Wie mich meine Schilddrüse fast in die Depression trieb

Wenn Körper und Geist rebellieren, steht man am Anfang einer Suche nach der richtigen Diagnose. Unsere Autorin Lena musste lange suchen – und fühlte sich dabei von ihren Ärzten im Stich gelassen. 

Etwas stimmt nicht mit dir.

Es war eine Stimme in meinem Kopf, die das flüsterte. Erst ganz leise, aber im Laufe der Zeit wurde sie immer lauter. Forderte Aufmerksamkeit ein. Ich ignorierte sie lange – sie und die Schlafstörungen, die mich nächtelang wach liegen ließen; die extreme Müdigkeit am Tag; die Verdauungsstörungen; die Haare, die mir verstärkt ausfielen. Anfang Februar 2018 zwang die Stimme mich schließlich zuzuhören: Eines Abends brach ich zutiefst erschöpft und von Heulkrämpfen geschüttelt in meinem Wohnzimmer zusammen.

Ist immer nur der Stress schuld?

Ich wusste, dass ich beruflich gestresst war. Aber meine Beschwerden hielten schon deutlich länger an, als ich die beruflichen Probleme hatte, das konnte also eigentlich nicht alles sein. Ich tippte stattdessen auf eine Schilddrüsenunterfunktion – meine Symptome passten jedenfalls dazu. Die Krankheit lässt sich durch eine Hormontablette recht leicht in den Griff bekommen.

Eine endlose Werte-Diskussion

Also ging ich zu meinem Hausarzt und bat um einen Bluttest, um die Schilddrüsenwerte zu kontrollieren. Und stieß direkt auf Skepsis: "Sie wissen, dass es große Uneinigkeit über die Schilddrüsenwerte gibt?", fragte der Arzt und ich nickte. Meist sprach man von einer Schilddrüsenunterfunktion, wenn der sogenannte TSH-Wert bei über 4,0 lag, außerdem sollte man sich zusätzlich die Schilddrüsen-Hormone T3 und T4 ansehen. Neuere Studien legen aber nahe, dass bereits ein TSH von über 2,5 behandlungswürdig sein kann, wenn entsprechende Symptome vorliegen. Man muss halt individuell entscheiden.

Ärztliche Willkür? 

Ich sah meinen Verdacht mit dem Ergebnis des Bluttests auch mehr oder minder bestätigt. Mein TSH lag bei 3,7, die anderen Werte waren nicht gut, aber auch nicht richtig schlecht. Trotzdem blieb mein Arzt skeptisch – und fragte mich mehrmals, ob ich nicht doch einfach ein wenig zu gestresst war. Es war das erste Mal, dass ich mich von ihm nicht ernst genommen fühlte. 

Also machte ich einen Termin bei einer Endokrinologin, die langjährige Erfahrung im Bereich Schilddrüse hatte. Auf den Termin wartete ich acht Wochen – und in der kurzen Zeitspanne verschlimmerten sich meine Symptome nicht nur, es kamen noch mehr dazu. Meine Haut wurde trocken und spannte; die Waage spielte verrückt: Ich nahm kontinuierlich zu, zur Zeit des Termins im April verzeichnete ich ein Plus von fast sechs Kilo, ohne dass ich irgendetwas an meiner Ernährung geändert hatte. 

Frau "grenzwertig"

Die Endokrinologin ordnete noch einen Bluttest an und machte einen Ultraschall der Schilddrüse. Da fiel zum ersten Mal der Begriff, den ich in den nächsten zwei Monaten beginnen würde zu hassen: grenzwertig.

Die Ränder sind grenzwertig dunkel, aber ich kann keine eindeutige Diagnose stellen.

Meine Verunsicherung wuchs: Steigerte ich mich nur in etwas hinein? 

Auch der Bluttest war für die Ärztin nicht eindeutig: TSH bei 3,4, die anderen Werte – natürlich – "grenzwertig". Dafür waren der Vitamin D und der Vitamin B12-Spiegel miserabel. Ich solle mich einfach mal ein wenig entspannen und den Vitaminmangel über Präparate ausgleichen, dann sollte es bald besser gehen. Ein nächster Bluttest sei erst im Oktober nötig. Ich nahm die nächsten Wochen brav meine Vitamine, hoffte auf Besserung – und fiel stattdessen in ein tiefes Loch. 

Der Zeiger meiner Waage ging immer weiter hoch, Mitte Mai war ich bei fast zehn Kilo Zunahme, keine Hose passte mehr. Alle Symptome verschlimmerten sich nochmals: Mit meinen trockenen und strohigen Haaren, die mir wieder ausfielen, konnte ich in der Dusche inzwischen jede Fliese einzeln tapezieren. Jeder Gang zur Toilette wurde wegen starker Verstopfung zum Kampf, einmal konnte ich sechs Tage überhaupt nicht und litt an einem Blähbauch.

Wenn du lernst, dich selbst zu hassen

Dazu kam der beginnende Selbsthass. Ich stand immer häufiger morgens vor dem Spiegel und ekelte mich vor mir selbst. Vor meinem Gewicht, vor der blassen, trockenen Haut, auf der sich überall rote kleine Pickelchen bildeten, vor dem Vogelscheuchen-Haar. "Du bist fett und hässlich. So kannst du doch nicht unter Menschen gehen", dachte ich verzweifelt und wollte mich wieder im Bett verkriechen. Ich wollte nicht mehr rausgehen. Ich weinte viel. Fühlte mich unverstanden. Und hörte wieder den Begriff "Stress" in meinem Kopf. 

Und dennoch konnte und wollte ich mich nicht damit zufriedengeben. Mir war klar, dass ich erste Anzeichen einer handfesten Depression entwickelte. Ich, die ich immer so stark und selbstbestimmt war. Also raffte ich mich auf und verlangte nach sechs Wochen einen neuen Bluttest. Der TSH lag diesmal bei 3,3, die anderen Werte waren natürlich wieder grenzwertig.

Ihre Beschwerden können auf keinen Fall von der Schilddrüse kommen. Vielleicht haben Sie nur etwas viel Stress.

Das war das letzte, was ich von der Endokrinologin hörte, bevor ich mich kurz angebunden verabschiedete.

Endlich ein Lichtblick?

Endgültig geschlagen schlich ich zurück zu meinem Hausarzt, der mich noch nie so am Boden gesehen hatte. Er ging mit mir nochmals alle Symptome durch und die Blutwerte, die er von der Endokrinologin angefordert hatte. "Nun ja, ich will ja Beschwerden behandeln und keine Werte", sagte er schließlich. Worte, von denen ich nicht mehr erwartet hatte, sie noch zu hören. Also verschrieb er mir testweise eine niedrige Dosis des Schilddrüsenhormons und nahm mir das Versprechen ab, Tagebuch über meine Beschwerden zu führen.

Das war im Juli 2018 – jetzt, im Dezember, bin ich unglaublich dankbar für diesen Test. Nicht mal zwei Wochen, nachdem ich die Hormontablette zum ersten Mal eingenommen hatte, verschwanden meine Verdauungsbeschwerden vollständig. Auch mein Schlafverhalten hat sich wieder eingependelt. Dementsprechend hat auch die ständige Müdigkeit nachgelassen. Der Haarausfall ist weg.

Das ständige Zunehmen hat auch sofort aufgehört. Abnehmen konnte ich bisher noch nicht, aber ich bin auch noch in der Einstellung für die richtige Tablettendosis. Insgesamt fühle ich mich viel besser als in der ersten Jahreshälfte – und bin froh, dass ich für mich, meinen Körper und meine Seele weitergekämpft habe. Auch eine sogenannte Expertin weiß eben nicht immer alles.

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Schilddrüse: Depressive Frau
Wie mich meine Schilddrüse fast in die Depression trieb

Wenn Körper und Geist rebellieren, steht man am Anfang einer Suche nach der richtigen Diagnose. Unsere Autorin Lena musste lange suchen – und fühlte sich dabei von ihren Ärzten im Stich gelassen.

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