Meine Tochter ist schwanger - mit 16. Chance oder Katastrophe?

Als es hieß, ihre Tochter bekomme ein Kind, dachten alle: schwanger mit 16, Katastrophe! Für Birgit Hinz, die werdende Oma, aber war es die Chance auf einen Neubeginn. Wieso, erzählt sie in der Leserkolumne "Stimmen".

Birgit Hinz, 49, lebt in Hamburg und hat sich mit "HerzHunde" selbstständig gemacht. Dabei vermittelt sie u.a. in Workshops, wie eine "Rudelharmonie" zwischen Mensch und Tier entsteht. Sie arbeitet zudem als Therapiehundeführerin und singt in ihrer Freizeit im Chor. Das gibt ihr innere Balance, Bestätigung und Kraft, "den außergewöhnlichen Herausforderungen meines Lebens standzuhalten".

Vor zwei Jahren veränderte ich mein Leben und damit automatisch auch das meiner Kinder. Lange hatte ich mir gesagt: "Das darfst du nicht tun, dass kannst du deinen Kindern nicht antun! Du weißt selbst, wie fürchterlich eine Trennung der Eltern für Kinder ist!" Letztlich ging es nicht anders, wenn ich mich nicht verlieren wollte, musste ich mich von meinem bisherigen Leben lösen.

Meine beiden Töchter waren "schon groß", mit 17 und 14 Jahren baute ich darauf, dass ich ihnen doch viel erklären würde können. Ich organisierte psychologische Hilfe für beide und tat den Schritt in meine persönliche Befreiung. Es folgten erst einmal Monate der Wut und der Trauer, besonders bei meiner jüngeren Tochter. Wut auf mich, Mitgefühl für ihren Vater, Trauer und Verzweiflung darüber, dass ihre heile Welt zerstört worden war. Ich konnte sie emotional so sehr verstehen und konnte doch nichts weiter tun, als zusehen und mir selbst treu bleiben. Hinzu kamen die altersgemäßen, pubertären Problematiken, die Rebellion gegen das "Establishment" war bei ihr zu erwarten gewesen! Und tatsächlich kam die Rebellion, das Abwenden von allem, was bisher Wert und Bestand hatte, unaufhaltsam und gewaltig.

Sie fand in der Szene um den Hamburger Hauptbahnhof eine breite Plattform für ihr emotionales Bedürfnis, "Nein" zu sagen zu allem und jedem, der ihr zu normal erschien, was sie mit ihrem zerstörten Weltbild in Verbindung brachte. Es begann mit Äußerlichkeiten, wie einem Nietenhalsband als "Kette" und dem Ausdehnen des Ohrloches auf zwölf Millimeter, damit eine Zigarette hineinpasste. Natürlich blieb es in dieser gesellschaftlichen Randszene nicht bei Äußerlichkeiten. Auch ihr gesamtes Verhalten änderte sich in rasanter Geschwindigkeit. Sie schwänzte die Schule immer häufiger, begann sich zu ritzen, sie rauchte, kiffte gelegentlich, sie hielt sich an keine Regeln, kam nachts nicht nach Hause und ich wusste auch nicht, wo sie war. Sie zog sich vollkommen zurück, wollte nur noch ihr Leben genießen, und das hieß, mit ihren Kumpels zu "chillen".

Alles Reden half nichts, jegliche Form von Konsequenz blieb ohne Erfolg. Sie machte weiter ihr Ding - lebte ihr Leben. Ich hielt dagegen mit Reden, Reden, Reden! Ich gab sie nicht auf, schmiss sie nicht raus, obwohl mir das vom Jugendamt empfohlen wurde, ich fuhr ihr hinterher, nahm Kontakt zu ihren Kumpels auf, unterhielt mich mit diesen, blieb offen für ihre Bedürfnisse. Es kostete enorme Kraft, und häufig war ich verzweifelt. Es erschien sinnlos, ich war frustriert, weil alle Ratschläge von erfahrenden Sozialpädagogen nutzlos waren. "Sie müssen das Ruder wieder in die Hand nehmen!", brachte mich nicht weiter, denn mein Passagier war ausgestiegen - hatte sich im Beiboot abgesetzt und dümpelte für mich unerreichbar im Meer dahin.

Anfang März dann die Nachricht, die alles veränderte: "Mama, ich bin schwanger!"

Die jüngere Tochter von Birgit Hinz in fortgeschrittener Schwangerschaft

Das Jugendamt nannte es den "worst case", die engste Familie "eine Katastrophe". Ich sah nach dem ersten Schreck eine enorme Chance in der Situation. Ich blieb bei meiner neu gewonnen Einstellung, dass meine Tochter mit ihrem Leben allein fertig werden musste. Sie entschied sich dafür, das Kind auf die Welt zu bringen. Ich entschied mich dazu, sie dabei zu begleiten, ihr aber keine Verantwortung abzunehmen. In der Praxis ein gewaltiger Balanceakt, denn durch die veränderte Situation war sie häufig unsicher und wollte herzlich gern die Entscheidungen und Verantwortungen wieder an mich zurückgeben, sozusagen nicht nur das Beiboot wieder festmachen, sondern zurück ins Mutterschiff aufgenommen werden. "Du schaffst das schon, ich vertraue dir!" waren die Worte, die ich dann am häufigsten gebrauchte.

Gegenwind bekam ich von einer unerwarteten Seite. Plötzlich wendeten sich gute Freunde von mir ab und ich wurde als "asozial" angesehen. Wie konnte ich das nur zulassen, hieß es. Warum hatte ich es nicht verhindert? Was war denn da in der Erziehung falsch gelaufen? Da sah man mal wieder, wo das hinführt, wenn die Mutter nur egoistisch an Selbstverwirklichung denkt. Das musste ja passieren, das arme Kind. Nun würde sich meine Tochter das ganze Leben versauen, weil ich so eine Egozentrikerin bin. Ich war eben nicht für sie da, als sie mich brauchte, habe gearbeitet, was war ich für eine Rabenmutter.

Heute kann ich diesen Menschen ruhig und selbstbewusst entgegentreten. Nein, ich bin keine Rabenmutter, weil ich mir selbst treu blieb. Ich habe meinen Töchtern Werte mitgegeben und sie nach bestem Wissen und Gewissen erzogen. Was sie nun aus ihrem Leben machen, liegt in ihrer eigenen Verantwortung. Tatsächlich habe ich alte "Freunde" verloren, aber bekam Unterstützung von Menschen, von denen ich es nie vermutet hätte. Viele Kumpels meiner Tochter unterstützten sie und mich. So schaffte sie in einem Kraftakt doch noch ihren Hauptschulabschluss, ihre ganze Einstellung zur Schule hat sich gedreht - sie will unbedingt ihren Realschulabschluss machen, dann eine Ausbildung im sozialpädagogischen Bereich. Klare Ziele, die weit entfernt sind von einem Leben auf der Straße, was ehemals so verlockend schien. Sie will ihrem Kind doch nicht ein Leben am sozialen Abgrund zumuten!

Ich habe durch die Entwicklung der letzten zwei Jahre gelernt, ihr zu vertrauen - mir zu vertrauen, ihre Wünsche zu akzeptieren und zu wissen, dass nicht ICH die Verantwortung für ihr Leben habe. SIE hatte Sex, SIE hat nicht verhütet, SIE ist schwanger geworden. Sicher - geplant war da gar nichts. ABER - das Kind ist ein absolutes Wunschkind! Es ist kein Unfall, keine Katastrophe, nicht der "worst case", sondern ein außergewöhnliches Geschenk, auf das sie sich herzlich freut. Ich bin dankbar, dass ich daran teilhaben darf.

Wir haben heute wieder ein inniges, herzliches, gutes Verhältnis, was von gegenseitigem Respekt getragen wird. Sie ist - mit 16 schwanger - erwachsen geworden und freut sich auf ihr Leben als Mutter. Und ich? Ich bin unendlich stolz auf sie!

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