde, einen Job und eine liebe Familie. Mein fährt, und mein Spliss hält sich in Grenzen.

Und trotzdem oder gerade deshalb: Die Partnerwahl gestaltet sich zunehmend schwierig. Je länger und öfter man in hoffnungslosen Beziehungen vor sich hin gehofft hat, um dann schließlich doch das Spielfeld zu verlassen, umso öfter, so scheint mir, kommen noch mehr hoffnungslose Fälle um die Ecke.

Leider nicht mehr so wie früher, wo man nach drei Dates gemerkt hat, „Hey, der hat doch einen Knall“. Mir scheint, die Männer sind perfider geworden.

Bei ihm hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein

Zunächst schleichen sie sich in dein Leben. Meinen „Letzten“ kannte ich vorher schon. Wir haben uns gut verstanden und nachdem eine katastrophale Beziehung von mir in die Brüche gegangen war, hat er sich an mich drangeklebt. Verständnisvoll, hilfsbereit, immer für mich da. Tag und Nacht hat er mir seine Hand gereicht, mich gelobt, mich unterhalten und gut gerochen.

Irgendwann dann der erste Kuss. Damit hat er mich endgültig rumgekriegt. Küssen ist das Tor zu mir. Kannst du das, nimm mich, kannst du das nicht (und es ist erstaunlich, wie viele Männer in meinem Alter immer noch nicht in der Lage sind, gut zu küssen!), dann bleibe bitte weg.

Alles war perfekt. Schnell fühlten wir uns seelenverwandt, ich habe mich anvertraut. Seine Geschichten fand ich zwar immer ein wenig überzogen und chronologisch nicht so ganz passend, aber es war mir egal. Er wollte mich, nur mich. Ich hatte das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

In den ersten Monaten war die Beziehung wundervoll

Er hat geweint und gesagt, dass solche Gefühle noch nie jemand bei ihm ausgelöst habe, und dass er mich heiraten will. Das fand ich schon schnell, zumal er noch in Trennung lebte und die Scheidung erst noch folgen sollte. Ich habe mich dennoch geschmeichelt gefühlt. Endlich meinte es jemand ernst. Die Beziehung war in den ersten vier, fünf Monaten wundervoll.

Unangebrachtes Verhalten habe ich als schrullig abgetan. Ich bin ja auch nicht einfach. Wir haben viel gesprochen, viele Ausflüge gemacht, miteinander geschlafen, gelacht, Ernsthaftigkeit erlebt. Meine Jungs fanden ihn toll. Er konnte kochen und wusste, wie man eine Waschmaschine bedient. Match!

Er hat alles bedient, was ich mir gewünscht, ersehnt, erhofft hatte. Er hat mit meiner Sehnsucht Händchen gehalten und ihr gezeigt, dass es klappen kann. Zunächst.

Als ich mich einließ, war es vorbei

Dann nahm die Beziehung eine Wendung. Wenn ich nur ein wenig mehr auf meinen Bauch gehört hätte, hätte ich das ahnen können: Warum hat sich seine Exfrau getrennt, wenn er doch der perfekte Mann ist? Der, der alles kann. Kein Talent ist nicht vorhanden. Großartigst. Fertig. Gebildet und wortgewandt! So jemanden verlässt man doch nicht?!

Gedacht habe ich mir die Unstimmigkeiten schon, aber bei mir ist ja alles anders, hat er gesagt. Bei mir hat er endlich sein Ziel erreicht. Ich bin die Liebe seines Lebens. Endlich fühlt er sich wieder. Das habe ich ihm wirklich geglaubt. Und mich davon blenden lassen.

Denn in dem Moment, in dem ich mich eingelassen habe, war sein alleiniges Ziel, die Herrschaft zu übernehmen. Er trat auf die Bühne!

Nicht laut oder argwöhnisch. Sondern subtil, manipulativ. Perfide halt. Immer gerade so, dass man selbst nicht deutlich spürt, was da gerade passiert. Aber man merkt mit der Zeit, dass man müde und fahrig wird. Und Angst bekommt.

Ich bekam Angst, dass ich nicht gut genug für ihn war

Die Angst, dass man nicht gut genug ist, weil der Mann sich immer öfter schlecht fühlt neben einem: Er muss immer mehr trinken, hat keine Freunde mehr, keine Hobbys. Spätestens, als ich um Sex betteln musste, habe ich mich gefragt, was mein Fehler war.

Antworten auf meine Fragen habe ich nie bekommen. Es sei alles gut und er nur gerade ein wenig gestresst. Wenn dies und das mal erledigt wäre, würde er sich wieder besser fühlen. Dies und das war erledigt, aber es änderte sich nichts.

Ich fühlte mich minderwertig. Er ließ mich am langen Arm verhungern, während er fleißig dabei war, mit Liebesbekundungen meine Laune aufrecht zu erhalten.

Ich machte Schluss und er kam wieder. Wollte unbedingt. Alles besser machen. Natürlich änderte sich nichts. Viel versprochen, nichts gehalten.

In seiner Seele sah ich nur noch Dunkelheit

Wieder dachte ich, ich müsste mich noch mehr anstrengen. Von meiner Stärke war bald nicht mehr viel übrig. Viele Situationen folgten, wo ich am liebsten ausgeflippt wäre, aber ich wollte den Frieden nicht stören.

An einem Abend, an dem er sich wieder betrunken hatte, demütigte er mich schleichend und permanent vor unseren Gästen. Beim letzten Gast hat er sich so großspurig, arrogant, gottähnlich und herablassend verhalten, dass ich es kaum ertrug.

Dann fing er an, das auch mit mir zu machen. Er schaute mich lachend auf eine Art und Weise an, die mir Angst machte. Ich konnte durch seine Augen in seine Seele sehen und da war nur Dunkelheit. Seine Maske der Blendung, die er die ganze Zeit aufgesetzt hatte, war verrutscht. Da habe ich Angst bekommen und ihn weggeschickt.

Diesmal kam er nicht wieder. Er hatte sich bereits ein neues Revier zur Selbstdarstellung gesucht und brauchte mich nicht mehr. Hier und da noch ein paar Meldungen per Smartphone. Nur, um mich zu verwirren. Kein Blick zurück, der mir gelten sollte.

Er sagte mir, dass alles eine Lüge gewesen war

Er hat mich nicht geliebt. Er brauchte nur eine Bühne. Er hat mir ins Gesicht gesagt, dass alles eine Lüge gewesen war: Jeder Kuss, jedes Wort, jede Tat. Meine Kleinbürgerlichkeit hätte ihn verwahrlosen lassen und nun, wo er wieder Intellektuelle und seine Freunde, von denen ich ihn isoliert hätte, um sich habe, ginge es ihm endlich wieder gut.

Er trinke nicht mehr, habe ein Buch geschrieben und sei mir dankbar, dass ich ihm die Augen geöffnet habe. Er sei eben ein Narzisst und nicht beziehungsfähig. Er habe nur noch Positives in seinem Leben zu erfahren, seit ich endlich weg bin. Entweder hätte er sich bei mir totgesoffen oder einen von uns erschlagen! Das saß.

Er hinterließ Fragen, auf die es keine Antworten gab. Wie konnte ich mich nur so blenden lassen? Wie konnte es soweit kommen, dass ich mich nun leer fühle, obwohl die Beziehung nicht gut war? Wieso ist meine Trauer über den Verlust einer Person, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat, so groß? Wieso kann ich nicht wütend sein auf das, was er mir – und meinen Kindern – angetan hat? Ich wollte sterben. Er hatte mich leergesaugt und ausgespuckt.

Ich weiß jetzt: Die Antwort auf alle Fragen liegt in mir selbst

Im Nachhinein habe ich versucht, zu verstehen, was passiert war. Es ist nun sieben Wochen her und ich bin weiter, als ich es je nach einer Beziehung war.

Oder besser: Näher. Näher bei mir.

Ich fange an, mich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Im Netz findet man sehr viel zum Thema Narzissmus. Das hilft allerdings nur bedingt. Man versteht IHN, aber immer noch ist man nicht bei sich selbst. Da aber liegt die Antwort: In MIR!

Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause nahm auf einmal die entscheidende Frage Gestalt an: Kann ich mich selbst lieben? Seitdem arbeite ich an meinem leeren Gemütsfass, das immer nur von der Männerwelt gefüllt wurde, aber nie von mir selbst.

Ich arbeite an meinem leeren Gemütsfass, das immer nur von Männern gefüllt wurde

Ich habe mit einer Therapie begonnen, um zu lernen, dass ich nur aus mir selbst die Kraft  und die Ruhe schöpfen kann, um mich selbst anzunehmen.

Es ist nicht immer leicht. Oft geht es mir wie dem Kind auf der Wippe, das keinen Mitwipper hat. Dann muss ich eben auf das Wippen verzichten. Schaukeln geht zum Beispiel alleine viel besser. Dann schaukele ich eben.

Es bedarf keiner fremden Person mehr, um mein leeres Sehnsuchtsfass zu füllen. Wenn ich es selbst füllen kann, kann auch die Quelle nicht versiegen. Kein Mann bekommt mehr die Gelegenheit, meine Sehnsucht an die Hand zu nehmen. Ich möchte diese Hand keinem mehr reichen. Nur mir.

Männer sind die Glasur auf dem Kuchen - mehr nicht

Männer sind toll, ich will nicht alle schlechtreden und habe auch immer noch Lust auf sie. Aber sie sind die Glasur auf dem Kuchen. Mehr nicht.

Auch, wenn ich mir die Erfahrung mit ihm gerne erspart hätte, so hat sie doch etwas Gutes. Ich weiß jetzt, was wichtig ist: Höre auf dich! Sei bei dir! Sorge dich um dich und erfahre dich! Wenn etwas zu gut ist, um wahr zu sein, dann ist es das auch! Lass dich nicht blenden! Ich habe Besseres verdient! Ich habe MICH verdient!

Alles andere ist ein schönes Extra, aber nicht existenziell. Außer Schokoladenkuchen. Der geht immer.

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